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Avions Voisin

Automobile wie Flugzeuge

Zuerst baute Gabriel Voisin, geboren 1880 in Belleville, ein Dampfboot, da war er noch keine 16. Dann baute er, noch keine 20 und das 20. Jahrhundert war auch noch nicht angebrochen, ein Flugzeug; es war zwar mehr ein Segler, aber immerhin. Und dann auch noch ein Auto. Dann erst begann Gabriel Voisin seine Studien, Architektur und Maschinenbau. Doch das war ihm zu langweilig, deshalb gründete er mit seinem Bruder ein Unternehmen zur Herstellung von Fluggeräten, das so erfolgreich war, dass Voisin im 1. Weltkrieg zu einem der grössten Flugzeug-Hersteller überhaupt wurde, rund 3000 Exemplare seiner Voisin III, VIII und X standen im militärischen Einsatz, unter anderem auch in Russland. Doch der Krieg machte den Franzosen zum Pazifisten – er verkaufte seine Fabriken nicht, sondern hörte einfach von einem Tag auf den nächsten mit der Flugzeug-Produktion auf. Und baute zuerst einmal Fertighäuser. Und wandte sich schliesslich dem Automobil zu.

Schon im Juni 1919 stellte er sein erstes Fahrzeug vor, den Avions Voisin M-1. Das war allerdings keine Eigenkonstruktion, sondern ein Fahrzeug, das ihm bei einem Nachtessen mit seinem engen Freund André Citroën im «Maxim’s» von einem gewissen Ernest Artault angeboten worden war. Citroën wollte den Wagen nicht, er hatte andere Pläne, doch Voisin kaufte die Konstruktionszeichnungen sowie die bereits entstandenen vier Prototypen. Es war ein aussergewöhnliches Fahrzeug, angetrieben von einem 4-Liter-Vierzylinder-Schiebermotor (sprich: ohne Ventile), mit seinen 3,5 Metern Radstand riesig, das Design stammte von Louis Dufresne. Doch Voisin merkte schnell, dass der M-1 alles andere als ausgereift war, er engagierte André Lefèbvre (der später als Konstrukteur der Citroën Traction Avant, 2CV und DS berühmt werden sollte) und gemeinsam verwandelten sie den M-1 zum C-1. «An einem kalten, nebligen Morgen merkten wir, dass wir die Hinterachse verkehrt eingebaut hatten», schrieb Voisin später in seinen Memoiren, «deshalb war es kein Wunder, dass der Wagen vier Rückwärts- und nur einen Vorwärtsgang hatte».

Vom luxuriösen C-1 konnten einige Hundert Exemplare abgesetzt werden, zuerst mit 80, ab 1920 dann mit 100 PS. Der C-2 hatte dann aber schon einen V12-Motor mit 7,2 Liter Hubraum, der C-3 war dann wieder kleiner, der C-4 das erfolgreichste Modell, Jahr für Jahr wurden in der Fabrik in Issy-les-Moulineaux mehr als 1000 Stück produziert. Diese frühen Voisin wurden sehr geschätzt für ihre hohe Qualität – und die leisen, zuverlässigen Motoren. Voisin kopierte dafür ziemlich schamlos eine Idee des amerikanischen Journalisten Charles Yale Knight, der die damals noch sehr anfälligen Ventile durch Schieberhülsen und Schlepphebel ersetzte. Und schon damals legte Voisin grossen Wert darauf, dass die Maschinen nicht nur gut funktionierten, sondern auch optisch ein erfreulicher Anblick waren.

Doch Gabriel Voisin, ein streitbarer Geist, wollte mehr. 1923 entwickelte er den Labroratoire Voisin, quasi ein Flugzeug auf Rädern, ein Alu-Monocoque mit einer Alu-Karosse, vorne deutlich breiter als hinten, ein Propeller auf dem Kühler treibt die Wasserpumpe an. Nur 660 Kilo wog der Wagen, angetrieben wurde er von einem 80 PS starken Schiebermotor, der den Wagen auf stolze 175 km/h brachte. Rennerfolge hatten die vier gebauten Exemplare aber keine – es heisst, dass sie deshalb eingeschmolzen wurden. Überhaupt hatte Voisin nach dem «Laboratoire» genug vom Rennsport, später sollten seine Fahrzeuge noch einige Langstrecken-Rekorde holen (etwa einen über die Distanz von 17 Tagen), doch er wollte lieber teuer als schnell.

Wobei, der C-11 «Lumineuse» war zuerst einmal der Versuch einer Design-Revolution. Wie einst Goethe nach «mehr Licht» verlangte, so wollte Voisin einen lichtdurchfluteten Innenraum. Denn dieser war auch besonders gestaltet, Stoffe in schönstem Art-Déco, Kuper an den Armaturen, ansonsten wieder die Reduktion auf das Wesentliche. Und für ein Luxusfahrzeug gar nicht so teuer, weil Voisin sich auf einen 2,3-Liter-Motor beschränkte. Gegen Aufpreis gab es ein Kofferset – und einen Feuerlöscher. Der Visionär sah «Premium» schon voraus, als das noch gar niemand kennen wollte. 1400 Stück des C-11 sollen enstanden sein. Vom C-14, der als erstes Automobil überhaupt ein elektro-magnetisches Vorwahl-Getriebe hatte, wurden sogar 2100 Stück hergestellt – eine grossartige Zahl, Bugatti gab es damals mehr so im Dutzend, von den Rolls-Royce noch weniger.

