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Abarth und der Fiat 600

Die Monster

Der Fiat 600, vorgestellt 1955, war grossartig (und dem heute so viel populäreren 500 in allen Belangen weit überlegen). Noch 1955 konnte Abarth seine «derivazione» anbieten, den 750. Der Motor des 600 wurde dafür komplett überarbeitet, der Hubraum stieg von 633 cm3 (Bohrung x Hub 54 x 60 mm) auf 747 cm3 (Bohrung x Hub 64 x 61 mm), es gab einen grösseren Luftfilter, einen Weber-32IMPE-Vergaser – die Leistung stieg von beschaulichen 21,5 auf beachtliche 41,5 PS. Auf Wunsch waren sogar 47 PS möglich. Doch der Fiat 600 derivazione Abarth 750 hatte ein Problem: Er war viel zu teuer, ein Standard-600 war für 595’000 Lire zu haben, der an seiner zweifarbigen Lackierung erkennbare Abarth kostete satte 920’000 Lire. Das hatte auch einen Grund: Carlo Abarth musste komplette Fiat 600 bei einem befreundeten Fiat-Händler kaufen. Diese wurden dann in den Hallen am Corso Marche komplett demontiert – und dann mit den entsprechenden Teilen (sowie nach einer Qualitätskontrolle) wieder zusammengebaut. Erst 1961 konnte Abarth mit Fiat einen vernünftigen Vertrag über die Lieferung von halbfertigen Fahrzeugen abschliessen. (Die Photos unten zeigen einen heute sehr selten gewordenen 750er.)

Die erste Krönung erfolgte schon im Frühling 1956, als Domenico Ogna die Klasse bis 750 cm3 der Mille Miglia gewann. In den 600er-Derivaten wurde er bis im Oktober 1960 verwendet, doch da waren auch noch ganz viele andere Modelle, am berühmtesten sind sicher die 750 Zagato (siehe auch: die grosse Abarth-Story – die Bilder unten stammen von einem originalen 850 TC).

Im Sommer 1960 präsentierte Fiat den 600D. Der hatte neben vielen anderen Verbesserungen auch einen grösseren Motor, 767 cm3, die Leistung stieg auf 29 PS. Da musste Abarth selbstverständlich sofort reagieren, und es entstand der 850. Dass es gerade 847 cm3 wurden, die perfekt in die von den italienischen Rennsportbehörden neu geschaffene Klasse mit bis zu 850 cm3 Hubraum passte, war ganz sicher nur ein Zufall, auch wenn die guten Beziehungen von Carlo Abarth zu einigen Funktionären ein offenes Geheimnis waren. Abarth offerierte drei Versionen, den 850 mit 52 (bei 6000/min) für 985’000 Lire, den 850S mit 54 PS (bei 6300/min) für 1’025’000 Lire, und schliesslich den nicht homologierten 850SS mit 57 PS. Bereits im Frühling 1961 wurde das Programm wieder geändert, im Angebot stand nun nur noch der 850TC mit 52 PS – und einem neuen Preis von nur noch 850’000 Lire (das waren die ersten Auswirkungen des neuen Vertrags mit Fiat). Aber damit nicht genug: Im September 1961 gewann Abarth die 500 Kilometer auf dem Nürburgring mit einem souveränen 1-2-3, die Verkäufe gingen rasant nach oben, und schon im November wurde der 850 TC Nürburgring zu einem Aufpreis von 50’000 Lire angeboten, mit jetzt 55 PS, deutlich verbessertem Fahrwerk und Scheibenbremsen rundum. Die problemlos verkauften 1000 Exemplare sicherten dem Abarth die Homologation – und war für die eh nicht vorhandene Konkurrenz ein Schock. (Das Fahrzeug soll ein 66er 1000 TC sein, in der schmalen Variante.)

Es wurde noch heftiger: Bereits im Juli 1962 legte Abarth mit der 1000 Berlina noch einmal nach. Der Hubraum lag jetzt bei 982 cm3, die Leistung stieg locker auf 60 PS – und die Höchstgeschwindigkeit für das Serien-Produkt auf beachtliche 158 km/h. Was dann alles noch danach kam, sorry, aber da ist die Übersicht wohl nur noch in Form eines Buches möglich – die letzten Varianten entstanden 1970 für die Gruppe 2, dann hatte der 1000er locker über 100 PS und war über 200 km/h schnell – mit dem 15 Jahre vorher vorgestellten Fiat 600 hatte das dann gar nichts mehr zu tun. Alles wurde ausgereizt, es gab sogar Versionen mit zum fetten, feststehenden Spoiler ausgebildeten Plastik-Motorhauben (die dann sofort wieder verboten wurden). Es ist aber klar, dass die bösen 1000er-Abarth auch heute noch ihre Klassen dominieren, im Historic Racing ist kein Kraut gegen sie gewachsen, da haben sogar 1600er ihre liebe Mühe. (Und hier noch ein 66er 1000 TC, diesmal aber massiv breiter.)

Es ist heute aber auch nicht ganz so einfach, gutes historisches Material von simplen Nachbauten zu unterscheiden. Zwar bringen solche Abarth nicht das ganz grosse Geld, doch die Versuchung ist trotzdem gross, einen braven 600 in ein böses Monster umzubauen. Und es ist ja auch nicht besonders schwierig, denn genau das machte Abarth ja auch. Sollte man sich die Anschaffung überlegen, dann braucht es unbedingt die (seltenen) Spezialisten – das Fahrzeug unten, zum Beispiel, wird als 67er 1000 TC bezeichnet, verfügt aber über den oben beschriebenen offenen Motorabdeckungsspoiler – den es damals noch gar nicht gab. Und der wirklich sehr, sehr rar ist (weil sehr schnell wieder verboten). Doch in erster Linie geht es ja um: Fahrfreud’.

Mehr Abarth haben wir im Archiv. Und dann haben wir natürlich noch unsere grosse Abarth-Story.

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