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Soletta

Die Sensation

An den Autosalons in Genf im Frühjahr 1956 und in Paris im Herbst desselben Jahres erregte ein Kleinwagen in Fachkreisen besondere Aufmerksamkeit. Es handelte sich hierbei um den vom Solothurner Ingenieur Willy E. Salzmann konzipierten und bei der Carosserie Hess AG in Bellach gebauten Prototyp Soletta.

Salzmann, der bereits seit zehn Jahren sein Ingenieurbüro für «Maschinen-, Motoren- Fahrzeugbau und Flugzeugbau» in Solothurn führte und sich einen Namen für Sicherheits-Differenzialsperren und Zusatzgeräte für Ford- und Ferguson-Traktoren gemacht hatte wollte eigentlich bloss seine von ihm konstruierte und patentierte «Elastische Triebachse an Motorfahrzeugen», ein Zwischending zwischen Starr- und Pendelachse am Salon ausstellen. Und zwar bei den Automobilen und nicht irgendwo am Rande bei den Anbietern von Zubehör. «Wenn Sie die Achse bei den Personenwagen zeigen wollen, müssen Sie sie auch in einem Personenwagen zeigen», war die an ihn gestellte Bedingung. Um ein Auto um seine Elastikachse zu bauen, blieb ihm bis zum Salonbeginn nur noch kurze Zeit.

Innert sechs Wochen erarbeitete er Pläne und Modelle eines Kleinwagens, das bei der Carosserie Hess AG gebaut wurde. Um möglichst wenig Zeit zu verlieren und doch ein eigenständiges Auto zu bauen, griff man auf viele Komponenten des damaligen Renault Heck zurück. Für die Antriebseinheit jedoch benutzte Salzmann nicht den Renault-Motor, der ihm in seinen Abmessungen zu gross schien. Erst im Condor 750 des Motorradherstellers aus Courfaivre fand er den geeigneten Motor.

Den luftgekühlten Zweizylinder in Boxerbauart hatte er zusätzlich durch einige Modifikationen so flach gestaltet, dass dieser in platzsparender Weise unter dem Hintersitz angeordnet und mit der Elastikachse zusammengebaut werden konnte. Aus technischer Sicht ein Auto mit Mittelmotor und optimaler Gewichtsverteilung auf Vorder- und Hinterachse. Der Motor mit dem überarbeiteten Getriebe und der Achsantrieb bildeten eine Einheit, die sowohl über Pendelhalbachsen, aber auch mit elastischen Gummifedern abgestützt wurde. Der bekannte Motorsport-Journalist Paul Frère beschrieb die Vorteile dieser Anordnung wie folgt: «Damit soll erreicht werden, dass die kleinen Ausschläge, die durch Schwingungen verhältnismässig hoher Frequenz hervorgerufen sind, wegen der Massen-Trägheit des Motor-Getriebeblocks hauptsächlich durch die Pendelachsen abgefedert werden, während bei grösseren Ausschlägen niedrigerer Frequenz der ganze Block schwingt und somit grosse Sturzveränderungen vermieden werden.“ Mit anderen Worten: Salzmanns Elastikachse, die Vibrationen gering hielt, verband die Vorteile der Pendel- mit denen der Starrachse. Dreiecksquerlenker an der vorderen Radaufhängung versprachen gute Fahreigenschaften. Die Kühlung des Motors erfolgte durch Luftkanäle am Boden. Zur Verminderung des Geräuschpegels verbaute man ausgiebig Isoliermaterial, auch in die Polsterung der hinteren Sitzbank.

Die Soletta (italienischer Name für Solothurn) ist von seinen Dimensionen her ein Kleinwagen. Der Radstand beträgt bloss 2 Meter, seine Länge 3.15 Meter und seine Breite 1.35 Meter. Trotzdem bietet er vier Personen Platz. Dank der kompakten Antriebseinheit bleiben sowohl vor wie auch hinter der Fahrgastzelle zusammen noch 0.4 m3 Platz für Gepäck.

