Zurück zum Content

Mercedes-Benz GLA 45 AMG

Was ist eigentlich Geschwindigkeit?

Angst ist ein Grundgefühl und damit wesentlicher Bestandteil der menschlichen Existenz. Sie macht allerdings Vieles kompliziert. Das menschliche Miteinander etwa. Ein Gedanke, der dich nicht loslässt, während du zwischen fetten (truck yeah!) Pickups durch die Südstaaten der USA treibst.

Stolz haben sie hier – und Vorurteile. Vielleicht aber einfach nur Angst? Nur: warum? Und vor allem: wovor? Vor dem Asiaten, der die heimische Autoindustrie ruiniert? Oder dem Araber, der gleich das ganze Land zerlegt? Keine Ahnung. Auf unserer Seite des Atlantiks kann man manches wohl einfach nicht so nachfühlen, wie man es hier erlebt. Am meisten erstaunt allerdings die Angst vor der Geschwindigkeit. Denn speeding scheint auf derselben Stufe zu stehen wie Sprengstoffgürteltragen in der Öffentlichkeit. Oder Wildpinkeln. Und das ist kein Scherz, zumindest letzteres wissen wir aus eigener Erfahrung.

Besonders ärgerlich: wenn du extra zum Ballern sechs Stunden Umweg in Kauf genommen hast, um das bisschen Asphalt zu fressen, das dem Amerikaner heilig ist: den tail of the dragon. Auf 11 Meilen drängen sich 318 Kurven und generell gelten 30mph als Geschwindigkeitslimit. An besonders dramatischen Stellen gerne auch mal 20. Oder etwa: zehn. Nicht etwa als lockere Empfehlung, sondern in bitterem Ernst. Im Netz finden sich liebevoll detaillierte Karten an denen minutiös alle Radarfallen und Stellen, an denen der Rennleiter gerne die Kelle schwenkt notiert sind – und über allem schwebt die Empfehlung: be careful, be slow!

Nur stehen sich Fahrfreude und Angst vor der Einkerkerung leider diametral gegenüber. Weil man beim Kurventanz und dem Ritt über Land eben vor allem eines haben muss: Tempo. Sicher, nicht jeder will und braucht das. Es ist illegal und gefährlich. Du kannst dein Leben lassen, im Rollstuhl enden, den Führerschein und viel Geld verlieren. Nur: Trotzdem ist und bleibt die heiße Runde auf der Landstraße die Essenz des Fahrens. Wenn du tief in den Sitz gezurrt bist, in mitten des Sturms das Gas anlegst und es vorwärts geht. Einfach nur vorwärts. Wenn du Beschleunigung nicht am Tacho ablesen brauchst, sondern spürst, wie es den Schädel an die Kopfstütze presst und die Arme lang macht.

Überhaupt: Gefühl.

Der lockere Fahrer macht Tempo. Der Gestresste wirft nur zielsicher ein. Denn es geht hier – nicht das man da etwas falsch versteht – keinesfalls um stumpfes Rasen, vielmehr geht es um fröhliches Fahren. Um Auseinandersetzung mit dem Fahrzeug, mit der Strecke und mit sich selbst. Weil: Wer sich in Situationen groben Fahrens auf Dinge verlässt, ist verlassen.

Agieren, nicht reagieren – die Grundregel des Schnellseins. Dazu kommen: Übung. Kein Meister ist bisher vom Himmel gefallen. Blickführung. Das Stühlchen fährt immer genau dorthin, wo sich deine Augen festnageln. Linie. Außen bleiben, spät tief rein und dann voll raus. Bremsen. Grobe Lastwechsel sind der Tod, der Reifen kann entweder verzögern oder lenken. Wer das beachtet, der wird Geschwindigkeit mit ganz anderen Augen sehen. Nur: Plötzlich ist das Tempo so hoch, dass man sich um ein Vielfaches mehr konzentrieren muss. Wer beim zügigen Aneinandersetzen dieser Regeln plötzlich eine Masche fallen lässt, reißt ein größeres Loch in die Leitplanke als ihm lieb ist.

