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KTM X-Bow GT4

#Supertest2015 (1)

Da, bevor es hoch geht Richtung Seewiesen und dann wieder runter nach Mariazell, da ist dies Städtchen Kapfenberg. Nichts, was man wirklich kennen wollte oder gar müsste, ganz besonders dann nicht, wenn man in einem KTM X-Bow GT4 unterwegs ist. Denn Kapfenberg zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass es gefühlt alle 50 Meter über ein auf Rot stehendes Rotlicht verfügt, dazu über jede Menge Schleicher in Gebrauchtestwagen, welche die Grünphase verpassen – und zwischen den roten Ampeln noch über Fussgängerstreifen, über die sämtliche Rentner der Steiermark mit ihren Rollatoren trudeln. Nichts gegen Rentner und ihre Rollatoren und überhaupt die Steiermark, eine der schönsten, gastfreundlichsten Gegenden Europas, aber wenn ich im KTM sitze, dann brauche ich Kapfenberg nicht. Kapfenberg machte mich nur schwitzen. Und fluchen.

Was zum Glück niemand hörte in besagtem Kapfenberg, denn der X-Bow hat als GT4 ja ein Dach. Wobei, es ist dies mehr eine Kuppel, dort, wo beim klassischen KTM bisher nichts war, ist jetzt eine wunderschöne Schwinge mit einem noch wunderschöneren Plexiglas-Verbau, der als Ganzes hoch- und darniederschwingt, lautlos, friedlich, formvollendet. Es braucht also keinen Helm mehr, um den X-Bow zu fahren, das ist schon einmal ein ganz entscheidender Fortschritt, denn eben dieses Fahren mit Helm war wohl einer der Gründe, weshalb ganz viele potenzielle Kunden gar nie einen vierrädrigen KTM fahren wollten.

X-Bow: gutes Teil. Eigentlich. Zumindest – für uns – Freaks, die wir Fahrspass über Komfort stellen, die wir selber am Lenkrad drehen und nicht von der Eelktronik um den Bogen gefahren werden wollen, die wir selber in den Füssen spüren wollen, was denn mit Gas und Brems‘ möglich ist. Der X-Bow war trotzdem kein Erfolg, kann nur überleben dank den Zweirädern von KTM und einer Chefetage, die auch ein bisschen ums Ecke denkt. Wir wissen und verkünden es hier und jetzt: KTM macht weiter mit einem Automobil – das Carbon-Monocoque wird bleiben, alles andere neu gedacht und konstruiert. Wie weit man damit in Österreich schon ist, das verrät KTM noch nicht, doch die Ankündigung allein zaubert schon ein Lächeln auf unser Gesicht. Denn die Jungs sind ja lernfähig – und Profis. Und haben ein sehr motiviertes Team, auch von Zulieferern, um sich.

Und so muss man den X-Bow als GT4 sehen. Es ist ein Versuchsballon. KTM will wissen, wie das neue Kiska-Design ankommt – und wie denn die Bedürfnisse der Kundschaft sind. Das Fahrzeug, das wir bewegen dürfen, ist zwar kein Einzelstück mehr, aber immerhin der erste öffentliche Auftritt eines Produkts, das eine Brücke baut zwischen dem bisherigen X-Bow, einem renntauglichen Kunden-Fahrzeug – und der vierrädrigen Zukunft der Marke. Angestrebt wird mit dem GT4, der Name verrät es, die GT4-Homologation, damit wäre das Teil dann weltweit – wenn noch der entsprechende Käfig eingebaut wird – rennstrecken-tauglich. Und hätte auch eine Strassen-Zulassung.

