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Supertest 2016-2

Chevrolet Camaro

Es gibt da beim Supertest der «auto revue» jeweils auch den «König der Herzen». Bei der diesjährigen Austragung, im Netz auch unter #supertest2016 zu finden, gewann der Chevrolet Camaro diese ausgesprochen prestigeträchtige Auszeichnung, die wohl nur noch vom Amt des österreichischen Bundespräsidenten an Ehr‘ und Rum übertroffen werden kann. Allerdings, und da müssen wir nun Wolfgang Hofbauer von der «auto revue» zitieren: «Diesmal wurde der König der Herzen so ermittelt, dass ich jeden Teilnehmer am Supertest gefragt habe, was denn sein/ihr König der Herzen wäre, mir dabei aber keine Notizen gemacht habe. Da dies niemandem aufgefallen ist, ging ich anschliessend zu meinem Computer und schrieb folgenden Satz auf: König der Herzen ist der Chevrolet Camaro.»

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Gut, das ist natürlich eine Methode ohne wissenschaftlich-statistische Basis. Und so schreibt das auch der Hofbauer: «Das ist natürlich eine Methode ohne wissenschaftlich-statistische Basis, im Gegensatz zu früher.» Und von früher schreibt er weiter im grossartigen «Premium»-Heft der «auto revue»: «Da haben wir den König der Herzen durch Rumbrüllen beim letzten Abendessen ermittelt. Nach dem Rumbrüllen hat der Chefredakteur entschieden: der und wird es.» Das österreichische Demokratieverständnis war schon immer etwas – anders? Aber wir beugen uns natürlich der Mehrheit in Form von Wolfgang.

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Erst grad kürzlich haben wir ja die unterdessen 50 Jahre währende Geschichte des Camaro länglich ausgebreitet, zu lesen und zu sehen: hier. Und da lernen wir auch, dass es sich beim jüngsten Produkt bereits um die sechste Generation handelt, die seit Ende 2015 in den USA im Verkauf ist und so langsam auch Europa erreicht. Unser Proband war mit dem 6,2-Liter-V8 ausgerüstet, sprich: 453 PS, 617 Nm maximales Drehmoment. Da gehen sich mit der 8-Gang-Automatik die 0 auf 100 in 4,6 Sekunden aus – und oben soll erst bei 290 km/h Sendeschluss sein (wir nehmen mal an, diesen Wert hat ein Computer errechnet). Es gibt den Camaro auch mit einem 2-Liter-Vierzylinder (275 PS) und mit einem 3,6-Liter-V6 (335 PS, nicht für Europa) und bald auch noch als ZL1 mit dem 649 PS und 868 Nm maximalem Drehmoment und optionalem 10-Gang-Automatikgetriebe. A horse is a horse is a horse, of course.

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Die «auto revue» sieht im Camaro «die amerikanische Vorstadt-Schönheit, die mit Minirock und Bierdose beim Highschool-Endspiel auftaucht und Stimmung macht, und die jeder haben will». Nun denn – «radical» sieht das etwas anders. Die Schminke ist weiterhin etwas gar dick aufgetragen, die Hüften ausladend, obwohl der Camaro doch 90 Kilo abgenommen hat, sie hat eine Riesen-Klappe – und die inneren Werte bestehen aus Plastik. Gut, mit dem 2-Liter-Vierzylinder gibt es den Camaro ab 44’900 Franken, mit dem V8 sind mindestens 53’490 Franken fällig. Das bedeutet, dass man sich ein halbes Dutzend dieser 6,2-Liter-V8 anschaffen kann für den Preis nur eines Bentley Continental GT Convertible V8S mit nur gerade 4 Liter Hubraum, der ja manchmal auch nur vier Zylinder hat. Auf der Rennstrecke in den Händen vom Wendlinger Karl hat der Camaro den Conti übrigens geplättet.

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Andererseits: Geiz ist ja auch nicht nur geil (bei der Wahl zum König der Herzen hat das preisgünstigste Auto allerdings meist die besten Chancen). Man mag ja gewisse Fortschritte erkennen im Interieur des neuen Camaro, aber das ist halt immer noch der Wettbewerb in Sachen Plastikverformungen, an dem nur noch gewisse amerikanische und asiatische Hersteller teilnehmen wollen. Man erkennt zwar die beiden Cockpit-Buckel, die seit fünf Jahrzehnten typisch sind für den Camaro, Retro, doch es gibt auch sonst ganz viele ledergezierte Wucherungen – und irgendwie ist die Sicht in alle Richtungen eingeschränkt. Interessant auch, wie man es schafft, in fast 4,8 Meter Auto so wenig Raum zu bringen. Chevrolet hat auch einen Screen über die Mittelkonsole hineingearbeitet, aber trotzdem ist das Interieur viel mehr 90er Jahre als aktuell. Und eben, die Materialien: sorry, irgendwie sind diese Zeiten vorbei, als wir den Amerikaner so manches verzeihen konnten, weil sie sich auf das Wesentliche zu konzentrieren wussten. In Sachen Ergonomie und Haptik gewinnt der «König der Herzen» keinen Blumentopf. Die Sitze sind weich und breit, für einen Sportwagen nicht unbedingt passend, doch im Alltag, aus dem unser Leben ja hauptsächlich besteht, überzeugen sie dafür mit angenehmen Komfort.

