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VW Bulli

Aufschwung mit Ausblick

Eigentlich hiess der Samba-Bus gar nicht Samba-Bus, sondern eher gar nicht. In Prospekten führte er die trockene Bezeichnung VW Achtsitzer Sondermodell (oder eben Siebensitzer, je nachdem), und Sondermodell stand damals noch für etwas Besonderes, nicht für ein behübschtes Automobil, dessen Beigaben lasche Verkaufszahlen reanimieren sollten. Von schwachem Verkaufserfolg konnte beim VW-Bus Anfang der 50er Jahre ohnehin keine Rede sein, eher im Gegenteil: Er hob an, das mit ihm reifende Wirtschaftswunder zu transportieren und in eine Zukunft zu führen, die wieder nach Schweinebraten schmeckte, nach Bohnenkaffee, Nierentisch und nach Einfamilienhaus, willkommene Abwechslung zu den Trümmerhaufen des Jahrzehnts davor.

Mehr als ein Jahrzehnt alt war da auch schon der VW Käfer, aber es gab ihn lange nicht: Anstatt damit zu fahren, hatte Deutschland Polen überfallen, der Produktionsstopp des Käfers war noch die harmloseste Folge. Für etliche Jahre wurden dann Kübelwagen auf Käfer-Chassis geschraubt, 1945 kam das zivile Modell wieder in Schwung. Und damals wusste man: Ein ordentliches Chassis hat neben einer Limousine alles zu transportieren, vom Coupé (der Karmann Ghia kam 1955, schon davor waren die Sonderkarosserien zahlreich und schön) bis zum Kastenwagen. Der musste aber vorerst noch ohne Kasten auskommen: Im VW-Werk in Wolfsburg, einer reinen Retortenstadt zum Zweck der Autoproduktion und nach dem Krieg eilig ihres Namens Stadt des KdF-Wagens entledigt, wurden Transportaufgaben auf Anregung des britischen Majors Ivan Hirst mit Plattenwagen erledigt – auf ein Käfer-Fahrgestell kam eine Plattform, hinten gab’s Lenkrad und Fahrersitz, der letzte dieser Plattenwagen war bis 1994 im VW-Werk im Dienst. 1947 aber inspirierte er den holländischen VW-Importeur Ben Bon zur Skizze eines Kastenwagens, bald darauf reifte die Entwicklung im Werk, das Käfer-Chassis kollabierte aber unter voller Beladung. Also bekam der Bus eine selbsttragende Karosserie, die Technik kam quasi unverändert vom Käfer.

Dass dort, wo viele (potenzielle) Käufer was einladen wollten, schon der Motor stand, war im praktischen Leben ein Nachteil, bei den Verkaufszahlen keineswegs: Kein Transporter der Wirtschaftswunderzeit verkaufte sich besser – der Ford FK litt an seinem Fahrwerk, das ungefähr genauso elaboriert war wie ein Leiterwagen, Tempo Wiking und Matador rangen lange nach der endgültigen Reife, der Lloyd LT war deutlich kleiner, der Alfa Romeo Autotutto blieb selbst in Italien ein rares Gewächs, Citroën HY und Peugeot D3/D4 waren eine Nummer grösser. Der VW Bulli aber versprach als robuster Handschlag mit solider Technik jedes Problem zu transportieren: Es gab ihn als Kastenwagen, Pritsche, Doppelkabine, als Kombi mit herausnehmbaren Sitzreihen und als Bus mit dezent plüschigerer Ausstattung für den Personentransport.

1951 war der Bus dann bereit für die endgültige Persönlichkeitsveränderung. Das Sondermodell kam mit Dachfenstern für mehr Licht, einem grossen Faltdach für mehr Luft, Ausstellfenstern für zärtlichere Belüftung, mit allerlei Zierleisten aussen (an Stossstangen, Schwellern und dort, wo die zwei Farben aufeinander trafen), mit wohnlichen Verkleidungen innen und einem verkleideten Kofferraum, dessen Wände eine zarte Reling vor polternden Gepäckstücken schützte, praktisch die Verzurrösen aus der Prä-Sicherheitsgurt-Ära. Das Faltdach des Samba konnte auch mutwillig abbestellt werden, dann entfiel der doppelte Boden, der die Karosserie versteifte. Am Fehlen des doppelten Bodens sind heute übrigens Samba-Fälschungen gut erkennbar, und die Versuchung einer Fälschung ist gross. Denn was noch vor wenigen Jahrzehnten um knappes Geld am Strassenrand aufgelesen werden konnte, ist heute der Oldtimer mit der heftigsten Wertsteigerung überhaupt – und damit eines der wenigen Beispiele für einen Klassiker, den man sich auch als Wertanlage hätte garagieren können. Da Oldtimer als Wertanlage aber ebenso entzaubert sind wie feine Bilder oder edle Weine, wollen wir diesen Gedanken gleich wieder beiseite schieben, ausserdem ist es eh zu spät: Wer schon einen Samba-Bus hat, darf sich über die Entwicklung freuen. Wer keinen hat und einen brauchbaren will, sollte richtig Geld bereithalten, selbst Wracks erreichen den Gegenwert eines günstigen T6, Spitzenexemplare werden einem Einfamilienhaus gefährlich.

Die Fröhlichkeit, die der Samba-Bus heute ausstrahlt, ist enorm, man sitzt weit vorne, hält das zarte Lenkrad flach wie einen Suppenteller in der Hand, sortiert behutsam die Informationen, die das Armaturenbrett spendiert (Geschwindigkeit, Benzinvorrat, Kilometerstand; fürs Ablesen der Uhr und Auftoupieren der Blumen ist der Beifahrer zuständig), von hinten kommt das Rauschen des luftgekühlten Boxers, einst das häufigste Geräusch in unseren Strassen, aber das ist lange her. Die wahre Luftigkeit des VW ist aber erst auf den Rückbänken fühlbar, mehr offenen Himmel findet man heute selbst bei Cabrios kaum, das Raumgefühl ist weit und gross, man lässt sich dann gerne von den Materialien des wiedergewonnenen Selbstbewusstseins (Vinyl, hauptsächlich) in die Arme nehmen. 34 PS sind da jedenfalls ausreichend, am Anfang waren es überhaupt nur 25, später gab’s den Samba mit bis zu 44 PS, und in seinem letzten Lebensjahr durfte sogar die Elektrik auf 12V erstarken. Da war die Heckklappe schon so breit, dass sich die Eckfenster daneben nicht mehr ausgingen, was den Charakter des Samba nicht zerzausen konnte.

Dafür war die Zeit zuständig: 1967 standen sowohl T1 als auch das Wirtschaftswunder nicht mehr voll im Saft. Die zweite Generation, der T2, kam prompt, auf dem T1 basierend, dennoch ein Stück länger. Angekommen in der Ernüchterung der Gegenwart, hatte man sich einen alltagstauglichen Pragmatismus übergestülpt, da war Ausblick nach oben durch Dachlukenfenster und ein grosses Faltdach nicht mehr so gefragt. Ein Samba-Bus kam nie wieder, schade.

Ach ja, für den oben gezeigten «23-Window Deluxe Microbus» erwartet RM Sotheby’s am 19./20. Januar in Scottsdale bis zu 200’000 Dollar. Ein herzliches Dankeschön für diese Geschichte an die «auto revue». Mehr Volkswagen haben wir in unserem Archiv. Am Sonntag, 8.1.2017, gibt es im Schweizer Fernsehen SRF2 um 19.25 Uhr die Sendung «Kult auf Rädern», in der der Bulli die Hauptrolle spielt – und «radical» auch mittut.

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