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Genf 2018 – Unerreichbares

Die Genfer Hypercars

Im dritten Teil unseres Blicks auf Genf dreht sich alles um das Unerreichbare.

Für den ersten Teil unserer Berichterstattung über den Genfer Automobilsalon ist Chali angereist, hat schlecht gespeist und sich generell gewundert: Mehr ist nicht passiert? Danach, im zweiten Teil, ging es um die Elektrofahrzeuge, ganz nebenbei auch um eine Reihe viertüriger (nicht) Coupés. Im dritten Teil soll es deshalb um das gehen, was Genf am Besten kann: High-End.

Ein Bentley Plug-in-Hybrid-SUV?

Wie wäre es zum Beispiel mit einem Bentley Bentayga Hybrid? Obwohl ich nicht glaube, dass „Kraftstoffverbrauch“ auf der Anforderungsliste der meisten Bentley-Fahrer ganz oben steht – man musste in Crewe aus Unternehmenssicht einfach auf das CO2-Problem reagieren. Oder zumindest so tun. Der Bentayga-Hybrid kombiniert einen turbogeladenen Dreiliter-V6 mit einem Elektromotor. Die (aus Zuffenhausen geliehene) Technik sollte für ein sehr ruhiges Fahrerlebnis sorgen – etwa wenn Sie auf dem Weg ins Büro quer durch das Feld des lokalen Biobauern pflügen.

Bentley hat nicht viele Zahlen über den Antriebsstrang veröffentlicht, außer: 75g/km CO2 und eine Reichweite von 50km. Beides laut NEFZ-Test, im echten Leben springt der V6 also schon kurz hinter der Garage an.

Das Shooting-Brake-SUV-Coupé, dass kein Rolls-Royce ist.

Wenn es noch ein bisschen mehr sein darf als ein aufgeplüschter Audi Q7 und Ihnen die Umwelt wirklich egal ist, dann dürfen sie den neuen Range Rover nicht verpassen.

Die Engländer brachten eine limitierte Zweitürer-Version des Range Rover mit dem Namen SV Coupé nach Genf. (Bitte beachten: Der SV ist technisch tatsächlich als Coupé qualifiziert. Zwei Türen + festes Dach. Gut, man könnte ihn auch Shooting Brake nennen wegen der Heckklappe. Aber ganz eigentlich ist er doch bloß ein SUV.)

„Mit einer dramatischen zweitürigen Silhouette spielt das atemberaubende, viersitzige Coupé auf sein einzigartiges Erbe an und ist dabei durch und durch modern und zeitgemäß. Der Range Rover SV Coupé ist wunderschön realisiert und hervorragend verarbeitet und bietet den edelsten, luxuriösesten und exklusivsten Range Rover, der jemals gebaut wurde“, sagte Gerry McGovern, Designchef von Land Rover.

Was soll er auch anderes sagen?

Der schnellste Range ist das SV Coupé hingegen nicht. Zwar ist es für einen vollfetten Landy recht zügig, doch auch die 557 PS des 5.0 V8-Kompressors sind irgendwann am Ende. Kosten wird das RR SV Coupé übrigens um 300.000 EUR. Die 999 Einheiten sind praktisch ausverkauft.

Um siebenstellig Geld – und man kann sie nicht mal auf der Straße fahren.

Kommen wir zur automobilen Unerreichbarkeit: Autos, die in kleinsten Stückzahlen gebaut werden, zu wirklich atemberaubenden Preisen und die wir uns als kleine Jungs ins Zimmer gehängt hätten. (Wie ist das eigentlich bei der Jugend von heute mit der Wanddeko?)

Wir fangen mit Aston Martin an, weil alphabetisch und weil der Tab mit den technischen Daten gerade offen ist. Der kleine Autohersteller hat den große Ex-Opel-Stand wirklich sehr gut genutzt und ein paar sehr schöne Dinge neben dem neuen V8 Vantage ausgestellt.

