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Dual-Ghia

Kiss me, Stupid

Ach, wie schön ist es doch, wenn Menschen sich verlieben. Manchmal sind sie dann nicht ganz bei Sinnen, machen Dinge, die rational nicht wirklich zu erklären sind. Und wenn er verliebt ist, dann wird auch der harte Geschäftsmann hin und flieder etwas dämlich, rechnet nicht mehr sauber, lässt sich zu sehr von der Emotion und zu wenig vom Portemonnaie leiten. Und prompt geht es dann in die Hose. Was im Zusammenhang mit der Verliebtheit grundsätzlich nicht komplett falsch ist, aber fürs Business dann eher tragisch. So geschehen einem Amerikaner mit dem schönen Namen Eugene Casaroll. Er war nicht Eintänzer in einem Salsa-Club, wie man seinem Namen nach schliessen könnte, sondern Besitzer des stolzen Unternehmens Automobile Shippers, Inc.. Diese Firma transportierte vorwiegend Fahrzeuge von Chrysler, hatte aber auch eine Tochter namens Dual Motors, die im 2. Weltkrieg Generatoren und Lastwagen mit zwei Motoren (daher der Name) baute für die amerikanische Luftwaffe. Erfolgreich, darf man dazu auch noch schreiben.

Dann geschah das Verhängnis des Eugene Casaroll. Wohl in seiner Eigenschaft als Transporteur von Chrysler, die seine Firma aus der Fabrik zu den Händlern bewegte, durfte er schon früh ein Auge werfen auf den Dodge Firearrow IV (siehe unten), eine Fingerübung von Virgil Exner, 1954 entworfen. Casaroll verliebte sich unsterblich – und als Dodge meinte, den Firearrow sowieso nicht bauen zu wollen, erwarb er die Rechte am Design. Und an allem, was es sonst noch zu kaufen gab rund um diesen Wagen. Er beauftragte dann Paul Farago, einen in Italien geboren Rennfahrer, Mechaniker und Playboy (waren das jetzt Pleonasmen?) damit, den Wagen serienreif zu machen. Es kam damit auch noch Ghia, gegründet 1921 und in den 50er Jahren noch eine der feinsten Adressen unter den italienischen Meister-Karossiers, mit ins Spiel, dies deshalb, weil die Italiener damals die Exner-Prototypen bauten – und damit nahm das Verderben des Eugene Casaroll seinen Lauf.

Es lief dann so: Man nahm ein Dodge-Chassis, verstärkte es ein wenig, und verschiffte die Geschichte zusammen mit dem klassischen D-500-Motor von Dodge, einem 5,2-Liter-Hemi-V8, nach Italien. Dort pappte Ghia die Karosse, die im Vergleich zum Firearrow IV nur marginal verändert wurde (abgesehen davon, dass aus dem Coupé ein Cabrio wurde; Scheinwerfer), auf das Chassis, dann ging die ganze Geschichte zurück in die Vereinigten Staaten. Weil es ein wirklich schizophrenes Teil war, amerikanische Technik, amerikanisches Design, italienisches Handwerk, wurde das Produkt dann Dual-Ghia genannt. Und war so teuer in der Herstellung, dass Eugene Casaroll prompt krank wurde – und sich aus dem Geschäft zurückziehen musste. Paul Farago übernahm die Leitung.

1956 kamen die ersten Exemplare auf den Markt, gebaut wurden sie bis 1958, es heisst, dass insgesamt 117 Stück entstanden sind (davon mindestens zwei Coupé mit festem Dach). Angeboten wurden die Dual-Ghia zu einem Preis von 7646 bis 7741 Dollar, sie gehörten damit zu den eher teuersten Wagen in den USA (abgesehen vom Lincoln Continental und dem Cadillac Eldorado Brougham, die wir schon beschrieben haben). Das Problem: die Herstellungs- und Transportkosten lagen bei mindestens 15’000 Dollar. Was bedeutete, dass Casaroll an jedem Exemplar ein kleines Vermögen verlor, zumindest für damalige Verhältnisse (für 10’000 Dollar gab es damals noch ein anständiges Haus…).

5,17 Meter lang war so ein Dual-Ghia, der Radstand betrug stattliche 2,92 Meter. Der 5,2-Liter-Hemi schaffte eine relativ beschauliche Leistung von 230 PS, deshalb gab es auf Wunsch auch noch eine 5,3-Liter-Version mit 260 Pferden. Geschaltet wurde über eine Powerflite-Automatik von Chrysler. Mit einem Höchstgeschwindigkeit von 193 km/h gehörten die Wagen zu den schnellsten jener Jahre. Es ist auch deshalb erstaunlich, dass der Dual-Ghia nicht mehr Käufer fand. Denn obwohl er einigermassen konservativ aussah (zumindest im Vergleich mit den wilden Cadillac jener Jahre) und auch technisch nicht gerade fortschrittlich war, erfreute er sich in der obersten Schichten der USA grosser Beliebtheit. Dean Martin fuhr einen im Film «Kiss me, Stupid» von Billy Wilder (1964), Frank Sinatra besass einen, Richard Nixon auch. Und Ronald Reagan soll seinen Dual-Ghia in einem Pokerspiel an den damailigen US-Präsidenten Lyndon B.Johnson verloren haben.

Farago gab aber nicht auf, er konstruierte eine 2. Generation, die komplett in Italien gebaut wurde, diesmal mit einem 6,3-Liter-Hemi-V8. Doch auch dieses Projekt hatte keinen Erfolg, es wurden nur noch 26 Stück gebaut. Beide Dual-Ghia sind aber heute bei den Sammlern sehr gefragt, die Preise sind in den vergangenen Jahren wild nach oben geschossen. Vor fünf Jahren gab es die Dual-Ghia – es heisst, es würden von der ersten Generation noch 32 Stück exisitieren – noch für 100’000 Dollar, unterdessen ist man aber bei über 400’000 angelangt. Tendenz: weiter steigend. Aber hier noch ein Dual-Ghia der zweiten Generation:

Casaroll hatte übrigens nach dem Abenteuer mit dem Dual-Ghia noch nicht genug, als er wieder genesen war von den hohen Rechnungen, die er bezahlen musste, stürzte er sich ins nächste Desaster, die Wiederbelebung vo Duesenberg. Doch auch aus diesem Projekt, genannt Stutz, wurde nicht viel. Mehr schöne Amerikaner und andere Exoten haben wir in unserem Archiv.

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