Wo wir wieder beim Leo* wären, dem natürlichen Feind der Fahrfreude. Sicher mag es auch solche geben, die nach Feierabend die scharfe Corvette entern und den V8 einmal so richtig durchlüften, aber im Großen und Ganzen versteht Leo keinen Spaß. Er darf es auch nicht, denn sobald er dich durchwinkt, wird er entlassen. Er kann also wenig dafür und man sollte ihm deshalb nicht böse sein – eher: Mitleid haben. Früher hat Leo Verbrecher verhaftet, heute stellt er Strafzettel aus.

Röhrt, plöfft, patscht, quietscht und ist fröhlich – der GLA 45 AMG

Doch es gibt sie, die Momente an denen der Leo dich nicht sieht. Früh morgens etwa, so gegen 06:30, die Sonne ist gerade aufgegangen und Leo sitzt noch an Mamas Frühstückstisch bei der zweiten warmen Milch. Du hast derweil schon 150 Meilen Anfahrt hinter dir, der Kasten ist also betriebswarm und es gibt: Feuer. 360PS, 450Nm, verwaltet von einem schlanken Siebengänger und losgelassen auf alle Viere. Kurz: GLA 45 AMG. Klar, hätte auch A, CLA oder CLA Shooting Brake sein können, aber wir sitzen hochtief im kompakten Crossover und freuen uns. Es röhrt, plöfft, patscht und zwitschert. Dazwischen pfeift es, quietscht und hupt. Fröhlich ist es, wirklich.

Die ersten Kurven wedelt man sich ein, stellt fest, dass die Dritte es immer gut richtet. Hier stimmt der Druck aus dem Keller und in der Mitte bist dann schon zünftig schnell. Die Vier ist nix, hier rudert er hilflos mit der Vorderachse, dann und wann knipst das ESP sogar im Handling-Modus das Licht aus. Auch die Zwei ist Fehl am Platz: zu grob der Durchgriff, im dichten Drehmomentnebel findest die richtige Linie nimmer. Denn das Ding ist schon richtig schnell. Man braucht das gar nicht verlachen, von wegen AMG, Vierzylinder und so. Der 45er ist eine Macht. Das Fahrwerk in den engen Ecken des tails sauber abgestimmt, die Wellen, Verwerfungen und Verschränkungen des Indianerpfads machen ihm wenig aus.

Mehr dagegen schon: das Überfahren. Denn: Die Lenkung ist arg leichtgängig. Spaß macht das, locker aus dem Handgelenk zirkelst du ihn ein, nur: merken wann es zuviel wird? Schwierig. Irgendwann dann, zack, kommt er dir vorne aus, braucht zwei, drei Meter mehr Platz als du geplant hast. Das ist schlecht, hier oben am tail manchmal sogar dramatisch. Denn: Du bist schnell in diesen Momenten, wir haben es oben angesprochen, da musst du vorher fühlen können, wohin die Fuhre will, nicht erst, wenn es zu spät ist. Ein bisserl mehr Rückmeldung wäre von Vorteil. Du würdest einfach Tempo rausnehmen, ihn anders in die Kurve biegen – bloß: Er behauptet immer alles ginge, bis eben nix mehr geht. Immerhin, auf der Bremse fängst du ihn dann wieder. Zwingst ihn massiv in den Lastwechsel, das Heck kommt dankend und weiter geht es. Die feine Art ist das nicht, mehr so der Holzhammer. Aber wir sitzen hier in einem AMG. Da wäre alles andere auch eine Enttäuschung.

Enttäuschend bleibt dann aber die Strecke. Nach elf Meilen kommst du wieder im Tal an, da hängen dann diverse zertrümmerte Motorräder oder deren Teile von einem Baum, es gibt Souvenirs, BBQ, Burger und andere Dinge, die der Amerikaner gerne mag. Bloß: Warum haben sie eingeworfen? Weil die Strecke so gefährlich ist? Eher nicht. Klar, der tail of the dragon ist nett. Landschaftlich schön, besonders im Sonnenaufgang mit schöner Lichtstimmung.

Nur: So etwas hat es in jedem Land, das mit einem mittleren Gebirge gesegnet ist. Man muss deshalb nicht nach Tennessee und in die Great Smoky Mountains.

*Leo als liebevolle Abkürzung des law enforcement officers.

Text: fm/Bilder: fm

Gib als erster einen Kommentar ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.