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Volvo V90 D5 AWD

Soundcheck

In einer eifrigen Diskussion, in der es um das Thema Automobil im Grossenganzen ging, haben wir zu dieser IAA einen interessanten Einwurf gehört, der uns seitdem nicht mehr aus dem Kopf gehen mag:

Ein gutes Auto braucht alleweil nur folgende Extras: eine gute Heizung, vernünftige Sitze, gute Geräuschdämmung, ein starkes Soundsystem und, natürlich, Automatikgetriebe.

Dieser Tage ist viel Wahrheit an der Aussage. Denn: Autofahren macht kaum mehr Freude. Wenn man nicht irgendwo stausteht, dann trödelt der Vorausfahrer auf der linken Spur und am Berg ist eine LKW-Kolonne dabei die Maut, einen Stau oder gleich beides zu umgehen.

Wer jetzt nicht gerade 600+ PS in der Garage parken hat und einen Führerschein am Abreissblock besitzt, dem bleibt die Fahrfreude im Alltag in engen Grenzen. Warum also nicht einmal diesem anderen, entschleunigten Ansatz folgen?

Der Volvo V90 als Entschleuniger

In welchem Auto würde das wunderbarer funktionieren als in unserem Volvo V90 Dauertestwagen? Eben. In kaum einem, denn:

  • Automatikgetriebe – der Aisin-Achtgänger ist vielleicht nicht der größte Dynamiker, wenn dir der Helm brennt, aber genau darum soll es hier ja eh nicht gehen.
  • Gute Heizung – was in Skandinavien bei -30°C am Polarkreis die Hütte heizt, dürfte unsere Winter milde belächeln.
  • Vernünftige Sitze – Komfortsessel, in handschuhweichem Nappa ausgelegt, dazu belüftet, beheizt und in diversen Stufen massierend. Passt!
  • Gute Geräuschdämmung – ein kleiner Motor, gut zwei Tonnen Stahl und extra laminiertes Doppelscheiben-Glas rundum. Das kann vielleicht ein Rolls-Royce besser, sonst keiner.
  • Ein starkes Soundsystem – wer hier sein Kreuz bei Premium-Sound by Bowers&Wilkins, dem ist der Sieg gewiss!

Dass der Volvo mit seinen Assistenzsystemen, dem Radartempomaten und der aktiven Spurhaltung, der Luftfederung und dem Head-Up-Display noch für eine ganz andere Dimension der Entspannung sorgt, das sparen wir uns für ein anderes Mal auf, denn wir müssen einfach noch ein bisschen über diese Lautsprecher erzählen.

Neben den Bastlern, die fiese Aufbaulautsprecher, Schwanenhälse und DIN-Schacht-weise hohe Tonkunst selbst ins Auto geschraubt haben, waren die Amerikaner von „no highs, no lows, must be Bose“ die Ersten, die eine Art (Marketing-)Anspruch in die Türtafeln der Automobilwelt gebracht haben.

Über die Jahre kamen immer mehr Hersteller darauf, dass der Kunde durchaus bereit ist, im Verhältnis zum Kaufpreis Unsummen für die Aufpreislautsprecher zu bezahlen. So fehlt in den Preislisten dieser Welt kaum ein Unternehmen der HiFi-Branche. Ob Bose, harman/kardon, mark levinson, Meridian, Bang&Olufsen, Canton, Burmester, Naim, Dynaudio oder Bowers&Wilkins – alle spielen sie mit. Und das, obwohl bis auf die letzten Vier keine der anderen wirklich audiophiles Material anbietet.

Und so ist es dann oftmals die Show, das Marketing und die Effekte, für die man sein Geld bezahlt. Ohne dabei durch besonderen Ton belohnt zu werden. Elektrisch ausfahrende Hochtöner als Beispiel – braucht niemand. Schon gar nicht, wenn der Nachbar dann plötzlich drehend ausfahrende hat, die noch dazu in allen Farben des LED-Spektrums hinterleuchtbar sind. Auch braucht niemand einen Subwoofer auf der Hutablage, selbst wenn seine Edelstahlabdeckung noch so teuer und edel durch die Heckscheibe schimmert.

Leistung zählt, nicht Show

Was einzig zählt, ist Leistung – und damit meinen wir nicht die physikalische, sondern die akustische. Also das, was am Ohr ankommt. Und im Volvo knallt es so heftig, dass wir uns erstmals dazu entschlossen haben, nur etwas über den Lautsprecherton zu verfassen.

