Zum Inhalt springen

Test VW Polo GTi

Fischstäbchen

Die sechste Generation des VW Polo kann alles besser. Modularer Querbaukasten heisst das VW-Zauberwort, das es ermöglicht, die neusten Assistenzsysteme zu implementieren. Und einen fetten Motor. Zwei Liter Hubraum, 200 PS, derzeit ausschliesslich mit Doppelkupplungsgetriebe zu bekommen; den Handschalter will man später noch nachreichen. Natürlich hat das alles auch seinen Preis, 31’700 Franken kostet der Giftzwerg mindestens, mit ein paar Extras ist man dann schnell auf 35’000 Franken. Nur so als Denkanstoss: Dafür gibt es schon fast einen Hyundai i30N mit 275 Pferden…

Doch wieso bezeichnen wir den Polo GTI als Fischstäbchen? Ganz einfach: den kleinen GTI wird jeder mögen. Weil er aussen eine knusprige Optik hat, im Kern aber eher zart ist. Es mag im Trend liegen, auch sportliche Autos weich abzustimmen. Aber muss es wirklich derart massentauglich sein? Im Vergleich zu seinem Vorgänger ist der scharfe Polo der sechsten Generation schon fast – eine Sänfte. Und der Zweiliter im Bug ist dem bisher verbauten 1800er sicher in jeder Beziehung überlegen. Aber die Freude des kleinen Vierzylinders bietet er nicht. Dampf wo und wann immer man will, aber fahren können muss man mit dem neuen Polo nicht. Nutzbares Drehzahlband verkommt immer mehr zum Fachbegriff aus alten Tagen, die Jugend von heute will drauftreten – und gut ist. 6,7 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h sind schon aller Ehren wert. Möglich ist dieser Wert übrigens auch wegen der serienmässigen Launch-Control. Da kann auch einer mit zwei linken Füssen den Raketenmann spielen. Und ja, das Doppelkupplungsgetriebe DSG ist mittlerweile hervorragend abgestimmt. Aber das alles kommt den Ewiggestrigen hinter dem Lenkrad einfach alles zu digital vor. Emotionen? Eben, in etwa so gross wie beim Verzehr von Fischstäbchen.

Natürlich kann man beim GTI so ziemlich alles einstellen, was man mag. Gaspedalkennlinie, Dämpferabstimmung (optional) und gefühlt 200 verschiedene Displayansichten. Das wird den Smartphone-Jungs sicher eine Menge Spass machen. Klar, so flächige Displays wie im Polo GTI können durchaus Sinn machen, wenn man zum Beispiel im Tacho und Tourenzähler ausblenden kann und sich die Navigation sehr gross anzeigen lassen kann. Aber einen sportlichen Innenraum stellen wir uns anders vor.

Beim Fahren hat uns vor allem die Untersteuerneigung gestört. Sie ist zwar nicht wahnsinnig ausgeprägt, aber doch spürbar. Das mag auch an den Reifen liegen. Wieso ein kleiner Sportler Michelin-Allerweltsreifen bekommt und keine echten Sportpneus – wir wissen es nicht. Sicher ist, dass die Vorderachse mit den maximal 320 Nm ganz schön beschäftigt wird und die französischen Pneus nicht vor Freude weinen, wenn man am Kurvenausgang hart ans Gas geht. 320 Nm stemmte übrigens auch der alte 1800er-Motor, allerdings nur mit Handschaltung. Das damals verfügbare DSG wäre mit dem Drehmoment überfordert gewesen. Eine mechanische Sperre für die Vorderachse ist nach wie vor kein Thema, das würde den durchschnittlichen GTI-Fahrer wohl aufgrund der Lenkeinflüsse wohl auch überfordern.

Ansonsten ist der Polo GTI natürlich extrem alltagstauglich. Die Verarbeitung des Innenraums ist ein Gedicht, das kann VW, das müssen wir einfach zugeben. Sitze, Lenkrad, Bedienhebel, das passt halt schon sehr, sehr gut. Und auch am Verbrauch gibt es mit 7,3 Liter pro 100 Kilometer angesichts des Gesamtpakets eigentlich nichts auszusetzen. Tun wir trotzdem, denn wenn Volkswagen nur 5,9 Liter verspricht, müssen wir dem Polo GTI einen deutlich zu hohen Verbrauch attestieren. Und nein, wir haben den Wolfsburger nicht ständig geprügelt. Sonst wäre der Verbrauch wohl noch höher ausgefallen.

Wer auf der Suche nach einem Kompaktsporler ist, macht mit dem GTI sicher nichts falsch. Aber ob er auch alles richtig macht? Wir sind da nicht so sicher, für diesen Preis hätten wir halt dann schon lieber Sushi statt Fischstäbchen. Aber eigentlich ist der derzeit stärkste Polo genau auf die Schweiz zugeschnitten. Er hat alles an Bord. was die verwöhnte Klientel gerne hat, stellt aber nicht zu viel zur Schau. Frei nach dem Schweizer Autofahrermotto: «Ich fahre nicht zu schnell, aber ich könnte – wenn ich denn wollte».

PS: Es erreicht uns gerade noch die Nachricht, dass es da beim neuen Polo wohl ein ernsthaftes Problem gibt. Als das finnische Magazin «Tekniikan Maailma» einen Seat Arona dem in Skadinavien üblichen «Elch-Test» unterzog, löste sich ein Gurt in der hinteren Sitzreihe. Die Finnen versuchten es dann mit allen anderen Modellen mit der MQB-A0-Architektur – und es gab das genaue gleiche Problem, auch beim Polo (siehe Video). Das ist – nicht so gut. Und muss einen weiteren Rückruf zur Folge haben.

Wir bedanken uns bei Markus Chalilow für diesen Text; mehr Volkswagen haben wir in unserem Archiv.

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.