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Die Cadillac von 1948/49

Der Traum vom Fliegen

Auch wenn die Vereinigten Staaten erst 1941 in den 2. Weltkrieg eingetreten waren und 1945 als grosser Sieger hervorgingen: die Ressourcen waren knapp in den Nachkriegsjahren. Die amerikanischen Automobilhersteller waren alle in die Produktion von Kriegsgeräten involviert gewesen, und Ende 1945 lief die Maschinerie nur langsam wieder an. Cadillac konnte 1945/46 immerhin schon wieder 28’144 Fahrzeuge bauen, 1947 waren es bereits 59’436 – und trotzdem mussten 96’000 Bestellungen abgelehnt werden. Und dies, obwohl die Preise massiv angestiegen waren: ein Series 61 kostete 1947 2’324 Dollar, fast 40 Prozent mehr als das quasi baugleiche Modell aus dem Jahr 1941. Es entstanden 1947 aber trotzdem so feine Fahrzeuge wie dieses Series 62 Convertible Coupé.

Für den Jahrgang 1948 war es dann aber für Cadillac, schon vor dem Krieg mit Packard im ständigen Kampf um die Marktführerschaft unter den amerikanischen Luxus-Herstellern, wieder an der Zeit, etwas Neues auf den Markt zu bringen. Unter dem massiven Blech arbeitete immer noch der 5,7-Liter V8, der 1936 eingeführt worden war, aber weiterhin konkurrenzfähig war: 150 PS wurden an die Hinterachse geschickt. Die leichteren Fahrzeuge beschleunigten in etwa 15 Sekunden von 0 auf 100 km/h, als Höchstgeschwindigkeit lagen etwas über 150 km/h drin. Auch das Fahrwerk blieb gleich. Doch da war noch Harley Earl, der Gott des amerikanischen Industrie-Designs. Er hatte die Cadillac schon 1927, 1932, 1934, 1938 und 1941 in automobile Meilensteine verwandelt. Earl hatte schon Ende der 30er Jahre auf dem Flughafen Selfridge Field die damals noch hochgeheime P-38 Lightning sehen dürfen – und schon am Tag darauf begonnen, Autos zu entwerfen, die aussahen wie Flugzeuge. Er sah spitze Fronten, wollte Flugzeug-Cockpits einbauen – und vor allem sah er Heckflossen.

Was sich – weltweit – als eines der wichtigsten Stylingelemente für die nächsten 20 Jahre erweisen sollte, wollte die Cadillac-Führungsetage unter Jack Gordon anfangs gar nicht sehen. Earl, sein Assistent Julio Andrade und der Chef des «Advanced Styling Studio», Franklin Q. Hershey, verbrachten anscheinend Wochen damit, Gordon von «tail-fins» zu überzeugen. Das beste Argument: Aerodynamik. Tatsächlich brachten diese kleinen Flossen – sie wurden sogar im Windkanal getestet – ein besseres Fahrverhalten; wobei, Rennwagen waren die fetten Cadillac sowieso nicht. Und dann gab es noch ein Argument: Studebaker, Kaiser-Franz und auch der härteste Konkurrent Packard experimentierten in jenen ersten Nachkriegsjahren mit der aus Italien eingeführten Ponton-Form (Lancia!), also Karossen ohne freistehende vordere Kotflügel. Auf dieses Attribut wollte Earl (noch) nicht verzichten, denn ein Cadillac musste ja unbedingt etwas darstellen.

Mit Ausnahme der riesigen Series 75 profitieren alle 48er Cadillac vom neuen Earl-Design. Auch die Buick erhielten diese (noch) kleinen Flossen; Oldsmobile, Pontiac und Chevrolet mussten noch ein Jahr warten. Die mehrheitlich konservativen Cadillac-Händler sollen getobt haben, einige stellten die neuen Modelle gar nicht erst aus – doch die Kunden liebten die «tail fins» vom ersten Tag an. Und wie Pilze schossen Zubehörhändler aus dem Boden, welche die neuen Ford und alten Chevrolet mit den solchen Flossen nachrüsteten. Es gab ab 1948 bei Cadillac nur noch fünf verschiedene Karosserievarianten (1941 waren es noch 10 gewesen), die Series 61 und 62 waren eigentlich identisch, abgesehen davon, dass die 62er aussen mehr Chrom hatten und eine feinere Ausstattung innen. Dazu kam die Series 75 (die noch unverändert blieb) – und der Sixty Special. Dieser wurde von Fleetwood produziert (die anderen Modelle von Fisher), hatte einen Radstand von 3,37 Metern (Series 61/62: 3,20 Meter) und war stolze 5,74 Meter lang (Series 61/62: 5,44 Meter).

