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Infiniti Q60

Und dann?

Infiniti baut feine Fahrzeuge. Nein, das meinen wir beim besten Willen nicht sarkastisch: die Luxus-Tochter von Nissan kann es wirklich. Das Problem ist ganz simpel: es merkt niemand. Zumindest kauft es niemand. 598 verkaufte Autos in der Schweiz bis Ende November sind zwar eine deutliche Verbesserung gegenüber 2015, als es im ganzen Jahr 358 Exemplare waren, aber halt immer noch sehr weit davon entfernt, dass es ein profitables Geschäft werden könnte. Und dabei ist der Marktanteil in der Schweiz sicher einer der höchsten in Europa. Wir wagen hier die Behauptung: der Infiniti Q60 wird auch nicht helfen, aus dieser Baisse herauszufahren. Obwohl er ein feines Automobil ist.

Gut, sportliche Coupé verkaufen sich eh nicht im ganz grossen Stil, auch bei anderen Premium-Herstellern nicht. Mit ihrer 2+2-Konfiguration bieten sie halt nicht gerade überragende Platzverhältnisse, ihre Alltagstauglichkeit hält sich in engen Grenzen. Die wichtigsten Kaufgründe in diesem Segment sind sicher Design – und Image. In Sachen Design braucht sich der Japaner sicher nicht zu verstecken, aber beim Image happert es halt gewaltig. Es ist nicht so, dass Infiniti einen schlechten Ruf hätte – es mehr so, dass Infiniti in Europa weiterhin gar keinen hat. Und das ist für Selbstdarstellungskäufer natürlich keine gute Voraussetzung, da macht ein Audi A5 vor den Nachbarn oder ein C-Klasse-Coupé bei den Business-Amigos einfach mehr her.

Andererseits: es gibt den neuen Q60 auch mit einem ganz neuen 3-Liter-Turbo, der 405 PS abdrückt. Und 405 PS sowie 475 Nm maximales Drehmoment schon ab 1600/min sind Argumente, die am Stammtisch oder im Golf-Club schon noch etwas zählen. Wobei: 5 Sekunden von 0 auf 100 km/h und 250 Vmax sind leider nicht die Werte, die noch eine Runde Bier oder anerkennendes Kopfnicken hervorrufen würden, das kann ein flotter Golf auch. Und auch die 9,1 Liter Verbrauch auf dem Papier sind zu wenig beeindruckend, um wirklich damit protzen zu können. Bemerkung am Rande: bei unserer ersten Ausfahrt in der Schweiz stand auf dem Bordcomputer eine 2 vorne. Und nein, nicht einstellig.

Ja, wir haben uns schon ein klein bisschen gefragt, wo denn all die Pferde versteckt sein könnten, denn so richtig grob den Kick vermittelt der Sechszylinder nicht. Es ist so, dass ein grosser Teil dieser Kraft wohl irgendwo in der 7-Gang-Automatik versickert, die uns eh einige Rätsel aufgegeben hat. Auch im Fahrmodus Sport+, der gröbsten Einstellung, schaltet dieses Ding zu früh – und zu langsam. Nicht einmal, wenn man die Gerätschaft manuell bügeln will, kommt da die pure Freude auf; irgendwo haben die Japaner da eine Sicherheitsspanne eingebaut, wohl, damit ihr Sportwagen auch in 32 Jahren technisch noch nicht überbeansprucht sein wird. Das ist ja nett, vorausschauend, doch von einem 405-PS-Sportcoupé erwarten wir uns schon – mehr. Denn man würde ihn doch gern auch einmal in den Drehzahlbegrenzer jagen. Oder so ein bisschen quer. Zumal das Fahrwerk ja keinerlei Probleme mit der (verhaltenen) Leistung hat. Übrigens: 336 verschiedene Einstellungen der Fahrmodi sind theoretisch möglich.

Dazu muss man nun aber dies wissen: wir leben im Q60 überhaupt in einer sehr digitalen Welt. Der Infiniti verfügt über eine digital gesteuerte Aufhängung (Dynamic Digital Suspension) und auch noch eine direkt-adaptive Lenkung (direct adaptive steering), die tatsächlich «steering by wire» beinhaltet, also: keine direkte mechanische Übertragung der Lenkbefehle über das Lenkrad auf die Räder. Das ist alles: elektronisch. Um ehrlich zu sein: so schlecht ist das nicht. Aber andererseits ist es halt eben auch: ohne Rückmeldung von der Strasse. Es gibt keine Unebenheiten mehr, und das allfällige Rutschen über die Vorderräder spürt man nicht mehr direkt. Wir werden uns übrigens daran gewöhnen müssen: autonomes Fahren wird nur möglich sein mit solchen digitalen Lenkungen, denn der Pilot wird ja der Computer sein, nicht der Fahrer.

Das Innenleben ist durchaus adrett, aber auch da hätten wir noch die eine oder die andere Frage. Zum Beispiel: warum gibt es denn zwei Screens? Die dann auch noch direkt über/untereinander liegen? Und das auch noch in unterschiedlichen Auflösungen? Wir verstehen da die Japaner nicht, aber das ist ja auch bei den Lexi nicht anders. Denn ansonsten ist die Verarbeitung sehr sauber, die verwendeten Materialien sehr hochwertig, das ist durchaus eine Alternative zum kühlen «schöner Wohnen» in den deutschen Produkten – auch wenn da noch so manches bekannt ist aus der C-Klasse von Mercedes. Die Platzverhältnisse vorne sind gut, hinten eher dürftig, dafür ist der Kofferraum mit 342 Liter recht üppig. Und einen 80-Liter-Tank bietet heute ja fast niemand mehr.

Apropos Mercedes: es gibt den Q60 ja auch noch mit dem 2-Liter-Vierzylinder von Mercedes, also 211 PS und auch sonst alles gleich. Der ist ab 55’900 Franken zu haben, mit schon edler Ausstattung. Den feisten 3-Liter-Turbo gibt es ab 73’400 Franken, was auf den ersten Blick nach reichlich teuer schmeckt, es aber eigentlich nicht ist, denn über 400 PS gibt es bei den deutschen Konkurrenten erst so knapp unter oder dann über sechsstellig. Ein Q60, fully loaded, kostet aber etwas über 80’000 – und wäre damit eine preiswerte Alternative zu noch so manchem Konkurrenten. Bloss: der Preis ist in diesem Segment kein Argument.

Er tönt übrigens gar nicht. Er gleitet sehr souverän einher, macht seine Sache gut in der Kurve und auf der Landstrasse und ist ausgesprochen komfortabel auf der Langstrecke und sicher auch auf der deutschen Autobahn. Das sind feine Qualitäten, aber halt ziemlich weit entfernt von «geil» oder «unbedingthabenwollen». Da fragen wir uns dann jeweils schon: so als Herausforderer, da muss man doch etwas Spezielles bieten, irgendetwas wirklich Aussergewöhnliches? Wir haben es im Q60 nicht gefunden.

Mehr flotte Sportwagen haben wir in unserem Archiv.

2s Kommentare

  1. […] Pilot auch die Paddels nicht zu vermissen. Es gibt auch nicht 336 verschiedene Fahr-Modi (wie im Infiniti Q60), sondern genau: einen. Und der ist so sauber abgestimmt, dass wir zwar den Normverbrauch von 4,4 […]

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