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Test Porsche 911 GT2 RS

Jenseits

(Nein, es wird dies hier nicht der übliche Test: wir müssen hier für einmal auch die Sinn-Frage stellen. Es dürfte bekannt sein, dass wir definitiv ein Faible haben für Porsche, ganz besonders für den 911er. Und wir sind auch keine Nasenbohrer auf der Gasse, es wird bei «radical» ein durchaus sportlicher Fahrstil gepflegt. Beim Porsche 911 GT2 RS war es nicht so, dass er uns überfordert hätte, man muss ja auch nicht immer auf der letzten Rille. Aber manchmal, hmm.)

Sie mussten wohl einfach sein, die 700 PS. Bislang hatte sich Porsche ja nicht so sehr auf den PS-Protz eingelassen, ganz professionell immer schön eine schöne Schippe draufgelegt, aber war doch noch einigermassen vernünftig geblieben. Aber über 500 PS (wie etwa der GT3) hat ja unterdessen jedes zweite Mittelklasse-SUV, die 6 vorne schaffen brave Hybriden aus dem eigenen Haus – doch am Stammtisch, im Golf-Club, da braucht es halt schon auch etwas, was so ein bisschen mehr Ehrfurcht erweckt. 0 auf 100 ist ja unter den selbsternannten Auskennern längst kein relevanter Wert mehr (auch, weil es schwierig ist, sich da gegen die fahrenden Tiefkühltruhen von Elon Musk durchzusetzen) – 0 auf 300 ist da die logische Folge (auch, weil das die Tesla nicht schaffen). Und bei den PS-Zahlen eben die 7 vorne – auch wenn die im richtigen Leben rein gar nichts bringt.

Denn es ist, sorry: too much. Es ist schon in Sachen Längsbeschleunigung zu viel, wenn man nach Autobahneinfahrt den 2., 3., 4. Gang ausdreht, dann ist das Kamikaze. Nicht für das Fahrzeug, der Porsche 911 GT2 RS macht das mit einem Lächeln, auch immer wieder (was man nicht von allen italienischen Konkurrenten behaupten kann), schon mehr für den Fahrer, doch vor allem ist der restliche Verkehr völlig überfordert, hält solche Geschwindigkeiten für unmöglich – und zieht dann gern mal im falschen Moment raus. Klar, auch der Pilot braucht grosse Eier – und absolutes Vertrauen in die Elektronik. Wenn man nur ein klein wenig schräg ist dann, wenn der Hammer fällt: viel Vergnügen. Oder die Strasse ist noch ein bisschen feucht, was ja auch mal vorkommen kann: viel Vergnügen. Also, längs ist das alles feinst, ja: geil. Süchtigmachend. Aber am Berg, nur schon auf der nicht ganz so breiten Landstrasse, da macht das irgendwie keine Freud‘ und ergibt auch keinen Sinn, wenn man ein Automobil mit geschätzen 25 Prozent seiner Möglichkeiten (das Automobils, nicht des Fahrers) bewegen muss, dann ist da etwas: falsch. Und wir raten dringend davon ab, die (feinst abgestimmten) elektronischen Helferlein auszuschalten, ausser, man hat reichlich Sturzraum und/oder Spaziergeld. Es wäre aber schade, dies Gerät zu zerwerfen, klar, 911er, innen alles wie immer, sehr sauber verarbeitet, allerbeste Sitze, die Ergonomie eines über die Jahre gewachsenen, so richtig ernsthaften Sportwagens.

Sie waren ja immer die Obendrüber, die GT2. Die ersten kamen 1995 auf Basis des 993, hatten 430 PS und waren mit nur gerade 172 gebauten Exemplaren noch ziemlich selten. Es folgte dann 2000 die zweite Serie auf Basis des 996, nicht mehr luftgekühlt, dafür 462 PS. Und 2007 gab es bereits 530 PS auf Basis des 997 und ab 2010 dann auch noch der GT2 RS mit schon 620 PS – ein schon furchteinflössendes Gerät, wie wir uns gut erinnern können, an einem Berg in Kärnten hätten wir ihn fast verloren, aus eigenem Unvermögen im Umgang mit der brachialen Kraft. Das war ganz nah an «Code Brown» und einem Abgrund, nach zehn Minuten war das T-Shirt durchgeschwitzt – ein fieser Bock war er, man hatte fast so ein bisschen das Gefühl, er sei nur gebaut worden, um der Kundschaft ihre fahrerischen Grenzen aufzuzeigen. Jener GT2 RS rannte in 26,7 Sekunden auf 300 km/h – und die Viertelmeile in 11 Sekunden (interessant in diesem Zusammenhang der Vergleich mit diesem etwas älteren Fahrzeug hier…). Die jüngste Variante nun, die aus dem bekannten 3,8-Liter-Turbo 700 PS und ein maximales Drehmoment von 750 Nm (verfügbar zwischen 2500 und 4500/min) zieht, kann nicht nur das deutlich besser 22,7 Sekunden…, ist aber auch die schwerste: 1470 Kilo (1995 waren es noch deren 1295 gewesen). Sie ist nun auch nicht mehr so wild, nicht mehr so brutal, aber in der Summe ihrer Möglichkeiten noch viel: jenseitiger. Ohne eigene Rennstrecke, ohne die Möglichkeit des wöchentliches Trainings auf dem Track braucht man sich so ein Ding nicht anzuschaffen.

