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«Wahre» Geschichten

#9113601501 oder so

Manchmal abends, wenn ich noch nicht schlafen will, dann sitze ich noch draussen bei einem Glas Wein oder zwei vor dem Computer. Und komme dann manchmal auf dumme Ideen, etwa jene, bei den Porsche 911 auf eine Million zählen zu wollen. Das ist einerseits spannend, anderseits frustrierend (je mehr man weiss, desto komplizierter wird es) – und dann erst recht spannend, denn das alles stimmt ja hinten und vorne nicht, die offiziellen Zahlen von Porsche sind ein ganz schlechter Witz (sie sollten in Stuttgart mal ihre Angaben mit ihren eigenen Geschäftsberichten abgleichen, zum Beispiel, oder zumindest nicht so einen Unsinn schreiben wie: Geschäftsjahr 1965: 8300 Exemplare…). Egal, ich komm dann buchstäblich vom Millionsten zurück aufs Hundertste, siehe die Sammlung zu den 73er Carrera RS 2.7. Und wenn ich dann eben so sitze bei einem Glas Wein oder zwei und auf so dumme Ideen komme wie etwa bei Google einzugeben: #9113601501, dann wird es ja fast schon: fröhlich.

Ich schreibe da jetzt ein grosses, wichtiges Wort: Community. Wenn man all den g’scheiten Menschen glauben will, die jetzt schon wissen, was morgen und in zwei, fünf, zehn Jahren passiert, dann sind die Communities ja: tot. Aus, Ende, begraben. Komplett falsch (und das haben auch die Hersteller nie so wirklich begriffen): Es gibt keine besseren Informationsquellen als diese Communities. Wenn man sich dann so ein halbes Stündchen gönnt und so liest, was die Community alles weiss zu #9113601501, dann fragt man sich schon, wen genau RM Sotheby’s für, hmm, verkaufen will.

Ja, wir wissen es alle (oder zumindest alle, die sich ein bisschen für ältere Fahrzeuge interessieren): Fahrzeuge wie dieser 73er Porsche 911 Carrera RS 2.7 haben ein bewegtes Leben hinter sich. Dieses Teil, ein Lightweight, also Sport, also M471, also (wahrscheinlich) eines von (wahrscheinlich) nur 200 gebauten Exemplaren, wurde 1973 von Harold Morley gekauft und bei drei Rennen eingesetzt, unter anderem der RAC Rally, wo er der bestplatzierte Porsche war. Morley verkaufte #9113601501 dann im Januar 1974 für 8500 Pfund an den Iren Cathal Curley, der mit dem 911er einige wirklich grossartige Siege schaffte – und #9113601501, auch berühmt dank seines Kontrollschildes «AUI 1500», zum wahrscheinlich erfolgreichsten Rally-Carrera-RS überhaupt machte. 1975 verkaufte Curley den Porsche, dieser wurde weiterhin in England bei Rennen eingesetzt, und kam dann 1979 nach Südafrika. Irgendwann kaufte ihn ein gewisser Albert van Heerden, der dem Wagen 1984 auf Gruppe4-RSR-Spezifikationen umbauen liess, inklusive einem 3,4-Liter-Motor aus dem Werk. Das Ende kam 1987, als #9113601501 in Kyalami einen bösen Unfall mit Überschlag hatte. Die Überreste wurde an einen Porsche-Sammler verkauft, der das Wrack 23 Jahre behielt, um es dann 2010 an einen englischen Sammler zu verkaufen.

So weit alles in bester Ordnung. Dann wurde das Fahrzeug aber ab 2010 komplett neu aufgebaut. Es heisst: mit grösster Sorgfalt. Sogar Porsche in Stuttgart bestätigte (anscheinend) die Echtheit des (neuen) Fahrzeugs. Nun, da fragt sich der Laie: was ganz genau liess sich da bestätigen? Dass es einmal einen Carrera RS 2.7 mit der Chassisnummen #9113601501 gab? Dass irgendein Teil an diesem Fahrzeug irgendetwas mit dem einstigen Fahrzeug zu tun hatte? Der Motor war es sicher nicht, das Getriebe auch nicht, aber vielleicht der linke Blinker vorne? Wobei: was ganz genau geschah in den 23 Jahren in der Scheune? Nichts? Oder: ganz viel? Grosse, wichtige Frage: wer kann irgendetwas bestätigen?

Gut, wir kennen das Spiel ja, hatten wir ja kürzlich schon mal bei einem anderen Porsche 911. Bei unseren Lieblingen von Bizzarrini gibt es ja bis zu fünf Autos mit der genau gleichen Chassisnummer (ein Nümmerchen, das Audi ganz aktuell anscheinend auch spielt…), von noch so manchem Ferrari gibt es zwei, oder drei, und alle kriegen das (teure) Echtheitsattest aus Maranello, manch eine Chassisnummer wurde von Alfa Romeo gar nie verwendet und fährt heute doch in schönster Pracht, Jaguar und Aston Martin haben daraus aktuell sogar ein Geschäftsmodell gemacht. Und wer ist der Arsch? Der Käufer. Andererseits: wer solch einen Porsche, Jaguar etc. nun einfach toll findet und das nötige Spaziergeld hat und sich einen Sch. darum kümmert, ob die vom Anbieter gepriesene Story nun stimmt oder halt rein gar nicht, der soll doch einfach zuschlagen. Freud’ soll man haben an seinen Autos, das ist Legitimation genug für einen Kauf (so funktioniert das ja auch bei all den komplett überteuerten Premium-Produkten der automobilen Neuzeit).

RM Sotheby’s bietet nun also #9113601501 am 6. September bei seiner Auktion in London zum Verkauf an. Vom Unfall in Kyalami und den 23 Jahren in der Scheune wird in der Beschreibung nichts erwähnt. Erwartet wird über eine Million Dollar, was ein erstaunlich tiefer Schätzpreis ist für einen «lightweight» (da wurden auch auch schon über 1,4 Millionen Dollar bezahlt..), ein Schnäppchen geradezu für ein Fahrzeug mit einer solchen feinen «Geschichte». Ich schenke mir jetzt noch ein drittes Glas Wein ein – und schau mal, was die Community sonst noch zu berichten hat. Ja, das ist die wahre, die echte Demokratie: Die grosse Masse weiss es einfach besser.

Alle Bilder von #9113601501 von RM Sotheby’s haben wir: hier. Und wir suchen dann noch…

Ein Kommentar

  1. Floyd Floyd

    Inzwischen stehen die entsprechenden Passagen in der Beschreibung drin. Aber ich verfolge derlei Stories nun auch schon seit vielen Jahren und es stimmt – es gibt so viele ähnlich gelagerte Beispiele…. es ist einfach zu viel Geld im Spiel, für fast alle Beteiligte, so dass sie alle mitspielen, egal wie viele Jahrzehnte es geht.

    Mein Favorit ist seit längerem der Ferrari 375 Plus mit der Chassisnummer 0384. Letztlich aber eben auch nur ein Beispiel.

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