Da war etwa das Lagonda Vision Concept, das laut Aston Martin „den Beginn einer neuen Reihe von modernen, emissionsfreien Luxusfahrzeugen markiert“.

Man habe darüber nachgedacht, wie man „das obere Ende des Luxusspektrums“ neu erfinden kann – ganz ohne Geräusch und doch voller Emotion. „Lagonda hat keine Notwendigkeit, eine riesige Menge an Straßenraum zu belegen oder eine auffällige Vermögensaussage zu machen“, erklärt Marek Reichman, Aston Martin EVP und Chief Creative Officer. „Es ist, als würde man Concorde mit der First-Class-Kabine eines konventionellen Verkehrsflugzeugs vergleichen“. Boom. So ein Spruch sitzt. Auch wenn man die Engländer fast ein wenig in den Arm nehmen möchte wegen ihres erschreckend langanhaltenden Concorde-Komplexes.

Er sprach dann noch davon, dass das Design mit dem Interieur begann und die Karosserie selbst erst im Nachhinein erstellt wurde. Und – leider – sieht das Ganze irgendwie auch danach aus. Der Reihe nach sieht man Obligatorisches: Kohlefaser, poliertes Aluminium und Keramik. Innen dann weniger obligat, aber überraschend schön, weil modern, arrangiert: Seide für die Teppiche und Kaschmir für die Polsterung.

(Es war übrigens Gordon Murray, der vor etwa zwei Jahrzehnten fragte warum Luxusautos nicht mehr edle Stoffe an Stelle von Leder verwendeten, wo doch früher nur der Kutscher auf derbem Leder saß, während das feine Volk im edlen Tuch nickerte.)

Dass der Lagonda nur ein Konzept ist zeigt seine verborgene Technik: Festkörperbatterien mit einer Reichweite von 640 Kilometern, sowie die Fähigkeit völlig autonom zu fahren. Für die Serie plant Aston Martin 2021. Wir sind gespannt.

Die Walküre hat Gelbsucht.

Aston Martins anderer Genfer Star ist der Valkyrie AMR Pro. Als wir 2016 zum ersten Mal von der Walküre erfuhren hieß sie noch AM-RB 001. Ein Name der sowohl Aston Martin als auch Red Bull Racing bedeutete. Letzteres ist eines der führenden Formel-1-Teams und Heimat des legendären Rennwagen-Designers und Aerodynamikers Adrian Newey.

Und genau wie der McLaren F1 Gordon Murrays Idee vom ultimativen Straßenauto war, so ist dieses Auto Neweys straßentauglicher Ausdruck dessen, was er auf dem Weg zu seinen F1-Siegen gelernt hat.

Der AM-RB 001 wurde auf dem letztjährigen Genfer Salon in Valkyrie umbenannt. Er wird von einem 6,5-Liter-V12 mit Saugmotor und einem Hybridsystem mit mindestens 1000PS und einer Aerodynamik angetrieben, wie wir sie noch nie in einem Straßenauto gesehen haben.

Das Problem: er ist nicht allein. Die Liga der 1000PS Hyperhypercars ist dicht besetzt. Mit dem ebenfalls angekündigten McLaren BP23 und Mercedes-AMG’s Project One sind zwei stramme Konkurrenten in der Entwicklung.

Deshalb hat Aston Martin lässig den Joker gezogen: das „Emissionskontrollsystem“ und das hybride Energierückgewinnungssystem wurden neu kalibriert, zack, 1100PS. Andere nennen es auch: Abgasskandal. Egal.

Straßenzugelassen wird der Valkyrie AMR Pro im Übrigen eh nicht, was aber auch egal ist für die meisten seiner Besitzer – haben Sie doch meist die passende Rennstrecke im Vorgarten, oder zumindest in direkter Hubschrauber-Reichweite. Was er dafür wird: spektakulär schnell. Nicht geradeaus, nein, da sollen es bloß lächerliche 360km/h Höchstgeschwindigkeit sein, sondern ums Eck. Das dreifache der Erdbeschleunigung soll der AMR Pro auf den Boden bringen in der Kurve. Das Dreifache! Wir fangen dann schonmal mit dem Abnehmen an. Nicht, dass es uns zur Seite aus dem Fenster raushaut.

