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Porsche 911 S Coupé, 1970

One of a million (4)

Es sei hier eine Behauptung gewagt: Der Tag, an dem die Preise für die Porsche 911 begannen ins Absurde zu steigen, lässt sich genau bestimmen. Es war der 19. August 2011. Es war eine Auktion von damals noch RM Auctions (heute RM Sotheby’s) im kalifornischen Monterey, unter den Hammer kam ein 911 S mit Jahrgang 1970, Chassisnummer 9110301502, Motorennummer 6302094. An jenem Samstag-Nachmittag kam es zum glücklichen Zusammentreffen noch so mancher Komponente, die für eine spannende, auch folgenschwere Konstellation sorgte. Das Geld floss wieder, die Finanzkrise von 2007/08 war überwunden, viele Menschen mit viel Geld, sowohl seriöse Investoren wie auch dubiose Spekulanten, suchten gute Anlagemöglichkeiten. Besagter Porsche hatte eine wichtige Rolle im Kultfilm «Le Mans» gespielt, hatte folglich einst Steve McQueen gehört – und der «King of Cool» war so angesagt wie nicht einmal zu seinen Lebzeiten. Und die Ferrari waren 2011 wieder so teuer, dass auch seriöse Sammler einen Ausweg suchten: Porsche und ganz besonders die 911er boten sich an. Für #9110301502 wurden am Schluss wahnwitzige 1,375 Millionen Dollar bezahlt. Klar, ein Einzelfall – doch die schlafenden Hunde waren geweckt. Und plötzlich merkten auch Nicht-Insider, dass so ein 911er viel Fahrfreud macht. Dass der Unterhalt nicht so teuer sein muss wie bei raren Italienern. Dass es ganz seltene Stücke gibt. Und dann: Boom.

Es gibt in dieser Story aber eben zwei Stories, und beginnen wir doch noch einmal von vorne, mit einer Frage: Kann ein Film sehenswert sein, in dem die Schauspieler die ersten 38 Minuten lang kein Wort sprechen? Ja, er kann, und wie! Wir schreiben hier von «Le Mans» aus dem Jahre 1970/71, gedreht von Lee H. Katzin nach einer Idee von Hauptdarsteller und Co-Produzent Steve McQueen. Zusammen mit «Grand Prix» aus dem Jahre 1966 gehört «Le Mans» sicher zu den eindrucksvollsten Rennsport-Filmen und ist ein Dokument über den Motorsport aus einer Zeit, als die Rennfahrer noch Männer waren und keine Läuche, denen das alles zu viel ist, auch wenn sie grad zufällig Weltmeister werden.

Die Handlung allerdings ist etwas dünn. Er handelt von der Rivalität des amerikanischen Rennfahrers Michael Delaney (Steve McQueen) mit seinem deutschen Rivalen Erich Stahler (Siegfried Rauch). Delaney ist traumatisiert, weil er im Jahr zuvor in Le Mans einen Unfall verursacht hatte, bei dem sein Freund Piero Belgetti ums Leben kam. Durch seinen dokumentarischen Stil vermittelt der Film viel von der Rennatmosphäre damals, zeigt aber auch auf, wie mutig die Piloten damals waren, welchen Gefahren sie sich aussetzten. Es gibt noch einen zweiten Handlungsstrang, eine kleine Liebesgeschichte zwischen Delaney und Belgettis Witwe (gespielt von Elga Andersen, die den unglücklichen bürgerlichen Namen Helga Hymen trug).

Natürlich gibt es jede Menge wunderbare Autos zu sehen in «Le Mans». Delaney fährt einen Porsche 917, sein Konkurrent einen Ferrari 512S. Mit der Realität hatte das im 24-Stunden-Rennen von Le Mans im Jahre 1970 nicht viel zu tun. Der Ferrari war damals chancenlos gegen die Porsche, doch der Porsche 908/2, den McQueen und seine Produktionsfirma gemietet hatten, nahm tatsächlich am Rennen teil. Der «King of Cool», der ein paar Monate zuvor beim 12 Stunden von Sebring einen sensationellen 2. Platz herausgefahren hatte, hätte zusammen mit Jackie Stewart eigentlich selber am Rennen teilnehmen wollen. Die Organisatoren verwehrten ihm aber den Start.

