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Test Fiat Tipo SW

Tadellos

Noch nicht lange ist es her, dass wir uns im Rahmen eines Tests eines Dacia Duster einige grundsätzliche Gedanken gemacht darüber, was der Mensch auf der Strasse wirklich braucht. Und kamen zum sicher wenig überraschenden Schluss, dass es sicher nicht all diese OMG-, M- undoder RS-Modelle oder gar SUV sind, sondern das man durchaus anständig von A nach B kommt auch mit einem Gerät, das einen Bruchteil dessen kostet, was für deutschen Protzstahl verlangt wird. Ganz so günstig wie die Dacia sind die drei Modelle-Varianten des Fiat Tipo nun nicht, aber man darf sie sicher auch zu den wahren Sonderangeboten zählen, ein Basispreis von 18’990 Franken für einen durchaus hübschen Kombi mit einem 95-PS-Benziner ist ein gutes Argument. Wir fuhren allerdings die edelste Variante, Ausstattungslinie «Business» mit dem modernen, 120 PS starken 1,6-Liter-Diesel, die dann mit 29’190 Franken angeschrieben ist – da kann man dann allerdings keine zusätzlichen Kreuze mehr setzen bei den Sonderausstattungen, dann ist er wirklich «fully loaded», Klimaanlage, die komplette Connectivity, beheizte Sitze, etc..

Gut, knapp 30’000 Franken sind jetzt nicht mehr wirklich das Sonderangebot – aber man muss auch sehen, was man sonst für dieses Geld kriegt. Und kommt schnell drauf, dass es in diesem Segment, irgendwo zwischen C und D, nicht viel Vergleichbares gibt. Der Octavia von Skoda, der allerdings auch etwas grösser ist, kommt schnell deutlich über 30’000 Franken – und bietet jetzt auch nicht entscheidend mehr als der Fiat. Der Tipo, entwickelt und gebaut in der Türkei, misst 4,57 Meter – und bietet einen 550 Liter grossen Kofferraum (was für einen Kombi ja ein gutes Argument ist). Bei abgeklappten Rücksitzen sind es 1650 Liter, auch nicht so schlecht. Man sitzt hinten mit reichlich Fuss- und Kopfraum, und vorne sitzt man erstaunlich angenehm auf anständigen Sitzen. Man darf nun nicht den edelsten Materialmix erwarten, da ist viel Plastik, doch da kennen wir andere Fahrzeuge, die riechen mehr, die wirken im Innenraum billiger. Der Touchscreen ist zwar nicht riesig und vielleicht etwas weit entfernt, doch das Bediensystem funktioniert wie in den meisten Konkurrenten auch, U-Connect mag jetzt nicht Vorreiter oder gar «benchmarl» sein, aber wir wüssten jetzt nicht, was uns gefehlt hätte.

Gleiches gilt für den Fahrbetrieb. Sicher, der Multijet-Diesel knurrt am Morgen beim Kaltstart laut (und wenn man es von draussen hört, erinnert er etwas an einen Lastwagen), doch das pendelt sich bald an – und dann ist der Selbstzünder (6d-Temp…) ein freundlicher Geselle. Der mit seinen 320 Nm maximalem Drehmoment schon ab 1750/min auch für flottes Vorwärtskommen sorgt; die 6-Gang-Automatik versieht ihren Dienst unauffällig, was man als Kompliment bezeichnen kann. Gut, ein Beschleunigungswert von 10,4 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h wird im Golf-Club eher für Gelächter sorgen, auch die 200 km/h Höchstgeschwindigkeit locken keine neuen Kunden in den Verkaufsraum. Da sind die 5,5 Liter Verbrauch, die Fiat angibt, wohl schon eher ein Argument; wir blieben im Test unter 6 Litern, und das ist gut. Zumal wir ihn ja nicht schonten, diesen Tipo, der in modischem Grau auch gar nicht schlecht aussieht.

Auf der Autobahn rollt er gut. Vielleicht etwas hart, aber damit kann man leben, Auf der kurvigen Landstrasse macht er sogar Spass. Zwar verspürt man schon gewisse Kraftflüsse auf das Lenkrad, auch haben wir schon zielgenauere Lenkungen spazierenfahren dürfen, doch der Fiat verhält sich halt so wie ein ganz klassischer Fronttriebler, schiebt über die Vorderräder, aber das in einem Masse, das den Piloten nicht erschrecken wird, ganz im Gegenteil: man fordert das gern ein. Wir mögen solche Automobile, die nicht jenseitig übermotorisiert sind, bei denen man tatsächlich noch an die fahrdynamischen Grenzen kommen kann – und dann damit auch ein bisschen spielen. Mit 1450 Kilo ist der Tipo SW für seine Grösse auch erstaunlich leicht. Was wiederum Auswirkungen auch die Fahrfreude hat – und auch auf den Verbrauch. Und auch noch die Bremsen, die keine Probleme kennen, auch wenn der Kombi voll beladen ist; etwas mehr Nutzlast als die würde dem SW aber gut anstehen.

Wir haben vor allem in deutschen Medien erstaunliche Dinge gelesen über diesen Fiat. Es wurde hauptsächlich die Verarbeitungsqualität bemängelt, scharfkantiger Plastik unter den Sitzen, Kabel, die nicht in einem eigens von kundiger Hand genähten Leder-Beutchelchen schlafen dürfen, Geräusche beim Öffnen des Handschuhfachs, solche Kleinigkeiten. Das können wir nach fast vier Wochen und über 3000 Kilometern alles nicht bestätigen, das Handschuhfach öffnete sich lautlos, unter die Sitze greifen wir im richtigen Leben höchst selten, Kabel kamen uns keine in den Weg. Und auch sonst funktionierte alles tadellos – und man fragt sich dann halt jeweils schon, weshalb man ein Automobil kauft, bei dem schon die Sonderausstattungen mehr kosten als der ganze Fiat. Im Stau ist man damit auch nicht schneller – und die Bio-Petersilie vom Wochenmarkt wird auch nicht besser. Was bleibt, ist: Image. Und wer solches braucht, der sollte sich vielleicht einmal ein paar grundsätzliche Fragen stellen.

Mehr Fiat haben wir in unserem Archiv.

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