„Den Valkyrie AMR Pro und den diesjährigen Aston Martin Red Bull Racing F1 in Genf zusammen zu sehen, ist ein besonderer Moment für mich“, sagte Adrian Newey. „Das Aston Martin Valkyrie Straßenauto schöpft weitgehend aus dem Wissen, das ich während meiner Karriere in der Formel 1 erworben habe, aber die AMR Pro-Version hat es mir ermöglicht, über die Grenzen der Straßenzulässigkeit oder gar der Praktikabilität hinaus zu arbeiten! Wir haben ein paar seiner Geheimnisse verraten, aber bei weitem nicht alle. Ich überlasse es der Öffentlichkeit, über die Rundenzeitvorhersagen nachzudenken. Es genügt zu sagen, dass sie ziemlich beeindruckend sind.“ Nur 25 Stück werden gebaut, die Auslieferungen beginnen im Jahr 2020 und, natürlich: alle bereits verkauft.

Leichtbau im Extrem um danach 1000kg auf das Dach zu schnallen. Clever!

Ein Wahnsinn auch: McLaren Senna GTR. Weil Senna allein nicht genug ist. Die Idee ist ähnlich wie beim gelben Aston Martin. Man nehme ein straßenzugelassenes Hypercar mit einem siebenstelligen Preisschild und mache es schneller. Illegal auch, denn wie schon das Supra Concept von Toyota und eben der AMR Pro, darf auch der GTR mangels Homologation nirgendwo antreten.

Doch egal, „Exzellenz auf der Strecke untermauert das Erbe der Marke McLaren und ist heute so wichtig und relevant wie nie zuvor“, erklärte Mike Flewitt, CEO von McLaren Automotive. „Der McLaren Senna GTR wird mehr Power, mehr Grip und mehr Abtrieb haben“.

Sie sprechen von 1000kg (!) die auf die zarten Kohlefaser-Karosserie des GTRs pressen werden, wenn er in voller Fahrt über die (Privat-)Rennstrecken dieser Welt knallt.

75 Senna GTRs werden sie bauen. Preis: etwa 1.5 Millionen Euro. Wohl aber noch nicht gänzlich vergriffen. Was auch daran liegt, dass die Karosserieteile so entwickelt sind, dann man einen Standard-Senna bei einem kurzen Boxenstop zum GTR umbauen kann.

Die Irren

So grossartig der Rimac auch ist, obendrauf geht immer noch: mehr. Da wäre zuerst einmal der Venom F5 des amerikanischen Herstellers Hennessey (Tuner darf man ihn nicht mehr nennen). Der tritt zwar nur mit 1600 PS an, einen Wert für die Beschleunigung von 0 auf 100 nennen die Amerikaner gar nicht erst, aber dafür: 0 auf 300 in weniger als 10 Sekunden.

Und dann soll er gleich noch einen Rekord brechen, die neue Kategorie 0 auf 400 und wieder auf 0 in weniger als 30 Sekunden schaffen. Zum Vergleich: der Bugatti Chiron braucht schon länger, bis er die 400 überhaupt erreicht hat. Man muss das übrigens ernst nehmen, was Hennessey da baut, die Amerikaner haben schon bewiesen, dass sie die Bugatti und Koenigsegg tatsächlich in die Schranken weisen können.

Vom F5 soll es 24 Stück geben, mit 1.6 Millionen Dollar ist man dabei.

Einen Preis will Corbelatti nicht hingegen nicht nennen. Aber da ist eine Zahl: mehr als 500 km/h. Die italienische Familie, die bislang vor allem so richtig teure Schmuckstücke hergestellt hat, überraschten in Genf mit einem Gerät, das so hässlich wie faszinierend ist. Angetrieben werden soll es von einem 9-Liter-V8 mit zwei Turbos, der auf 1800 PS bringt und ein maximales Drehmoment von 2350 Nm abdrücken will.

