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Bizzarrini Manta

Der Erste

(Als Basis für den Bizzarrini Manta dient der Bizzarrini P538, dessen Geschichte detailliert erzählt wird, hier.)

Giorgetto Giugiaro, geboren am 7. August 1938, besass schon immer ein aussergewöhnliches Talent. Er war erst 17, als der technische Direktor von Fiat, Dante Giacosa, den jungen Mann entdeckte und ihm sofort einen Job verschaffte. Und schon im Dezember 1959 machte Nuccio Bertone den damals 21-Jährigen zum Leiter des «Bertone Styling Center». Mit 24 entwarf er das Simca 1000 Coupé, sein erstes Serien-Auto sollten die Coupé-Varianten des Alfa Romeo 2000/2600 werden. Die Jahre bei Bertone waren sicher wichtig für Giugiaro, er lernte viel und schnell. Im November 1965 wechselte Giugiaro zu Ghia, war äusserst produktiv – und hegte bald schon den Wunsch nach Unabhängigkeit.

Am 7. Februar 1967 gründete er seine eigene Firma, Ital Styling. Er blieb Ghia verbunden, arbeitete weiterhin als freiberuflicher Designer – und vor allem an seinen Plänen für sein eigenes Unternehmen. Am 13. Februar 1968 wurde Ital Styling in Italdesign umbenannt, genauer: Studi Italiani Realizzazione Prototipi S.p.A.. Neben Giugiaro war auch die Familie Mantovani beteiligt. Doch jetzt musste ganz schnell ein Fahrzeug her, mit dem Giugiaro aufzeigen konnte, zu was Italdesign fähig war.

Giorgetto Giugiaro und Giotto Bizzarrini kannten sich da schon einige Jahre. Wie sie genau zusammenkamen, das weiss man nicht mehr, doch eine erste Zusammenarbeit gab es bei Iso Rivolta. Wie sehr Giugiaro an den Iso A3/C sowie Bizzarrini GT 5300 beteiligt war, darüber streiten sich die beiden Herren auch heute noch; Bizzarrini sagt gern, dass er den Entwurf von Giugiaro erst tauglich machen musste. Doch damals, 1968, war die Beziehung zwischen den beiden Italienern noch bestens. Und man konnte sich gegenseitig helfen: Bizzarrini brauchte wieder einmal Geld, Giugiaro ein taugliches Chassis mit einer anständigen Motorisierung. Und da war ja dann noch der P538 mit der Chassisnummer 003, der mit einem Corvette-Motor ausgerüstet war und schon in Le Mans gerannt war.

(So lautet zumindest die «offizielle» Geschichtsschreibung, die auch von diversen Büchern übernommen wurde. Wir wollen uns selber zitieren, aus den Fussnoten der Story zum P538: «2009 soll Giotto Bizzarrini gesagt haben: «Dieser Manta ist überhaupt kein Bizzarrini. Ich hatte nichts damit zu tun. Es ist zu 100 Prozent gebaut von Giugiaros Italdesign». Wir haben uns den Manta während «Le Retour du Futur» genau angeschaut und mit Bildern von den P538 verglichen – und ja, da ist wirklich nicht viel Ähnlichkeit, das Chassis ist komplett anders aufgebaut, auch die Tanks sind anders. Es ist vielleicht oder vielleicht wahrscheinlich so, dass diverse Teile des «zerstörten» P538*001 und des «vergessenen» P538*003 für den Manta verwendet wurden, doch dass Bizzarrini ein komplettes Chassis samt Corvette-Motor an Giugiaro verkauft haben soll, erscheint (vielleicht?) unwahrscheinlich».)

Es musste schnell gehen, 40 Tage, heisst es, habe sich Giugiaro gegeben, um sein erstes «eigenes» Fahrzeug zu bauen. Und es wurde ein grosser Wurf, ein wichtiges Automobil für die Geschichte. Die Basis war selbstverständlich ideal, ein leichter Rennwagen – und Giugiaro spannte darüber eine Karrosserie, wie man sie vorher noch nie gesehen hatte, eine Art Halbmond aus gefaltetem Papier mit einem Kamm-Heck. Eines der allerersten Unibox-Design. Doch nicht nur die äussere Form war spannend, auch innen ging Giugiaro neue Wege: der Fahrer sass zentral in der Mitte, zwei Passagiere leicht nach hinten versetzt links und rechts neben ihm (da dürfte Italdesign allerdings inspiriert gewesen sein vom 66er Ferrari 365P von Pininfarina). Die Dimensionen des Manta sind auch heutiger Sicht erstaunlich: der Wagen ist 4,13 Meter lang, aber stolze 1,86 Meter breit und nur gerade 1,05 Meter hoch.

Erstmals ausgestellt wurde der Manta auf der Motor Show in Turin im Jahre 1968 – Giugiaro hatte seinen ehrgeizigen Zeitplan tatsächlich einhalten können. Lackiert war er in einem hellen Grün mit orangen Akzenten – womit er noch mehr Aufmerksamkeit erregte. Später wurde der Wagen silbern (oder war er doch: rot?) umlackiert und auch in den USA einem staunenden Publikum vorgeführt – Giugiaro hatte erreicht, was er sich zum Ziel gesetzt hatte. Auf dem Weg zurück nach Europa ging der Manta damals «verloren» – und wurde zehn Jahre später von den Zollbehörden versteigert. Hier der Versuch einer kleiner Auflistung:
1968: innert 40 Tagen gebaut im September/Oktober für die 50. Torino Motor Show. Farbe: Blau-Grün-Aqua.
1969: ausgestellt in Tokio und Los Angeles. Farbe: Rot mit schwarz/weissen Streifen. Wurde dann von Zoll in Genua zurückgehalten bis in die späten 70er Jahre, soll dann von Giovanni Giordanengo gekauft und restauriert worden sein. Das Fahrzeug war vorher ein «rolling chassis», wurde dann aber fahrtüchtig gemacht. Und wieder im originalen Grün-Blau-Aqua lackiert.
1982: verkauft an Ulf Larssen, Schweden.
1988: in Italien ausgestellt zum 20. Jubiläum von Italdesign. Farbe: Silber.
1999: verkauft an Alberto Brener, USA.
2005: verkauft an Ron Spindler, USA
2008: ausgestellt am Genfer Auto Salon und am Concorso d’Eleganze Villa d’Este.
2018: ausgestellt am Genfer Salon, «Le Retour du Futur»

Unterdessen strahlt der Bizzarrini wieder in seinen originalen Farben – und ist ein ausgezeichneter Zeuge vom Können eines der wichtigsten Auto-Designer aller Zeiten, Giorgetto Giugiaro, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag und das 50-jährige Bestehen seines Unternehmens feiern darf. Der Manta stand übrigens schon einmal in Genf, 2008, als Italdesign seinen 40. Geburtstag feierte. Und jetzt eben wieder, bei «Le Retour du Futur».

Mehr Bizzarrini haben wir in unserem Archiv. Und nochmals: die ausführliche Story zum Bizzarrini P538.

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