Gefilmt wurde mehrheitlich am 14. Juni 1970. Später wurden noch weitere Szenen nachgedreht, teilweise mit Original-Rennfahrzeugen  und mit bekannten Fahrern aus jenen Jahren, unter anderem Jo Siffert, Vic Elford, Herbert Linge, Rolf Stommelen und Derek Bell. Für die Unfallszene wurden günstige Lola-T70-Chassis mit entsprechenden Aufbauten verschrottet; David Piper verlor bei einem solchen Stunt einen Unterschenkel. Trotz grossen Produktionsaufwands wurde «Le Mans» kein Publikumserfolg. Aber #9110301502 hatte einen längeren Auftritt im Film. Delaney alias McQueen jagt genau diesen Porsche über französische Landstrassen, quasi als Training. Und um nachzudenken, wie es denn in der Beziehung zu Helga Hymen, Entschuldigung, Lisa Belgetti weitergehen könnte. Und eben, fast noch wichtiger: Der Porsche gehörte tatsächlich Steve McQueen.

McQueen, geboren 1930 in der Nähe der Rennstrecke von Indianapolis, hatte erst mit 22 Jahren Schauspielunterricht genommen und mit 26 seine erste kleine Rolle spielen dürfen, an der Seite von Paul Newman. Einem breiteren Publikum bekannt wurde McQueen ab 1958 in der Rolle des Kopfgeldjägers Josh Randall, eine Serie mit dem Titel «Wanted: Dead or Alive», von der 94 Folgen gedreht wurden. Seine erste grosse Rolle hatte er in «Die glorreichen Sieben», dem Remake von Akira Kurosawas «Die sieben Samurai», 1960. Es folgten «Cincinnati Kid» (1965), «Bullitt» (1968, mit einer der besten Auto-Verfolgungsjagden der Film-Geschichte), «The Thomas Crown Affair» (1968) und «Papillon» (1973).

Ob McQueen ein grossartiger Schauspieler war, muss hier nicht diskutiert werden. Aber er war der «King of Cool», eine Mode- und Stil-Ikone der 60er- und vor allem 70er-Jahre. Und er war ein ausgezeichneter Autofahrer. Bei der Verfolgungsjagd im Film «Bullitt» sass er selber am Steuer des Ford Mustang. Er war auch begeisterter Motorradfahrer – und besass eine Fluglizenz. McQueen liess in seinem Leben gar nichts aus – Drogen, Frauen, er rauchte wie ein Schlot, und 1980 wurde bei ihm Brustfellkrebs diagnostiziert. Und dann ging alles ganz schnell. Am 7. November 1980 starb Terence Steve McQueen im mexikanischen Ciudad Juarez nach einer Operation an einem Herzinfarkt. McQueen hatte ein Flair für schwere Motorräder und schnelle Autos. Dieser Porsche 911 S aus dem Jahre 1970 war lange in seinem Besitz – was aber nur teilweise eine Erklärung sein darf für seinen exorbitanten Preis.

Es ist bei genau diesem Fahrzeug das oben genannte Zusammenspiel, King of Cool, cool car, crazy money. Aber wenn es ein Automobil verdient hat, einen Trend ausgelöst zu haben, dann ist es sicher #9110301502. Es ist nun aber an der Zeit für unsere so beliebten technischen Daten:

Technische Daten Porsche 911 S Coupé, 1970

Und wie da zu sehen ist, geht es einmal mehr: um Zahlen. Verlässliche Angaben, wie viele 911 S Coupé es denn im Modell-Jahrgang 1970 nun tatsächlich gab, gibt es irgendwie nicht. Wir sind der Meinung, dass Porsche da unbedingt sowie dringend Klarheit schaffen müsste. Wir zeigen in der Folge noch ein 911 S Coupé, #9110300331, das im August 2013 in Monterey ebenfalls von RM Auctions (heute RM Sotheby’s) angeboten wurde. Erwartet worden war damals ein Zuschlagspreis von 130’000 bis 160’000 Dollar, verkauft wurde das Fahrzeug nicht. Das wäre heute wohl anders…

Mehr, viel mehr Porsche haben wir in unserer Rubrik «Just Porsche». Dort findet sich auch eine Auflistung all unserer 911er-Stories.

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