Selbstverständlich fährt er brav zum Einkaufen, kein Zuckeln, kein Verschlucken, nichts – was sicher auch daran liegt, dass in der jüngsten Version nicht mehr manuell geschaltet wird, sondern ein 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe montiert ist. Das dann in der Stadt bei 1500/min die nächste Welle einwirft, den bösesten aller Porsche ganz lieb macht. Wobei: das Einkaufen ist etwas schwierig, unser Testwagen hatte auch noch das Weissach-Paket mit dem Überroll-Käfig eingebaut, da ist der Zugang nach hinten ziemlich erschwert. Und das Kofferräumchen vorne kennt man ja. Das Problem ist aber auch dann: es ist kaum möglich, sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten, schon die sanftesten Beschleunigungvorgänge sind zu grob. Das mag eine Zahl vermitteln: von 80 auf 120 km/h beschleunigt der Porsche in 1,5 Sekunden (beim manuell geschalteten Vorgänger waren es noch 4,5 Sekunden gewesen). Bleibt man trotzdem so einigermassen innerhalb der in der Schweiz vorgeschriebenen Regeln, dann lässt sich der GT2 RS dafür mit weniger als 10 Liter/100 Kilometer bewegen (Normverbrauch gemäss Werk: 11,8 Liter).

Aber dafür braucht man so ein Teil ja nicht. Und für stupide Längsbeschleunigungsorgien ja eigentlich auch nicht. Im Regen kann man ihn sowieso nicht brauchen (Michelin Pilot Sport Cup 2, also Semi-Slicks – wir zuckelten mit 80 km/h im strömenden Regen nach Stuttgart, das ist ja dann auch irgendwie Verschwendung). Es gab dann zwei Tage trocken rund um Stuttgart und auf der Schwäbischen Alp, hinten oben, wo Fuchs und Has‘ noch Angst voreinander haben, und da war das Vergnügen dann zwar da, aber irgendwie doch nicht so gross. Der Wagen ist selbstverständlich grossartig, perfekt abgestimmt, wunderbare Balance, extremer Grip, diese wahnsinnige Kraft, diese herrlichen Bremsen – aber schon nach drei, vier Kurven muss man sich wieder zurücknehmen, man kann auf öffentlichen Strassen nicht erfahren, was der Porsche kann. Es macht auch keinerlei Sinn. Zwar gilt solches ja auch schon für einen GT3 (siehe Fahrbericht), doch der GT2 RS ist nochmals so viel heftiger, dass da eine Grenze überschritten wird. Andererseits: die meisten dieser Fahrzeuge werden ja sowieso kaum bewegt, sondern irgendwo weggestellt, reines Investment. Was ja dann aber auch wieder eine Tragödie ist.

Eine andere ist diese: wir fuhren den GT2 RS ja auch im Rahmen unserer #RSsquad zusammen mit einem 911 Carrera RS 2.7 von 1973 und dem so grossartigen RSR 2.8 von 1972. Gut, die 210 PS des Zweisiebners fühlten sich dann nicht ganz so wild an, aber an den Fahrspass mit dem rund 300 PS starken RSR kam dann die vorerst gröbste Strassen-Evolution des 911 dann bei weitem nicht heran. Was halt auch daran liegt, dass das ehemalige Targa-Florio-Fahrzeug mehr als eine halbe Tonne leichter ist. Und noch deutlich lauter als der nicht eben zurückhaltende GT2 RS. Doch das ist eine andere Geschichte, die erzählen wir dann auch mal noch. Was wir damit aber ausdrücken wollen: Weniger kann auch deutlich mehr sein. Ganz besonders dann, wenn das Eine schlicht zu viel ist. Das gilt übrigens auch für den Preis: 370’900 Franken schon in der Basis sind – frech, bei unserem Testwagen stand eine fette 4 vorne. Im Vergleich zum auch nicht schwächelnden GT3 sind das gut 170’000 Franken Aufpreis – die man gar nicht erfahren kann. Wir würden uns wünschen, dass Porsche einmal so viel Ingenieursleistung wie in den neuen GT2 RS in einen 911 investiert, der leichter ist. Oder in eine neue Hinterachse für den Cayman…

Mehr Porsche haben wir immer in unserem Archiv. Die schönen Photos stammen von Tobias Heil und Frederic Schlosser.

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