Doch über die Jahre wurde Gabriel Voisin immer exzentrischer. Und das färbte auch auf seine Fahrzeuge ab. Die technsichen und optischen Höhepunkte seines Schaffens waren die Modelle C25 Aéodyne von 1934 und die beiden Aérosport C27 und C28. Die Bezeichnungen machen schon klar, dass Aerodynamik ein weiteres Thema war, das den ehemaligen Flugzeug-Konstrukteur faszinierte, die lang auslaufenden Heckpartien, die halb verkleideten Frontscheinwerfer und die Scheibenräder wurden zu einem Markenzeichen. Die Verarbeitung ist liebevollst, die Details ein Genuss – der Aérodyne etwa verfügt über ein Panaorama-Dach mit Bullaugen, das über einen Seilzug geöffnet wird. Doch weil Avions Voisin die Schieber-Motoren nicht mehr weiter entwickelte, die Fahrzeuge aber trotzdem immer teurer wurden, wurde Ende der 30er Jahre das Geld knapp. Und ging dann ganz aus, 1939. Gabriel Voisin zog sich aus dem Geschäftsleben zurück, wandte sich einer viel jüngeren Tänzerin zu – und schrieb bis zu seinem Tod im Jahre 1973 in erster Linie gehässige Leserbriefe an Zeitungen.

Dass er sich das leisten konnte, hatte einen Grund: der Biscuter. Schon in den 20er Jahren hatte Voisin einen Kleinstwagen konstruiert, der über zwei Motoren eines Motorrollers angetrieben wurde. Dieses Fahrzeug, Sulky genannt, ging allerdings nicht in Produktion. Nach dem 2. Weltkrieg nahm Voisin die Idee wieder auf und präsentierte 1949 auf dem Pariser Auto-Salon auf dem Stand von Gnôme et Rhône ein Gefährt, das über gleich zwei 60-Kubik-Motörchen verfügte und deshalb den Namen «Biscooter» trug. Stolze 1500 Bestellungen wurden noch auf der Ausstellung unterschrieben, doch Gnôme et Rhône wollten den Wagen trotzdem nicht produzieren, weil unterdessen der Citroën 2CV und der Renault 4CV auf dem Markt waren.

Doch Voisin fand in einer Gruppe katalanischer Industrieller doch noch einen Abnehmer – die Katalanen hatten das Gefühl, der Biscooter sei genau und unbedingt das Fahrzeug, das es brauche, um Spanien zu motorisieren. Es wurde die Auto Nacional SA gegründet, 1953, in San Adria de Besos. Und noch im gleichen Jahr wurde das erste Fahrzeug unter dem Namen «Biscuter» auf dem Salon von Barcelona vorgestellt, unterdessen angetrieben von einem Hispano-Villiers-Motor mit 197 ccm, der gewaltige 9 PS stark war. Und sogleich wurde mit der Produktion begonnen, unter dem Namen Biscuter Autonacional Voisin. Gabriel Voisin kassierte – ansonsten hatte er gar nichts mehr mit dem Wagen zu tun. Darüber war er vielleicht froh: sofort nach dem Erscheinen erhielt das Fahrzeug den Übernamen «zapatilla», Pantoffel, und bald schon gab es auch das geflügelte Wort «hässlich wie ein Biscuter». Trotzdem waren die Biscuter ein Erfolg, zwischen 1953 und 1960 wurden immerhin etwa 12’000 Exemplare produziert. Heute soll es noch etwa 250 Stück – und sie kosten ein Vielfaches dessen, was einst für sie verlangt wurde.

Für die grossartigen Fahrzeuge von Avions Voisin werden heute nicht die Preise bezahlt, die man erwarten könnte, es hat noch kein Fahrzeug einen siebenstelligen Betrag erreicht. Das liegt auch daran, dass der Unterhalt nicht bloss teuer ist, sondern vor allem sehr kompliziert. Und es liegt daran, dass die Freunde der Marke ihre Fahrzeuge auch gar nicht erst hergeben – zu den Sammlern gehören etwa der Earl of March, Philippe Starck, Chris Bangle, Jay Leno, die Familie Michelin. Die schönste Sammlung steht in einer heruntergekommen Fabrikhalle im schweizerischen Aigle, die «Fondation Hervé» (www.fondation-herve.org) besitzt gleich sieben Exemplare, darunter den sicher schönsten C25 Aérodyne. Wir zeigen jetzt hier aber noch einen C14 Lumineuse (Photos: ©Courtesy of RM Sotheby’s).

Sie haben noch nicht genug? Gut, dann haben wir hier noch ein C25 Cimier Coupé von 1935 (Photos: ©Courtesy of RM Sotheby’s).

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