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Carlo Abarth

Der Magier

Carlo Abarth, eigentlich ein Karl, hatte am 15. November 1908 in Wien als Sohn eines österreichischen Offiziers und der Tochter eines tschechischen Textil-Industriellen das Licht der Welt erblickt. Er war ein ausgezeichneter Sportler, zuerst Radrennfahrer und dann einer der erfolgreichsten Motorradrennfahrer Europas*. Noch im 2. Weltkrieg zog er nach Italien, nach Meran, und kam nach Kriegsende zuerst in Kontakt mit Cisitalia, dann auch mit Porsche. Als Cisitalia, wo er als technischer Leiter der Rennabteilung wirkte, in den Konkurs schlitterte, musste sich Carlo Abarth dann auf seine eigenen Füsse stellen – und tat dies im Zeichen des Skorpions, seines Sternzeichens. Mit Hilfe der Familie Scagliarini gründete er am 15. April 1949 seine eigene Firma, die ihren ersten Sitz noch in Bologna hatte, aber wenige Wochen später an die Via Trecate 10 in Turin umzog.

Schon damals gab es zwei Abteilungen, einmal die Squadra Abarth, die sich um den Rennsport kümmerte, ausserdem die Abteilung, die Auspuffanlagen und Ansaugkrümmer herstellte. Diese «Zauberröhren» bildeten immer das Rückgrat der Unternehmungen von Abarth. 1955 konnten 92’119 Auspuffanlagen abgesetzt werden, in den 60er-Jahren bauten über 400 Mitarbeiter mehr als 300’000 Exemplare pro Jahr. Schon damals zeigte sich, dass Abarth auch ein Marketinggenie war: Er liess seine auch optisch sehr schönen Töpfe nicht nur über Autowerkstätten vertreiben, sondern stellte sie auch in Modegeschäften aus.

Nachdem Abarth bis Mitte der 50er-Jahre sich vor allem mit Kleinserien und Einzelstücken (unter anderem auch für Ferrari und Alfa Romeo) einen Namen hatte machen können, bedeutete die Vorstellung des Fiat 600 auf dem Genfer Salon im März 1955 die grosse Wende. Dieser kleine Wagen, ein weiterer Geniestreich von Dante Giacosa, sollte für die nächsten mehr als 15 Jahre die Grundlage aller Rennsport-Aktivitäten werden – und bescherte Abarth 1958 einen ausgezeichneten Vertrag mit Fiat, der alle Siege, die mit Fiat-Produkten erzielt werden konnten, mit einem namhaften Betrag (je nach Bedeutung der Veranstaltung) belohnten. Es heisst, Carlo Abarth habe dann jeweils am Montag ausgerechnet, wie viele Siege seine Fahrzeuge am Wochenende eingefahren hatten, um dann gleich die Rechnung an Fiat zu schicken. Bis Anfang der 70er-Jahre, als Carlo Abarth sein Unternehmen an Fiat verkaufte (und den Rennstall an Osella «verschenkte»*) kamen sechs Weltmeisterschaften, acht Europameisterschaften, fünf Weltrekorde, 113 internationale Rekorde, zahlreiche Landesmeisterschaften und über 7000 Rennsiege zusammen.

Carlo Abarth war ein aussergewöhnlicher Mann. «Ein irrer Typ war das», beschrieb ihn Werksfahrer Kurt Ahrens später, «das war einfach immer grande Casino». Der Journalist Eckhard Schimpf wurde etwas deutlicher: «Nobler als Carlo Abarth mit seinem akkuraten Mittelscheitel war im Fahrerlager keiner. In der lärmenden Motorsportwelt der 60er-Jahre wirkte der stattliche Snob mit seinen gelben Lederhandschuhen wie ein Pfau im Hühnerhof». Dieter Quester: «Der Mann besass eine derartige Autorität, dass man sich nicht den geringsten Scherz erlauben durfte. Ich hatte immer das Gefühl, bei Abarth-Einsätzen nicht unter Leistungsdruck zu stehen, sondern viel mehr unter Erziehungsdruck». Doch Quester sagte auch: «Er hatte immer die schönsten Autos».

Es heisst, Carlo Abarth habe darunter gelitten, dass er nie in den höchsten Rennsportkategorien grosse Siege erzielen konnte mit seinen Fahrzeugen. Dabei waren seine Prototypen ja oft schneller als die Formel 1 – und Abarth wurde von seinen Fahrern im Gegensatz zu anderen Teamchefs absolut respektiert. Wie ein Dirigent stand er an der Rennstrecke und führte seine Fahrer zum Sieg, weil er genau wusste, was möglich war, was er seinen Piloten und vor allem seinen in allen Details extrem sauber konstruierten Fahrzeugen zutrauen konnte. Es hätten auch weit mehr Siege werden können, wenn nicht oft neue Reglemente erfunden worden wären, um die Überlegenheit der Abarth einzubremsen. Vielleicht wäre für Carlo Abarth mit seinem 6-Liter-V12 gar ein Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans möglich gewesen, doch dann kam in letzter Minute eine Hubraumbeschränkung (von der erstaunlicherweise nur Porsche wusste), und die Träume zerschlugen sich. Ach ja: Ferrari war auch Kunde bei Abarth – die Auspuffanlagen des Magiers sorgten bei vielen Modellen erst für den richtigen Sound.

Carlo Abarth verstarb am 24. Oktober 1979 in den Armen seiner dritten Frau Annelies in der Nähe von Wien an Krebs. Fiat hat vor wenigen Jahren seine Marke neu aufleben lassen – und auch deshalb kann nie geschehen, was Carlo Abarth einst gesagt hatte: «Nur durch Ignoranz kann mein Name in Vergessenheit geraten». Mehr Abarth gibt es in unserem Archiv – dort findet sich auch so etwas wie ein Bilderbuch und eine Übersicht über die Fahrzeuge, die «radical» auf dem Genfer Salon (7. bis 17. März 2019) auf der Sonder-Ausstellung «70 Jahre Abarth» ausstellen wird.

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