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Serenissima!

Die Schnittstelle

Um wohl keine andere Marke gibt es so viele Mythen, auch Unklarheiten wie um Serenissma. Graf Giovanni Volpi di Misurata, unterdessen 81 und erst seit einige Monaten wieder frisch verheiratet, erbte von seinem Vater Giuseppe, dem Gründer des Fimfestivals von Venedig, ein beträchtliches Vermögen. Das er bald mit beiden Händen ausgab, indem er in den späteren 50er Jahren die Scuderia SSS Repubblica di Venzia gründete (SSS stand für die drei S in «serenissima», übersetzt: die Erlauchteste) – und zu einem der besten Kunden von Ferrari wurde. 1961/62 schickte Volpi verschiedene Fahrzeuge in die Formel 1, als Fahrer engagierte er Maurice Trintignant, Giorgio Scarlatti und Nino Vacarella, doch Erfolge gab es keine zu verzeichnen. Als 1961 Carlo Chiti und Giotto Bizzarrini Ferrari verliessen und ATS (Automobili Turismo e Sport SpA) gründeten, gehörte Grad Volpi zu den Geldgebern, zog sich aber anscheinend nach wenigen Monaten wieder zurück (was ATS das Genick brach). Was Enzo Ferrari derart sauer machte, dass er die Geschäftsbeziehungen zum Grafen aufkündigte; eine Rolle dürfte auch gespielt haben, dass der Graf 1960 schon für die Entwicklung der Birdcage-Maserati ein hübsches Sümmchen investiert hatte. Der Bruch mit Ferrari bewog Volpi dazu, sich über Umwege eine 250 GT SWB Berlinetta (Chassisnummer 2819 GT) zu besorgen (und nicht einen 250 GTO, wie quasi überall zu lesen ist), der ihm dann von Bizzarrini zum berühmten «Breadvan» umgebaut wurde. Was Ferrari noch heftiger erzürnt haben dürfte, denn #2819 fuhr den 250 GTO regelmässig um die Ohren.

1963 gründete Graf Volpi dann die Automobili Serenissima mit dem Ziel, eigene Rennwagen zu konstruieren. Als Motoren-Konstrukteur verpflichtete er den ehemaligen Alfa-Romeo-, Ferrari- und Maserati-Mitarbeiter Alberto Massimino, der ihm einen 3-Liter-V8 mit vier obenliegenden Nockenwellen bastelte. Das Triebwerk mit seinen vier Weber-Doppelvergasern soll als maximale Leistung 307 PS bei 8500/min geschafft haben – und wurde 1966 vom noch jungen Rennstall McLaren bei drei Rennen eingesetzt. Zwei Mal fiel Bruce McLaren, der gleich selber als Fahrer amtete aus (Belgien, Niederlande), bei Grossen Preis von Grossbritannien schaffte er aber immerhin einen 6. Rang. Obwohl McLaren noch während der Saison auf Ford-Motoren umstellte, gab es später noch mehr McLaren-Serenissima, von denen wir auch noch erzählen werden.

Dieser 3-Liter-Motor wurde auch in das erste Fahrzeug von Serenissima eingebaut, das als 308/V GT bekannt ist, ein von Francesco Salomone entworfenes und bei Gransport in Modena hergestelltes Coupé. Die ersten Testfahrten waren ernüchternd, trotzdem bestellte der englische Rennstall von Rob Walker zwei Exemplare (die er allerdings nie erhielt). Massimino und Entwicklungschef Girolamo Amorotti entwickelten aus dem ersten Fahrzeug gleich das dritte (Nummer 2 gab es wohl nie), verkürzten den Radstand und bezeichneten den Wagen als Jet Stradale. Kurz darauf wurde #003 zum Jet Competizione umgebaut – und war bei Testfahrten 1966 so schnell wie ein Ferrari 250 LM. Was den Grafen ermutigte, den Jet für das 24-Stunden-Rennen von Le Mans zu melden, mit Louis Corberto/Jean-Claude Sauer. Der Wagen trat dort allerdings nie an, weil der einzige Motor an McLaren verschachert worden war (siehe weiter oben). Unterdessen ist der Jet Competizione restauriert worden, trägt wieder den Massimino-3-Liter unter der Haube – und galt lange als der einzige überlebende Serenissima.

Ein ähnliches Schicksal hatte der 4. gebaute Serenissima, der sein Leben als Torpedo Stradale begann, dann zum Torpedo Competizione umgebaut wurde – und auch für die 24 Stunden von Le Mans gemeldet wurde. Erstaunlicherweise geschah dies aber schon 1965 – und der Torpedo trug einen 3,5-Liter-Massimino-Motor. Als Fahrer waren Jean-Claude Sauer und der Baron Jean de Mortemart am Steuer, weit kamen sie allerdings nicht, nach 42 Runden war Ende. Es heisst, dass bei Fantuzzi zehn Jet-Stradale-Karossen hergestellt worden seien, doch vielleicht ist er (als Competizione) einfach auch nur das Einzelstück, das wir hier auf den Bildern (oben) zeigen, von dem man lange gar nicht wusste, dass es noch existiert, das aber im Februar von www.artcurial.com aus dem Besitz des Grafen Giovanni Volpi di Misurata versteigert wird.

Wild ging es weiter. 1966 entstand der Serenissima Jungla mit einer Karosserie von Bernard Quentin; es gab dieses Fahrzeug wirklich, es wurde 1966 in Le Mans vorgestellt. Hatte da aber wahrscheinlich keinen Antrieb. 1969 versuchte es Volpi wieder mit dem GT Strada, einer relativ simplen Kastenrahmen-Konstruktion und einem Design, das der Graf vielleicht selber entworfen hatte. Aus dem GT Strada wurde wahrscheinlich der Agena (Bilder oben, wird ebenfalls von Artcurial versteigert). Es gab zudem wohl einen weiteren Sportwagen, es wird berichtet von einem McLaren-Serenissima (1968, war wahrscheinlich ein McLaren MC01), der dann bei Drogo zum Mk. 168 umgebaut wurde (mit einem Achtzylinder des ehemaligen Jaguar-Konstrukteurs Harry Mundy, den der Graf ebenfalls bezahlt hatte), um schliesslich als 308 SP Spider Avional zu enden. Und dann war da schliesslich noch das Fahrzeug, das als Serenissima-Ghia bekannt wurde und auf Alejandro de Tomaso zurückgeht, der zusätzliche Möglichkeiten für seinen DeTomaso Mangusta suchte und Volpi wohl zu einer Serien-Produktion überreden wollte. Doch der Graf wollte nicht – und versucht nun, das Fahrzeug (Bilder unten) ebenfalls bei Artcurial zu versteigern.

Einen entscheidenen Teil dieser Informationen haben wir aus einem Artikel von Wolfgang Blaube in «Oldtimer Markt», 9/2008; die Informationen von www.artcurial.com zu den Fahrzeugen, die am 8. Februar 2019 auf der Retromobile in Paris versteigert werden, sind teilweise etwas widersprüchlich. Faszinierend ist das Thema aber auf jeden Fall, beim Grafen Volpi kamen ganz viele der grossen Namen der 60er Jahre zusammen, Ferrari, Maserati, ATS, Bizzarrini, de Tomaso, dann auch noch McLaren; er war so etwas wie die Schnittstelle. Man hört, dass ein Buch entstehen soll über Serenissma und Volpi – jetzt, nachdem plötzlich und doch ziemlich überraschend drei Fahrzeuge aus dem privaten Besitz des Grafen aufgetaucht sind, dürfte es etwas einfacher werden. Mehr spannende Exoten haben wir immer in unserem Archiv.

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