Und ja, sie meinen das wirklich ernst. Der Auftritt sowohl von Auto, wie auch der Mannschaft war hingegen so grotesk, dass das ob & wann der Kleinstserienfertigung nicht nur stark bezweifelt werden kann, sondern sich viel mehr die Frage stellt, warum man soviel Geld für Showcar und Messestand in die Hand nimmt, um dann so einen – mit Verlaub – Scheiss auszustellen.

Das Bergrennen-Extra.

Last but not least (und im Gegensatz zum Corbelatttti von hinreißender Schönheit und Qualität): die neueste Kreation von Rimac Automobili. Aufmerksame Leser kennen Rimac. Ein kroatisches Unternehmen, das sich auf EV-Antriebe spezialisiert hat und für Pikes Peak wahnsinnige Hill Climbing Racer entwickelt sowie für das Hybridsystem im Regera-Hypercar von Koenigsegg verantwortlich ist. Neben seiner Tätigkeit als Ingenieurbüro stellt Herr Rimac auch Elektro-Hypercars her. Das Erste, der Concept One, war ein „Elektroauto“ mit 1072PS und 1600Nm. Plus Allradantrieb und torque-vectoring an allen Vieren. Rimac hat insgesamt acht Concept Ones gebaut. Randnotiz: Alle haben die Viertelmeile unter zehn Sekunden geschafft.

Wirklich bekannt ist Rimac aber erst, seit sich Richard Hammond mit einem Concept One spektakulär überschlagen hat – weshalb die Kroaten im Concept Two nun extra einen Feuerlöscher mit der Aufschrift „in case of hill climb“ an Bord montiert haben.

Das Concept Two soll zudem auch in viel größeren Stückzahlen gebaut werden – Rimac plant mit 150 Exemplaren. Die Spezifikationen lassen das alte Concept One wie einen Chevy Bolt aussehen: 1.4MW (oder in alten Zahlen: 1914PS) treffen auf sofort verfügbare 2300Nm. Das Batteriepaket speichert 120kWh Energie und die Höchstgeschwindigkeit liegt bei exakt 412km/h. Ach ja, 0-100km/h: 1.85 Sekunden. Sofern die Reifen korrekt temperiert sind. Damit ist der Rimac Two übrigens 0.05 Sekunden schneller als der versprochene Tesla Roadster.

Obwohl Rimac noch keinen Preis für den Concept Two angekündigt hat, dürften die 0.05 Sekunden an „mehr“ Tempo teuer zu bezahlen sein im Vergleich zum Tesla. Aber Sie bekommen im Gegensatz eine handwerkliche Reife, die sprachlos macht. Die Verarbeitung, die Materialien – es ist ein Wahnsinn. Der Mix aus perfekt orientierter Kohlefaser, wunderbar und höchst aufwändig bearbeitetem Aluminium, Glas und handschuhweichem Leder, er ist perfekt. Das können in der Branche nicht viele besser (!).

Dazu gibt es aber natürlich auch noch jede Menge Technik fürs Geld. Neben einem Kohlefaser-Chassis und einem Motor pro Rad mit Torque-Vectoring wird es auch einen „Fahrtrainer“ geben, der Sie auf einer Rennstrecke an die optimale Linie heranführt. Selbstredend kann er das auch vorturnen, dank seiner Heerschar an Sensoren: Acht Kameras, zwei Lidars, sechs Radargeräte, zwölf Ultraschallsensoren und hochpräzises GPS schaffen nicht nur eine solide Fahrerassistenz, sondern auch Autonomie der Stufe 4.

Unterm Strich ist die aktuelle Hypercar-Welt eine schöne. Alles scheint möglich. Die Frage stellt sich nur: Warum muss es beim Erreichbaren so langsam gehen? Dazu machen wir uns aber zum Abschluss der Salon-Berichterstattung noch einmal eingehend Gedanken!

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