Man muss es klar sehen: auch wenn von diesen 60S im Jahre 1948 6561 Stück verkauft wurden, sie gehörten zum Besten, was es damals für Geld zu kaufen gab. Mercedes? Dort wurden noch Kriegstrümmer weggeschaufelt. Rolls-Royce? Schaffte eine Handvoll Autos pro Jahr. Alle anderen Luxusmarken gab es nach dem Krieg nicht (oder zumindest: kaum) mehr, Bugatti, Isotta-Fraschini, Delahaye, Hispano-Suiza, da war Sendepause. Der härteste Konkurrent war Packard, diese Marke verkaufte in jenen Nachkriegsjahren sogar mehr Exemplare als Cadillac, doch die grosse Mehrheit davon wurde von einem schwächlichen Sechszylinder angetrieben und kostete nur einen Bruchteil der Cadillac. Marmon? Weg. Peerless? Tot. Lincoln? Komplett am Dümpeln im eigenen Sumpf.

Apropos Preise: so ein Sixty Special kostete 3820 Dollar im Jahre 1948, die günstigste Series 61 war schon ab 2728 Dollar zu haben. Für 3442 Dollar gab es von der Series 62 dann auch noch das Convertible Coupé. Coupé war etwas verwirrlich, denn es handelte sich hier um eine echtes Cabrio mit sechs oder auch sieben Sitzplätzen. Stolze 5450 Stück der offenen Series 62 konnten 1948 verkauft werden. Sie galten als der Gipfel der gepflegten amerikanischen Lebensart, und sogar in Europa wurden sie bewundert: Fabio Rapi, vor dem Krieg bei Isotta-Fraschini tätig, wollte nach einer Ausfahrt «einen Wagen von höchster Qualität konstruieren, der vielleicht mit den Cadillac in Konkurrenz treten könnte». Und Donald Healey, nicht gerade bekannt als Freund von grossen Schlitten, nannte die Cadillac nach einem Besuch in Detroit 1948 «wunderbare Exemplare von Luxusfahrzeugen». Selbstverständlich gehören diese 48er Cabrios von Cadillac heute zu den begehrtesten Modellen der amerikanischen Luxusmarke (einmal abgesehen von den V16). Und doch sind die Preise noch einigermassen vernünftig. Bislang lagen sie noch meist im fünfstelligen Dollar-Bereich, doch es ist anzunehmen, dass sie mittelfristig deutlich steigen werden, denn auch die Amerikaner sind sich unterdessen der automobil-geschichtlichen Bedeutung der 48er-Cadillac bewusst geworden.

Schon im Januar 1949 sorgte Cadillac bereits wieder für Aufsehen – mit einem neuen Achtzylinder-Motor mit 5,4 Litern Hubraum, kurzem Hub und hoher Verdichtung. Zwar wurde für diesen Jahrgang auch die Karosserie ein wenig verändert, neben dem erneuerten Armaturenbrett wurde auch der Kofferraum endlich so gestaltet, dass man ihn auch wirklich gebrauchen konnte. Vor allem der Kühlergrill war eine offensichtliche Veränderung: 1938 war er noch mit 38 horizontalen Chromstreben verziert gewesen, 1940 gab es nur noch 20, 1941 dann noch 10, 6 im Jahre 1942, 5 im Jahre 1946, 4 im Jahre 1947, 3 im Jahre 1948 und schliesslich noch zwei im Jahre 1949. Auch sonst entfernte man einiges an Chrom aus dem neuen Modelljahrgang, der damit bedeutend weniger überladen wirkte.

