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Audi RS3 Sportback

Klassenprimus?

Winterkorn hin, Piech her, eins muss man dem Volkswagen-Supertanker trotz öffentlich ausgetragenem Konzernführungskampf lassen: MQB läuft! Den Seat Leon ST Cupra haben wir gerade erst in unser Herz geschlossen, den 7er Golf GTI mögen wir schon länger, der Skoda Octavia RS gehört bereits seit drei Generation in die Kategorie «best bang for the buck» und beim Audi S3 fragten wir uns sogar: «Der beste Audi je?» Einzig mit den Emotionalität hapert es immer ein wenig. Ingolstädter Perfektion lässt dafür einfach keinen Platz. Doch jetzt kommt der Audi RS3 Sportback und der trägt den extrovertiertesten Motor in sich, der quer unter die Haube passt, einen mehrfach prämierten Fünfzylinder. Doch reicht das, um endlich «Modularer Querbaukasten» und «Herzklopfen» in einem Satz zu schreiben?

Der erste Audi RS3 Sportback spaltete die Lager. Er war ein fast 1,7 Tonnen schwerer Brocken, bei dem gefühlt der Grossteil des Gewichts auf der Vorderachse lag. Entsprechend bewegte sich die Fuhre untersteuernd zum Kurvenrand, während die Haldexkupplung die Hinterachse auf den Asphalt nagelte und die Bremse an der Vorderachse dabei so sehr an einer Verzögerungsschwäche litt, dass Audi sich sogar entschliessen musste, 5500 Einheiten des RS 3 zum Bremsentausch zurückzurufen. Doch dann war da dieser Motor! Ein 2,5-Liter-Murl, der einem akustisch stets das Gefühl gab, direkt mit Stig Blomqvist oder Walter Röhrl im Ur-quattro auf einer Wertungsprüfung unterwegs zu sein. Druck hatte der Fünfender obendrein: 340 PS. Das war 2011 noch ein Wert, mit der sich Audi die Leistungskrone in der Kompaktklasse aufsetzen konnte.

2015 sieht die Welt anders aus. Die Konzernmutter droht mit dem Golf R400, BMW verpasst dem nicht masslos auf Sport getrimmten M135i bereits betörende 326 PS – und dann gibt es da noch den Mercedes-Benz. Die Schwaben besassen 2013 die Frechheit, einfach 360 PS und Allradantrieb in ihre A-Klasse zu stopfen und damit einen Treffer direkt vor den Bug der Ingolstädter zu landen. Darum hat man in der quattro GmbH jetzt aufgerüstet. Mit 367 PS steht der PS-Pokal jetzt erstmal wieder in Ingolstadt bzw. Neckarsulm und das reicht auch, um per Launch Control den Kompaktsportler in glaubwürdigen 4,3 Sekunden auf 100 km/h zu zoomen. Klassenbester! Zusätzlich profitiert die zweite Generation RS3 Sportback von der MQB-Diät, die das Gewicht auf knapp unter 1,6 Tonnen drückt. Immer noch viel, doch zusätzlich sitzt der prächtige Antrieb jetzt nicht mehr ganz so weit vor der der Vorderachse.

Audi ist von dem Gesamtpaket daher so überzeugt, dass sie uns bei Rom über die Rennstrecke Autodromo Vallelunga schickten. Doch irgendwie fanden wir diese Idee gar nicht so gut, denn der vier Kilometer lange Rundkurs mit ultragriffigem Belag und brutal hart anzubremsenden Kurven deckt gnadenlos den Charakter des Fünftürers auf. Die gute Nachricht zu erst: die Bremse hält! Besonders, wenn – wie auf unserem RS3 – die optionale Keramikbremse montiert ist. Doch leider nagelt auch die neue elektronisch gesteuerte und hydraulisch betätigte Lamellenkupplung an der Hinterachse das Heck wieder spassverderbend auf den Asphalt. Obwohl Audi vollmundig behauptet, dass in Abhängigkeit von Fahrstil und Reibwert bis zu 100 Prozent der übertragbaren Antriebskräfte an die Hinterachse geleitet werden können. In der Realität kommt dort nur maximal die Hälfte der Kraft an. Will man wirklich 100 % an den Hinterrädern, muss man schon mit dem Wagenheber die Vorderachse in die Höhe pumpen, bis die Räder hilflos in der Luft baumeln.

Um mit dem RS3 also wirklich schnell auf einem Rundkurs zu sein, muss man extrem präzise fahren, doch da wir nicht um tausendstel Sekunden oder die Poleposition kämpfen, finden wir das etwas fad, wenn das Heck so gar nicht mitarbeiten darf und im Zweifel nur die Vorderachse rutscht. Man kann sich aber auch die optionalen 255er Reifen an der Vorderachse montieren lassen. Diese zwei Zentimeter mehr Gummi (Serie ist eine 235/35-19 Bereifung rundrum) mühen sich redlich, das zu schaffen, was eine mechanische Sperre eigentlich viel besser erledigen könnte: weniger Untersteuern und gierigeres Einlenken. Doch so ganz kann auch dieser Ingenieurs Kniff nicht verbergen, dass die Basis für den schnellen Sportback eine Frontantriebsplattform ist (kennen wir ja schon vom Vorgänger…). «Bei Nässe ist das alles ganz anders» versprach man uns, doch der Regenschauer, um dies überprüfen zu können, blieb im frühlingshaften Italien aus.

Der Audi RS 3 Sportback lässt uns daher etwas ratlos zurück. Er hat sich zwar fahrdynamisch spürbar weiterentwickelt, doch ein Racer für Hobbypiloten ist er weiterhin nicht. Im Alltag fühlt sich der Ingolstädter dagegen einfach zu knochentrocken und rumpelig an. Ob das optionale adaptive Dämpfersystem hier Abhilfe schafft, konnten wir nicht prüfen, doch wir gehen davon aus, dass die potenten Kundschaft (der Grundpreis in der Schweiz liegt bei stolzen 71’600 Franken) das magnetic-ride Fahrwerk sowieso blind dazu bestellen wird, denn Audi weiss genau, dass die Kunden des aufgeblasenen Kompakten nur selten den Kaufvertrag vor der 80’000-Franken-Grenze unterzeichnen.

Doch was ist der RS 3 also? Ein infernalisch schneller Poser, der es liebt, seine Kraft mit einer fünfzylindrigen Symphonie zum Dahinschmelzen zur Schau zu stellen (wir empfehlen als Soundverstärker unbedingt die optionale Sportabgasanlage). Doch auch dieses MQB-Derivat löst bei uns kein ultimatives Herzrasen aus, denn obwohl der A3 eine hervorragende Basis ist und der Motor in Zeiten des Downsizing-Wahnsinns ein echtes Schmankerl darstellt, erscheint die daraus entstandene Komposition etwas inhomogen.

Mehr Audi gibt es in unserem Archiv.

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