Zurück zum Content

Alfa Romeo 6C 1500/1750

Sie wissen, was sie tun

Sie hatten damals ein gutes Gespür dafür, was der Markt haben wollte, die Italiener. In den höchsten Ligen des Motorsports war Alfa Romeo Ende der 20er Jahre bestens vertreten, aber in der Mittelklasse, die sich auch Privatfahrer leisten konnten, da fehlte noch ein Modell. Ein Fahrzeug, das sich zwar sportlich bewegen liess, aber über eine einfachere und damit auch günstigere Technik verfügte. Vittorio Jano hatte die Antwort: den 6C 1500. Das Chassis, relativ simpel im Aufbau, wurde schon 1925 vorgestellt, doch die ersten Reihensechszylinder in der Alga-Geschichte konnten erst 1927 eingebaut werden. Der 1,5-Liter entwickelte in seiner ersten Version 44 PS bei 4200/min; nicht die ganz grosse Revolution, aber im Vergleich mit der eh kaum vorhandenen Konkurrenz sehr anständig. Denn Jano hatte ja noch ein paar Tricks auf Lager: Schon 1928 kamen der Sport mit 54 PS, der Super Sport mit 60 PS, der Super Sport Compressore mit Roots-Gebläse und bereits 76 PS bei 4800/min. Und dann war da auch noch der Super Sport Compressore Testa Fissa, also: Roots und direkt auf dem Block fixierter Zylinderkopf. So aufgebretzelt brachte es den 6C 1500 auf beachtliche 84 PS bei 5000/min – und eine Höchstgeschwindigkeit von 155 km/h.

arha007_6c-1500-sport-1928-1929

1927 hatte die erste Mille Miglia stattgefunden, es gewannen Minoia/Morandi auf einem OM Tipo 655 Sport. Alfa Romeo hatte aber schnell erkannt, dass dieses Strassenrennen von Brescia nach Rom und wieder zurück die perfekte Plattform sein könnte, um nicht nur grossartige Erfolge feiern zu können, sondern diese auch publikumswirksam abzufeiern. You know: win on sundays, sell on mondays. 1928 trat Alfa Romeo mit gleich sechs Fahrzeugen zur Mille Miglia an, darunter dem 6C 1500 MMS (Mille Miglia Speciale), der eigentlich von Marinoni/Guidotti hätte gefahren werden sollen, aber dann kurzfristig von Giuseppe Campari und Mechaniker Giulio Ramponi übernommen wurde. Kurz vor Rom übernahm Campari die Führung vor den drei Werks-Bugatti – und gab sie bis Brescia nicht mehr ab. Der erste Sieg von Alfa Romeo bei der Mille Miglia war Tatsache – und das mit einem Schnitt von 84,13 km/h.

3-3-163

Der 6C 1500 entwickelte sich auch dank diesem prestigeträchtigen Sieg zu einem Verkaufserfolg für Alfa Romeo. Zwischen 1927 und 1929 konnten stolze 1064 Exemplare verkauft werden.

Noch besser lief dann der logische Nachfolger, der 1929 vorgestellte 6C 1750; von ihm wurden bis 1933 stolze 2579 Exemplare abgesetzt. Es gab auch vom 1750er die unterschiedlichsten Versionen, bei den Aufbauten sowieso (am berühmtesten: der «Flying Star» von Touring), auch aber auch beim Motor selber. Die Basis schaffte 46 PS bei 4000/min, der Testa Fissa mit zwei obenliegenden, von einer Königswelle und Zahnrädern angetriebenen Nockenwellen im 1930 eingeführten Gran Sport kam dann erstmals auf über 100 PS, 102 PS bei 5000/min, um genau zu bleiben.

Campari/Ramponi gewannen auf einen 6C 1750 SS (mit sehr schönem Zagato-Aufbau) auch die Mille Miglia von 1929. Und ein Jahr später sollte die Mille Miglia zu einem der grossartigsten Rennen aller Zeiten werden. Es trat an: ein junger deutscher Fahrer namens Rudolf Caracciola auf einem gewaltigen Mercedes SSK. Es trat zum ersten Mal überhaupt an: die Scuderia Ferrari. Auf Alfa Romeo. Und selbstverständlich trat auch Alfa Romeo selber an, mit gleich sechs Werksfahrzeugen. Zwar wollte Campari (mit dem neuen Beifahrer Marinoni) wieder gewinnen, doch es war von Anfang an klar, dass das Rennen zwischen den beiden Alfa-Piloten Achille Varzi und Tazio Nuvolari entschieden werden würde; sie waren die grossartigsten Fahrer jener Jahre. Und es verband die ehemals guten Freunde zu diesem Zeitpunkt eine fast schon intime Feindschaft.

Varzi war mehr der Gentleman, trug massgeschneiderte Overalls; Nuvolari war ein Höllenhund, am wohlsten in seiner Lederjacke. Es ranken sich viele Legenden um jene Mille Miglia von 1930, die bekannteste ist jene, wie Nuvolari auf seinem Alfa 6C 1750 GS Varzi auf seinem Alfa 6C 1750 GS überholt haben soll. Von hinten durch die dunkle Nacht und ohne Licht soll sich Nuvolari angeschlichen haben, dann habe er wenige Meter hinter Varzi den vollen Lichtschmuck aufgedreht und den erschrockenen Varzi abgewatscht haben. Wilde Mythen ranken sich auch noch um die roten Lampen, die Nuvolari Varzi sowieso als besagten Höllenhund haben erscheinen lassen.

Alles Quatsch: «Il Mantovano volante» packte Varzi in der Nähe von Peschiera. Da war es es am 13. April 1930 längst schon hell, es brauchte gar niemand mehr Scheinwerfer. Ausserdem wusste Varzi, dass der deutlich hinter ihm gestartete Nuvolari schneller unterwegs war, er machte ganz einfach Platz. Die roten Lampen waren keine Lampen, sondern einfach rote Abdeckungen der Lampen, die in der Nacht, wenn man die Lampen brauchte, abgenommen wurden. So einfach ist das. Ach ja, Nuvolari gewann in einer Zeit von 16’18.59 – zum ersten Mal schaffte ein Fahrer bei der Mille Miglia einen Schnitt von mehr als 100 km/h.

Nachtrag: Am 19. Januar 2017 versteigert Bonham’s diesen 31er 6C 1750 mit Zagato-Aufbau. Das Fahrzeug war ursprünglich an den Schweizer Gustav Eisenmann ausgeliefert worden, blieb bis Anfang der 60er Jahre in Schweizer Besitz – und soll jetzt mindestens 2,8 Millionen bringen.

Viel mehr Alfa haben wir in unserem Archiv. Den 6C 1750 GS oben (mit den klassischen roten Lampen-Abdeckungen) haben wir in unserer Nacht im Museo Storico bewundert. Und von dort haben wir schon andere schöne Alfa vorgestellt, nämlich diese:
– Alfa Romeo 6C 2500 Super Sport Villa d’Este.
– Alfa Romeo 8C 2900 B Lungo.
– Alfa Romeo RL Targa Florio.

–  Alfa Romeo 2000 Sportiva.
– Alfa Romeo 6C 3000 CM.
– Alfa Romeo TZ (mit Fahrbericht).
– Alfa Romeo Tipo 512.

Alfa Romeo Montreal.

1 kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.