Doch «Big News» war auf jeden Fall der Motor, der genau wie die Cadillac-Achtzylinder von 1914 und 1923 ein absoluter Höhepunkt der technischen Entwicklung der Detroiter Luxusmarke werden sollte. Und der neue V8 sollte zu dem Motor werden, den nicht nur die ganze amerikanische Automobilindustrie in oft sehr ähnlicher Form nachbaute. Etwas sollte allerdings dabei nicht vergessen werden: Cadillac präsentierte den neuen Motor zu einem Zeitpunkt, als sich das L-Head-Triebwerk auf dem Höhepunkt seiner Leistung befand und trotz seines Alters weiterhin zu den besten amerikanischen Maschinen gehörte. Der alte Motor stellte eigentlich genau das dar, was man in diesen ersten Nachkriegsjahren brauchte: Einen vor allem im tiefen Drehzahlbereich extrem starken, durchzugskräftigen Motor, der für die damals noch immer nicht hervorragenden Strassen perfekt geeignet war. Das neue kopfgesteuerte Triebwerk war mehr auf die Zukunft gerichtet, die den Amerikanern die breiten, endlosen Highways bringen sollte, auf denen man mit dem neuen Cadillac-Motor in absoluter Ruhe und mit sehr hoher Durchschnittsgeschwindigkeit reisen konnte. Oft wurde dieses neue Triebwerk der «Kettering-Motor» genannt, was die Sache aber beim besten Willen nicht trifft. Kettering hatte etwa gleichzeitig einen vollkommen anderen Motor konstruiert, einen Sechszylinder mit 2,9 Litern Hubraum und einer noch höheren Verdichtung (12,5:1) als das Cadillac-Triebwerk. Mit diesem gleichzeitig vorgestellten Oldsmobile-Motor konnte man den Cadillac-Antrieb nicht vergleichen, das Cadillac-Meisterwerk besass deutlich mehr Leistung und war erst noch um einige Kilos leichter. Zu verdanken hatte die Nachwelt den neuen 5,4-Liter-V8 John F. Gordon, Harry Barr und, vor allem, Edward N. Cole.

Es sei also wieder einmal die Rede von einem dieser aussergewöhnlichen Charaktere, die es einst in der Automobil-Industrie häufiger als anderswo gab, die noch für echten Fortschritt standen und mit ihrem Charisma einen Weltkonzern über viele Jahre in die richtige Richtung führten. Also: Edward N. Cole, in Europa quasi unbekannt, in den USA berühmt als einer der grossen Lenker der Auto-Industrie (ab 1967 bestimmte er allein über die Geschicke von General Motors). Cole war 1909 in der Nähe von Detroit zur Welt gekommen – und wurde 1930 direkt von der Strasse weg für die Konstruktionsabteilung engagiert. Das kam so: der junge Mann hatte seinen Chevrolet mit drei Vergasern, einem offenen Auspuff und den Ventilkipphebeln eines Cadillac-V16 aufgerüstet. Mit diesem «Hot Rod» trat er gerne an der Clark Street, direkt gegenüber der Cadillac-Fabrik, zu Beschleunigungsrennen an. Irgendwann traf er auf den Cadillac-Chefkonstrukteur Fred Arnold, der besonders stolz war auf seinen «gepimpten» Cadillac V12, gegen Cole aber derart das Nachsehen hatte, dass er den Ort des Schreckens mit Tränen in den Augen verliess. Und dann trotzdem die Grösse besass, dem jungen Mann am nächsten Tag eine Stelle anzubieten. Es sollte sich dies als Glücksgriff für General Motors erweisen. Ed Cole war, trotz seiner jungen Jahre, die treibende Kraft hinter dem neuen Motor, den Cadillac im Jahre 1949 vorstellte. Cole war bei seinen Mitarbeitern ausserordentlich beliebt, sie machten alles für ihn, sogar das Unmögliche. Im Gegenzug hatte er immer ein offenes Ohr für ihre Anliegen und Ideen, konnte sie jederzeit motivieren, noch mehr und besser zu arbeiten, und scheute sich nicht, auch selber kräftig anzupacken. Ausserdem hatte er einen unerschütterlichen Glauben an die Zukunft. Als sich sein Sohn, ein ebenfalls vielversprechendes Techniker-Talent, ein altes Auto kaufen wollte, um es zu reparieren und wieder auf die Strasse zu bringen, stellte Cole ihm einen neuen Chevrolet mit dem Kommentar, «hier lernst du mehr», in die Garage.