Die Karosserie besteht aus Glasfiber-Kunststoff, die auf eine Plattform mit Rohrgerippe geklebt wurde. Bemerkenswert sind die unterschiedlich zu öffnenden Türen, die Vorder und Heckfront sowie die kurzen Überhänge. Die Türe der Fahrerseite ist hinten, diejenige des Beifahrers vorne angeschlagen. Dies ermöglicht einen bequemen Einstieg für den Fahrer, aber auch für die Mitfahrer auf die hintere Sitzbank. Da beide baugleich und symmetrisch gestaltet sind, wären bei einer Serienherstellung Kosteneinsparungen voraussehbar gewesen. Ähnlich verhält es sich mit den Kotflügel sowie den Front- und Heckklappen.

Die Soletta konnte fristgerecht am Salon 1956 in Genf auf dem Stand Nr. 68 gezeigt werden. Links davon präsentierte die Firma Grünhut AG aus Wollerau, Kanton Schwyz, ihren Belcar. Es handelt sich hierbei um eine Konstruktion nach einer Lizenz von Egon Brütsch: Ein dreirädriges, dreiplätziges offenes Auto mit einer aus zwei Kunststoff-Halbschalen gefertigten Karosserie, angetrieben durch einen 197 resp. 245 ccm Motor. Rechts befand sich der Stand von Glas mit seinem ein Jahr zuvor in Serienproduktion genommenen Goggomobil, allerdings unter dem für den französischen Markt bestimmten Namen Isard. Gegenüber stellte Messerschmitt sein einer Pilotenkanzel nachempfundenen Mikrofahrzeug aus. Eine Zeit lang war den beiden letztgenannten ein gewisser Erfolg beschieden, jedoch blieb eine konzeptionelle Weiterentwicklung aus.

Der Prototyp Soletta konnte mit einem ganz anderen Potenzial an Entwicklungsmöglichkeiten aufwarten und verschiedene Fachzeitschriften nahmen dies auch wahr. So schrieb etwa «Auto Motor und Sport»: «Unter den Kleinwagen ist ein interessanter Prototyp aus der Schweiz zu erwähnen . . ». In England tönte es dann so: «Just the economy car for Britain . . sensational!» Die Australische «Sydney Morning Herald» schrieb zur Soletta: «However, Switzerland displayed the biggest surprise».

Am Autosalon von Paris im Oktober 1956 stellte Salzmann erneut seine Soletta aus, diesmal mit geänderten Front und Heckpartie und einem anderen Dachabschluss, was dem Fahrzeug eindeutig zu mehr Eleganz verhalf. Auf einer Zeichnung aus jener Zeit sind diverse Karosserie-Konfigurationen der Soletta dargestellt. Unter Verwendung möglichst vieler identischer Karosserieteile (Türen, Kotflügel, Front- und Heckklappen etc.) erschienen mit drei verschiedenen Radständen zwei- bis sechsplätzge Autos in Form von Coupés, Limousinen, Kastenwagen, Kabrioletts und Geländefahrzeugen.

Die Soletta bescherte Salzmann an beiden Salons viel Anerkennung und Publizität, ergeben hat sich daraus trotzdem nichts. Später erklärte er sich dies folgendermaßen: «Ich war eben ausschließlich Konstrukteur, und ohne ein Management und Marketing ging’s schon damals nicht». Immerhin soll Alec Issigonis, der Vater des Mini, beim Anblick der Soletta in Paris gesagt haben, dass es für vierplätzige Kleinwagen- Konzepte durchaus einen Markt gibt. Der Mini erschien, wie auch der Fiat 500 oder der Trabant, erst 1959 auf dem Markt.

Wir bedanken uns herzlich bei Franz Engler für diesen Text; die Soletta ist zu sehen auf der Sonder-Ausstellung «Le Retour du Futur» auf dem Genfer Auto-Salon (#gims, noch bis zum 18. März). Mer wunderbare Oldies gibt es in unserem Archiv.

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