Das Auto an sich ist der denkbar schlechteste Ort für guten Ton. Komplexe Innenraumgeometrien, viel zu viele Reflektionen, unzählige Materialien – die alle anders abstrahlen, absorbieren – und dann auch noch ständig wechselnde Hörpositionen, wenn der Fahrer den Sitz verstellt. Dazu kommen natürlich die Störgeräusche – weil man eben nicht daheim auf dem Sofa sitzt, sondern halt: Auto fährt.

Und dann wäre ja noch die Position der Lautsprecher. Vorne, auf dem Armaturenbrett, in schöner Stereolage – da wären sie perfekt aufgestellt. Nur: man muss eben auch ein bisschen rausschauen können, auf den Verkehr achten, Schilder lesen. Deshalb stecken sie meist irgendwo unten drin. In der Türverkleidung, unter dem Sitz, im Armaturenbrett. Das ist schlecht. Also: richtig schlecht.

Man braucht deshalb vor allem eins im Auto: signal processing.

Und damit meinen wir nicht bloß einen Regler mit Aufschrift „3D-Surround“, dessen Wirkung den Klang je nach Schieberposition zwischen in-der-Badewanne hin zu auf-dem-Bahnsteig justiert, sondern echte digitale Zauberei.

Wir haben uns das mal von einem Freund, sicher einer der intelligentesten Menschen, den wir kennen, erklären lassen. Es ging erst um Frequenzspektren, Laufzeitkorrekturen, Impulsspektren, dann relativ schnell weiter zur Zusammenfassung selbiger in Matrizen, zur Interpretation und bei der relativistischen Quantenmechanik mussten wir ihm dann leise gestehen, dass wir keinen blassen Schimmer mehr hatten, wovon er eigentlich sprach.

Denn es ist für den Nicht-Physiker/-Mathematiker: unfassbarer Wahnsinn.

Wahnsinn in einer Dimension, dass sich Volvo mit Bowers&Wilkins nicht nur einen absoluten Spezialisten in Sachen Hi-Fi ins Boot geholt hat, sondern eben auch einen, der das signal processing im letzten Jahrzehnt auf ein völlig neues Level gehoben hat: Dirac.

Einst von ein paar schwedischen Doktoranden gegründet, denen der Klang ihrer Heimanlagen nicht audiophil genug war, entstand in den vergangenen 15 Jahren im schwedischen Uppsala eine der führenden Algorithmen-Werkstätten, wenn es um die Ausarbeitung wirklich perfekten Tons geht.

Der Reihe nach

Schon an der Basis lässt Volvo beim Premium Sound-System wenig anbrennen. Es gibt gleich 19 Lautsprecher, die sich um den Hörgenuss sorgen: sieben 25mm-Hochtöner, drei 100mm- und vier 80mm-Chassis für den Mittelton, sowie vier 170er-Langhuber für den Tiefmittelton. Ganz unten spielt dann ein 250mm Subwoofer zu. Angetrieben wird alles von einer digitalen Class-D-Endstufe, die ganz locker 1.4kW (in Worten: eintausendvierhundert echte Watt) aus dem Ärmel schüttelt.

Die Speaker sind dabei unverkennbar B&W: der Nautilus-Hochtöner etwa, mit seiner charakteristischen Röhre. Oder die gelben Kevlar-Membrane des Mitteltons. Auch die Positionierung der einzelen Lautsprecher ist interessant: prominent spielt der große Nautilus on-top auf dem Armaturenbrett in direkter Ansprache zu den Insassen und die restlichen Hoch- und Mitteltöner sitzen jeweils direkt gepaart dicht beieinander in unmittelbarer Nähe zu den Sitzplätzen.

Für das Phasenverhalten ist das prima, jedoch zieht es die akustische Bühne im Normalfall eher nach unten, schließlich sitzen die Hochtöner noch unter der Türbrüstung. Dass die Abbildung im Volvo dann allerdings unglaublich breit und klar ist, geht auf die feinen Tricks der jungen Schweden von Dirac zurück.

Ihren Live-Algorithmus, der das Impulsverhalten und die Frequenzgänge der einzelnen Lautsprecher optimiert, haben sie deshalb grundlegend überarbeitet. Denn es ist nicht nur mit bloßer Laufzeitkorrektur und sanftem Equalizing getan – für das perfekte Zusammenspiel aller Chassis, muss man tiefer in die Trickkiste greifen.

Stolz erzählen die jungen Audio-Entwickler davon, wie sie erstmals Lautsprecher und Hörraum als eine gemeinsame Einheit betrachtet haben und nicht als zwei getrennte Variable, die sich gegenseitig beeinflußen. Sie haben auf den neuesten Erkenntnissen der aktiven Geräuschunterdrückung, Raumfeldsynthese und Raumkorrektur ein neues Messsystem entwickelt, das sie Unison nennen.