Die Arbeit am neuen V8 begann schon 1937, also lange vor dem Krieg. Damals hatte man eingesehen, dass der bekannte V8 mit 5,7 Liter Hubraum mit seiner Bauweise schon bald an seine Limiten kommen würde, vor allem in Bezug auf die gewünschte höhere Verdichtung. Mehr als ein Verhältnis von 8:1 war mit dem seitengesteuerten Motor nicht möglich, weil durch den beengten Raum im Zylinderkopf und die verwinkelten Wege der Kraftstoffzuleitung kein akzeptabler Füllungsgrad mehr erreicht werden konnte. Auch wurde der Verbrennungsvorgang immer zäher. Doch man wollte nicht auf diese höhere Verdichtung verzichten, da sie die Verwendung des neuen, hochoktanigen Kraftstoffes möglich machte, was wiederum einen bedeutend höheren Wirkungsgrad des Motors versprach. Die ersten Schritte in Richtung des neuen Motors unternahm Cadillac mit der Entwicklung der fünffach gelagerten Kurbelwelle, mit der man herausfinden wollte, ob bei beim alten Motor trotzdem eine höhere Verdichtung möglich wäre. Mit dieser Kurbelwelle konnte die Drehzahl von 2600/min auf 3700/min gesteigert werden, auch wurden die Vibrationen reduziert und der Füllungsgrad verbessert, doch der Motor war den Cadillac-Ingenieuren noch immer zu rauh. Also versuchte man sich mit einem kopfgesteuerten Motor, der neuen Kurbelwelle, einem kurzen Hub und gespreizten Verbrennungsräumen.

Mit entscheidend für den Erfolg des neuen Triebwerks waren auch die «Slipper»-Kolben, die mit ihrem beschnittenen Schaft die Kolben leichter machten. Sie konnten tiefer zwischen die Ausgleichsgewichte der Kubelwelle eintauchen, was den Einsatz kürzerer Kolben möglich machte, was wiederum eine Gewichtsersparnis durch einen kompakter bauenden Motor bedeutete. Durch diese Bauweise mussten die Kolben bei 4000/min nicht mehr mehr als 900 Meter für ihre Arbeit zurücklegen, sondern nur noch rund 730 Meter. Diese Slipper-Kolben waren eine Erfindung von Byron Ellis, der schon für die 1934 entwickelten Aluminium-Kolben verantwortlich gewesen war. Ellis hatte die Idee schon 1938 und konnte seine Entwicklungsarbeit auch während des Krieges fortsetzen. Das war für den Rest der Entwicklungsarbeiten nicht der Fall, man hatte sich bei Cadillac während der Kriegsjahre um die Verfeinerung des bekannten 5,7-Liter-V8 zu kümmern. Doch sofort nach Kreigsende nahmen Barr und Cole die unterbrochene Arbeit wieder auf, und entschieden, dass der neue Motor auf eine Verdichtung von 12,5:1 auszulegen sei, auch wenn man ihn zu Beginn der Produktion nur mit einer Verdichtung von 7,5:1 ausliefern wollte. Doch schon mit dieser verhältnismässig niedrigen Kompression konnte man von neu auf den Markt gekommenen 88-Oktan-Benzin profitieren.

Ein Ziel bei dieser Neuentwicklung war, dass man das Triebwerk auf der bestehenden Maschinerie herstellen konnte und bei den Fertigungswerkzeugen keine grossen Anpassungen machen musste. Das wurde genau wie ein besserer Leistungskoeffizient, kleinere Abmessungen, ruhigerer Lauf, gute Zugänglichkeit, höhere Fahrleistungen und verbesserte Zuverlässigkeit erreicht. Der neue Motor leistete trotz geringerer Abmessungen rund 160 PS, eine Verbesserung um sieben Prozent, und auch das maximale Drehmoment steig von 260 Nm auf 270 Nm. Besonders stolz war man bei Cadillac auf den deutlich verringerten Verbrauch. Herausragend war aber das Gewicht des neuen Triebwerks: Mit 316 Kilo war der Motor 85 Kilo leichter als der bisher verwendete Antrieb. Wenn man noch die dank verbesserter Kühlung kleiner gehaltenen Kühler und Kühlflüssigkeitsleitungen dazu rechnet, dann war der neue Motor über 100 Kilo leichter als sein Vorgänger.