Chevrolet Camaro 6. Generation

Mit seinen 453 PS ist der Camaro übrigens der schwächste Konkurrent in diesem Supertest. Wer nun erwartet, dass der 6,2-Liter-V8 schön friedlich vor sich brabbelt und dann bei höheren Drehzahlen röhrt wie ein brünstiger Hirsch, den müssen wir enttäuschen. Das ist schon auch eine ziemlich hochgezüchtete Maschine, die maximale Leistung fällt erst bei 5700/min an, für das maximale Drehmoment braucht er auch 4600/min, und deshalb ist der Sound leider ziemlich weit entfernt von den guten alten Zeiten, als uns so ein amerikanischer V8 noch Gänsehaut zu bescheren vermochte. Die 8-Gang-Automatik sucht recht hektisch nach der passenden Stufe, und so richtig ruckfrei kann sie das auch nicht. Irgendwie beschleicht einem das Gefühl, dass Chevrolet nur ein begrenztes Budget für den preisgünstigen Camaro zur Verfügung gestellt hatte, und dass die Entwicklung vor der Feinabstimmung abgeschlossen werden musste; er hat da Schwächen, wie wir sie von der in vielen Bereichen bauähnlichen Corvette nicht kennen (die wir allerdings nie mit Automatik im Test hatten).

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Wobei dann aber lobend anzumerken ist, dass der Camaro, der auf der neuen Alpha-Plattform aufbaut, die auch Cadillac verwendet, ganz angenehm zu fahren ist. Er ist sicher komfortabler als andere Konkurrenten – und er kann tatsächlich auch Kurven. Uns sagt die schwergängige Lenkung ja zu, aber ob sie den allgemeinen Geschmack trifft, wagen wir zu bezweifeln. Dem Wendlinger Karl haben die Bremsen gefallen, da wollen wir zustimmen, aber er sagt halt auch, dass man das Gewicht gut spüre; 1,8 Tonnen sind es. Auf der Rennstrecke ist der Chevy gutmütig, leicht auszurechnen, doch seine bevorzugte Spielwiese ist das nicht, er sieht auf der Landstrasse mit langgezogenen Kurven besser aus. Und am besten sieht er aus parkiert vor dem Kaffeehaus, ja, da macht er schon eine gute Figur.

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«radical» kann die Wahl zum «König der Herzen» durchaus verstehen, wir haben es ja auch mehr mit den Underdogs und Fahrzeugen, die nicht gleich so viel kosten wie ein Einfamilienhaus. Und trotzdem: der Camaro war auch die grösste Enttäuschung an diesem Supertest. Der Mechtel Fabian drückt das schön aus: Diese amerikanischen Muskeln erleben ja gerade so ein bisschen eine Renaissance in Europa, sie sind preislich interessant und lassen uns den «american dream» (er)leben. Bad boy, muscle car, rumble sound – alles leicht romantisch verklärt, aber leistbar. Bloss wird man im Camaro damit irgendwie enttäuscht, weil er zwar aussieht, aber nicht ist.

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Und über 50 Riesen sind für uns Normalsterbliche ja schon eine Menge Geld, und da gibt es auf dem Markt Konkurrenten, die das für ähnliches Geld in manchen Bereichen besser machen. Den Mustang sticht er nicht aus, der neue Camaro, und wenn es allein um die Fahrfreud‘ geht, dann würden wir uns auch eher einen Subaru WRX STi aneignen. Doch über die verschiedenen Geschmäcker und Vorlieben lässt sich ja bestens streiten.

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Mehr Produkte von General Motors haben wir in unserem Archiv. Den einleitenden Text zum Supertest 2016 gibt es: hier.

1 kommentar

  1. […] es bei uns im Archiv. Was es alles schon gab vom Supertest 2016: – die Einleitung. – Chevrolet Camaro. – Bentley Continental GT Convertible V8S. – Audi R8 plus. – Lexus RC F. – […]

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