Genau: renntauglich. Damit wären wir dann wieder in Kapfenberg, dort bei den Rotlichtern und Rentnern und den anderen Schleichern. Rennatuglich heisst auch: Renn-Kupplung, so ein Sinter-Dings, das genau einzig funktioniert, also: go. Oder dann: no go. Im Stadt- und Schleichverkehr bist Du damit die Lachnummer, manchmal dreht er zu hoch, manchmal hüpft er, hin und wieder, selten genug, ist er smooth. Nein, ausgegangen ist er mir in Kapfenberg nie, aber, ja: Fahrfreud‘ sieht anders aus. Die kommt dann: danach, den Berg hoch. Kuppeln ist ja nur im ersten Gang, die restlichen fünf haut man halb-automatisch sequentiell über die Paddels rein, Holinger, perfekt gemacht, sehr schnell, traumhafte Übergänge, hoch wie runter. Die Kraft kommt aus dem bekannten Audi-Vierzylinder, 2 Liter Hubraum, 360 PS bei 7200/min in der GT4-Konfiguration, das, äh, reicht für ein ganz flottes Vorankommen. Man bewegt ja auch nur ein Spielzeug, 999 Kilo, 4,11 Meter lang, 1,93 Meter breit und neu mit 2,6 Meter Radstand, plus 16 Zentimeter, also: deutlich weniger nervös als auch schon.

Was wollen wir schon schreiben zum Fahrverhalten: auf öffentlichen Strassen lässt sich das nicht so recht beurteilen, da steht man mit beiden Beinen im Gefängnis, wenn man sich schon friedlich an die untersten Grenzen herantastet. Hart ist er, der GT4 (weil: renntauglich), allen Spuren läuft er nach (weil: Semi-Slicks, hinten 300er). Die reine Freude ist die Präzision der Lenkung (45 Prozent des Gewichts vorne), das Ansprechverhalten und die Drehfreudigkeit der Maschine – je länger man fährt, desto grösser wird die Freud‘. Bis dann das nächste Dorf kommt.

Weiterhin kein ESP, das ist klar. So ein bisschen ABS, Renn-Konfiguration, also eher: nein. Doch so schnell ist man, wie erwähnt, auf den öffentlichen Strassen da endlich oberhalb von Kapfenberg eh nie unterwegs, dass man solches wirklich brauchen würde. Schnell ja, das ist man, er drängt dorthin, der KTM, man will – man kann. Aber immer auf der Hut, denn er ist immer noch ein Biest, ein böses Tier, das so schnell ist wie ein Porsche GT3, aber viel bissiger, giftiger – und irgendwie fröhlicher, freudiger. Nein, mit dem X-Bow fährt man auch als GT4 nicht mal schnell zum Einkaufen nach Kapfenberg, da ist man nur gewollt und hochkonzentriert unterwegs. Er ist und bleibt absolut «radical», die Anti-These des autonomen Fahrens, und allein schon deshalb lieben wir ihn. Dass sich meine 1,9 Meter und fast dreistelligen Kilo sich in diesem Sitzschälchen derart wohlfühlen, das hätte ich allerdings nicht erwartet. Auch feinst: die Verarbeitung, sehr sauber gemacht. Aber das darf man für einen Grundpreis von 139’000 Euro auch erwarten.

Meinetwegen: mehr Lärm. Das dürfte schon, aber ist halt: 4-Zylinder-Turbo. Aber daran will KTM eh noch arbeiten, wie auch an der derzeit noch ziemlich schwergängigen Lenkung. Man hört so munkeln, dass die ersten GT4 schon verkauft sind, also werden jetzt wohl laufend Verbesserungen in den Wagen einfliessen. Denn die Kunden sind ja keine Warmduscher, die wissen sehr genau, was so ein Wagen können muss, was sie von ihm erwarten. Man darf sich wirklich darauf freuen, was da noch kommen wird.

(Wir fuhren den KTM X-Bow GT4 im Rahmen des #Supertest2015 der geschätzten österreichischen «auto revue».- wir bedanken uns ganz herzlich, dass wir dabei sein durften. Als nächste Stories sind hier zwei weitere sehr radikale Fahrzeuge zu erwarten, der Donkervoort GTO und der Radical RXC Turbo. Und dann noch viel mehr. Viel mehr feine Wagen gibt es auch in unserem Archiv.)

1 kommentar

  1. […] kein Lamborghini, auch nichts von den «radicals» vom vergangenen Jahr (siehe: Donkervoort D8 GTO, KTM X-Bow GT4, Radical RXC Turbo), aber halt ein richtig sauberer Querschnitt durch das, was die Auto-Industrie […]

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