Als Höchstgeschwindigkeit erreichte man mit der 3,77-Übersetzung 167 km/h, mit der 4,27-Übersetzung 155 km/h. Offiziell hielt man sich mit solchen Zahlen bei Cadillac, wo man den Motor in den Prospekten hochtrabend als «the greatest automobile engine ever built» angekündigte, aber wie gewohnt etwas zurück, man nannte als Höchstgeschwindigkeit für alle Modelle 155 km/h. Verschiedene Fachmagazine konnten aber bei selbst durchgeführten Testfahrten bedeutend höhere Geschwindigkeiten erreichen. Das ehrwürdige «Time»-Magazin meinte bei einer Modellvorstellung am 25. Oktober 1948, «dass der schwere Cadillac in rund 30 Sekunden aus dem Stilstand auf 130 km/h beschleunigt», schrieb aber auch wohlwollend, dass der Benzinverbrauch geringer und die Laufruhe grösser geworden sei. Vor allem dieser Benzinverbrauch war eines der Entwicklungsziele von John F. Gordon gewesen, der die dummen Witze der Tankwarte nicht mehr hören konnte, die immer empfahlen, den Motor zum Tanken abzustellen, weil sonst der Tank nie voll werde. Auch mit der Laufruhe war Gordon nach ersten Testfahrten zufrieden – fast zufrieden auf jeden Fall: Er verlangte von seinen Ingenieuren, dass die Uhr ruhiger gemacht werden solle, damit sie das Motorengeräusch nicht mehr übertöne… (Und weil es ja hier um das Beste jener Jahre geht, zeigen wir noch einen Cadillac Sixty Special von 1949.)

Wie sehr die neuen Cadillac allerdings die Meinungen polarisierten, das mag ein Bericht aus dem englischen Fachmagazin «The Motor» beweisen. Man erhielt von Briggs Cunnigham einen viertürigen Sedan zu Verfügung gestellt, dessen Test die Engländer mit den Worten beschlossen: «Eines der besten Fabrikate der Welt, beeindruckend, ausgewogen und von einer gewaltigen Grösse, die allein schon eine gewisse Überlegenheit symbolisiert». Weiter führte «The Motor» lobend aus, dass «die Fahrleistungen so hervorragend sind, dass sie nur von wenigen anderen Fahrzeugen überhaupt erreicht, von einer noch geringeren Anzahl noch übertroffen werden. Der Cadillac ist ein Fahrzeug, dass dafür geschaffen ist, lange Strecken hinter sich zu bringen und dabei den Fahrer sowenig wie möglich zu beanspruchen. Ausserordentlich ist die Laufruhe, auch bei 130 km/h können sich die bequem reisenden Passagiere noch in normaler Lautstärke unterhalten. Die hervorragende Beschleunigung macht es zusammen mit der hohen Höchstgschwindigkeit möglich, auf einigermassen guten Strassen eine Durchschnittsgeschwindigkeit von gegen 100 km/h zu erreichen». Bei diesem Test erreichte «The Motor» auch einen beachtlichen Durchschnittsverbrauch von zwischen 13 und 16 Litern auf 100 Kilometern.

Doch die Kommentare unter den Testern von «The Motor» reichten von wenig erstaunlichen «perfektes Auto» und «hervorragendes Transportmittel» bis hin zu «würde ich für kein Geld der Welt kaufen». Doch das ist eigentlich nicht weiter verwunderlich: Während die Cadillac in den Vereinigten Staaten immer einen hervorragenden Ruf geniessen durften und zu Kategorie der Traumautos gehörten, waren die Meinugen in Europa immer schon geteilt – und das bis zum heutigen Tag. Der oft nicht gerade freundliche Kommentar zu den Cadillac lässt sich einerseits damit begründen, dass die amerikanischen Luxuskreuzer ganz einfach zu gross waren für die schmalen europäischen Strassen, andererseits wollten viele der etwas elitären Kritiker nie glauben, dass ein Fahrzeug, von dem jährlich 100’000 Exemplare hergestellt werden, ähnlich gut, wenn nicht besser sein kann als ein in Handarbeit oder wenigen tausend Stück gefertigtes europäisches Fabrikat.

Laurence Pomeroy, damaliger Chefredaktor von «The Motor», war einer dieser «Besserwisser» und besonders hartnäckigen Kritiker. Beim Test 1949 des viertürigen Sedan bemängelte er die Grösse des Cadillac, seine Bremsen, seine Lenkung, sein Getriebe, seine Federung, die mangelnde Verarbeitungsqualität und das Fehlen einer Bar. Nach diesem Generalverriss billigte er dem Cadillac aber doch noch zu, «dass er ein bemerkenswertes Fahrzeug ist, schnell und sparsam, das keine Anforderungen an der Fahrer stellt und über die beste Heizung verfügt, die ich je bei einem Auto kennenlernen durfte». Zusammenfassend nannte er den Cadillac eine «Transatlantische Apotheosis», griff dann zu nautischen Begriffen und verglich den Wagen mit der «Queen Mary», deren Kapitän allen Komfort geniessen darf, über jegliche Hilfsmittel verfügt, aber selber kaum eingreifen kann und darf. Auch sein Redaktionskollege Joseph Lowrey schlug mit seinem Kommentar in die gleiche Bresche: «Der Cadillac repräsentiert den Gipfel der amerikanischen Automobilentwicklung, ist aber mit seiner Grösse und seiner Federung nicht für europäische Strassen geeignet.»