Im Gegensatz zu ihrem alten Live-Ansatz, der das Impulsverhalten und die Frequenzbänder eines einzelnen Kanals angepasst hat, rechnet Unison ein Impulsverhalten und einen Frequenzgang für alle Lautsprecher in Echtzeit aus. Keine Interferenzen, keine Störungen, keine Schwammigkeit – stattdessen steht jeder Ton satt und klar im Innenraum des Volvos, dass es eine Freude ist.

Tatsächlich ist es diese trennscharfe Auflösung, diese Reinheit, die das Hörerlebnis der B&W im V90 so besonders macht. Dabei ist es komplett egal welches Genre gehört wird, oder in welcher Lautstärke. Jede noch so subtile Feinheit transportiert der Volvo ungeschönt ans Ohr, ohne Show, ohne weichspülende Interpretation, sondern einfach so, wie es die Aufnahme diktiert.

Ein bisschen Spaß haben sie sich dann aber doch noch gegönnt. In Form von verschiedenen Presets des Unison-Codes. So haben sie etwa das Raumverhalten der Göteborger Konzerthalle programmiert, damit sich jeder Hörer wie in der Heimat aller Volvos fühlen kann. Oder aber eine besondere Laufzeitkorrektur, die das Hörerlebnis auf allen Plätzen gleichwertig ausrechnet und nicht bloß den Fahrer mit perfektem Timinig beschenkt.

Dass es noch dazu bei Bedarf richtig knallt, liegt an der nächsten Besonderheit des Volvos. Zwei Tonnen Schwedenstahl bieten einen guten Resonanzkörper. Schwer, stabil, unerschütterlich. Hier spielen die 170mm Tieftöner und besonders der 250mm Subwoofer unglaublich mächtig auf.

Dank der feinen Klarheit und der perfekten Integration in den Frequenzgang übertreiben es die Bässe allerdings nie, was dazu führt, dass man auch in unglaublicher Lautstärke Musik hören kann, ohne dass es unnatürlich oder gar verzerrt klingen würde.

Und tatsächlich ist es das, was uns am Premium Sound von B&W am meisten begeistert hat: es knallt. Und es knallt mächtig. Nirgendwo diesseits eines Live-Konzerts kann man sich so mitreißen lassen wie hinter den doppelt verglasten Scheiben des großen Volvos.

Kaufen, ernsthaft!

Da das System mit 3650 EUR angesichts der Preise für die Superanlangen der deutschen Oberklasse als – und das meinen wir jetzt wirklich ernst! – Schnäppchen durchgeht (dort darf es gerne auch 6000 EUR und mehr sein) – sprechen wir hier und jetzt eine absolute und unbedingte Kaufempfehlung aus.

Auch wenn ein solcher Aufpreis auf den ersten Blick absurd erscheinen mag, nehmen Sie ihn in Kauf! Sparen Sie an den Felgen, der Lackierung, ja sogar dem Motor – beim Fahren sieht man das Äußere nur selten und meist stehen wir ja sowieso im Stau. Und genau dort schlägt dann die Stunde der teuren Lautsprecher – Sie werden keine Sekunde bereuen!

Anmerkung: Witzig ist übrigens, dass Volvo den Premium Sound nur in Kombination mit dem großen Sensus Connect-System verkauft, dass seinerseits gleich mit der vorinstallierten Spotify-App kommt und Apple sowie Android-Geräte direkt an die Leine nimmt. Warum das witzig ist? Weil man mit Spotify einfach viel mehr Musik hört als man es normal tun würde. Die Browsing und Entdecken-Funktionen sorgen zudem für einen wundervollen neuen musikalischen Horizont und bei Bedarf kann man trotzdem weiterhin die qualitativ hochwertigen FLAC und Lossless-Dateien auf dem eigenen Smartphone direkt abspielen.

Denn eins ist klar: Radio hören sie mit den B&Ws nicht mehr. Vielleicht DAB+, aber auch das nur um den Verkehrfunk zu hören.

P.S.: wenn sie ein Spotify-Konto haben, dann sollten sie sich nur nur unsere Volvo-Soundcheck-Playlist anhören, sondern auch einen Blick auf TIDAL werfen. Denn die 256/320kbps von Spotify kommen auf der B&W-Anlange hörbar an ihre Grenzen. Verlustfrei bekommt dann plötzlich eine ganz neue Dimension – aber das ist dann wieder eine andere Geschichte…

Hier nun unsere Testplaylist, quer durch die Genres aber jedes für sich mit großen Anspruch an die Lautsprecher. Sie dürfen allerdings auch play drücken, wenn sie nicht gerade in einem V90 mit B&W sitzen. Vielleicht aber gerade dann…

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