Doch es gab auch andere Stimmen aus Europa. «The Autocar» versuchte sich ein Jahr nach der Konkurrenz von «The Motor» ebenfalls an einem Cadillac und bemerkte, dass «wenn man einmal im Wagen ist, schnell realisiert, dass General Motors mit Cadillac wirlich etwas Besonders hat. Der Wagen verfügt über ausserordentliche Fahrleistungen, und eine Fahrt über 160 Kilometer konnten wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 80 km/h hinter uns bringen. Bei hohen Geschwindigkeiten fährt sich das Fahrzeug sehr leicht, und strahlt auch eine gewisse Qualität aus. Auch ist man begeistert von der Laufruhe. (…) Der Cadillac bereitet höchstes Fahrvergnügen. Wenn man die Fahrleistungen, den Komfort und die Handlichkeit als Kriterien einer Beurteilung heranzieht, so kann das Fahrzeug auch den kritischsten Fahrer überzeugen». Als «Autocar» 1951 einen bekannten englischen Hersteller besuchte, zeigte man sich trotzdem sehr überrascht, als man in der Konstruktionsabteilung einen Cadillac-V8 fand.

Der «ewige» Cadillac der 40er Jahre war allerdings die Series 75, die unter dem Blech von allen Neuerungen wie der verbesserten Hydramatic und dem neuen Triebwerk profitieren durfte, äusserlich während des ganzen Jahrzehnts fast keine Änderungen erfuhr. Das gewaltige Fahrzeug mit seinem sehr konservativen Design wurde trotzdem weltbekannt, nicht nur, weil es die bequemste und stilvollste Möglichkeit des Reisens bot, sondern weil es durch unzählige Auftritte in Film und Fernsehen zu einem Symbol für das amerikanische Automobil der 40er Jahre wurde. Doch die Zeiten sollten sich ändern, schon 1949 wollten die GM-Designer mit der guten Tradition brechen und die Series 75 optisch an die anderen Cadillac-Produkte angleichen. Aber Cadillac-Boss Jack Gordon legte sein Veto ein, denn er liebte diese konservativen Fahrzeuge, die praktisch ausschliesslich in Schwarz ausgeliefert wurden.

Und es war auch Jack Gordon, der am 25. November 1949 anlässlich der Produktion des einmillionsten Cadillac-Modells, einem Coupé de Ville, die richtigen Worte für das ausgehende Jahrzehnt fand: «Während Cadillac immer die Prinzipien der höchsten möglichen Qualität bei der Produktion seiner Fahrzeuge hochgehalten hat, war es auch immer ein Ziel der Firma, die Preise für die Cadillac so tief wie möglich zu halten. Dass wir dieses Ziel erreicht haben, kann ein Vergleich der relativen Kosten zeigen: Vor 15 Jahren lag der durchschnittliche Preis für einen Cadillac noch rund 4,5 Mal über dem Durchschnittspreis für ein amerikanisches Fahrzeug – heute liegt dieser Preis nur noch rund 1,6 Mal höher. Diese vorteilhaften Preise waren ein wichtiger Faktor in den ständig anwachsenden Verkäufen, die in diesem Modelljahr die stolze Zahl von 92’554 Cadillac-Fahrzeugen erreicht haben. Dies sind 39 Prozent mehr als je zuvor. Mit diesem Rekord lag die Gesamtproduktion in den vier Nachkriegsjahren bei 236’380 Fahrzeugen. Ausserdem haben unsere Angestellten, auch durch ihre lange Mitarbeit – mehr als 20 Prozent unserer Mitarbeiter arbeiten schon mehr als 15 Jahre für Cadillac – und ihrem Verständnis für unser Arbeitsmotto «Handwerk ist eine Berufung – Genauigkeit ein Gesetz», ein Know-how entwickelt, das nirgends in der Automobilindustrie übertroffen wird. So können wir heute stolz sein, dass von der bis heute produzierten Million Cadillac noch immer 453’000 Fahrzeuge in Betrieb sind.»

Mehr Cadillac gibt es im Archiv.

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