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Genfer Automobilsalon 2019 (4)

Wie es wirklich war

Zuerst einmal: Wieder über 600‘000 Eintritte zur #gims2019. Das mögen zwar fast 10 Prozent weniger sein als noch 2018, aber der Genfer Automobil-Salon bleibt die mit Abstand wichtigste Publikumsmesse der Schweiz – und sicher die wichtigste Automobil-Ausstellung der Welt. Zwar mag noch so mancher grosser Hersteller nicht mehr nach Genf kommen, doch dies hat auch oft interne Gründe, kein Geld (Jaguar/Land Rover), eh nix zu zeigen (Opel) oder gar tot (Infiniti), aus Prinzip abhold (Mini); andere Abwesende haben anscheinend grossartige neue Konzepte, wie sie ihre Produkte den potenziellen Käufern bekannt machen können, und es liegt wohl an uns, dass wir sie (diese so grossartigen neuen Konzepte) noch nicht mitbekommen haben. Es ist aber nicht so tragisch, wir sehen eh lieber die Russen von Aurus als einen Opel Adam, haben mehr Freud’ an einer wild bespoilerten Ginetta als an einem Hyundai i10, finden italienische Kleinsthersteller deutlich spannender als den Ford Ka+. Oder wie es ein Insider so richtig ausdrückte: besser 6x Pfeffer als 30x Salz.

Doch man musste halt genauer hinschauen, sich Zeit nehmen, Interesse haben an Produkten und allenfalls auch der Zukunft einer Branche, die gerade einen heftigen Wandel erlebt. Ob der E-Sportwagen von Piëch nun wirklich der richtige Weg ist, das wissen wir auch nicht, doch er zeigt klar auf, dass es neue Möglichkeiten gibt, dass cleveres Zusammenstellen der besten Komponenten der besten Zulieferer durchaus eine Alternative zu den etablierten Namen sein kann, sogar: wird (zumal ja auch die OEM eigentlich nicht mehr viel anderes tun…). Ob jetzt alles wirklich gelungen oder gar toll ist, drüber darf sich ja jeder seine eigene Meinung bilden.

Es sind diese Zeilen aber auch so etwas wie eine Kollegenschelte. Gerade die deutschsprachige Presse hat da ein dümmliches Bashing gegen Genf losgetreten, überall Lücken gefunden und die Show vermisst, doch bei einigen dieser Beschreiberlinge fragt man sich schon, ob sie mehr gesehen als die Daimler-Party am Montagabend, zu der sie geshuttelt wurden und dem lauwarmen Weisswein à indiscretion zusprechen durften. Gerade für «Journalisten» wäre Genf heuer eine hervorragende Messe gewesen, es würde viele, viele Geschichten zu schreiben geben. Doch dafür braucht es halt auch diese vermaledeite, so zeitraubende Recherche, nicht bloss copy-paste von einer der üblichen professionellen Unternehmens-Website. Und vielleicht sollten sich gewisse Redakteure auch einmal überlegen, wie sehr sie sich selber in den Rücken schiessen, wenn sie #gims darniederschreiben. Sollte dann Genf im Umzug fehlen, dann fehlen (in der Schweiz) noch mehr Inserate. Übrigens: der 90. Genfer Automobil-Salon findet 2020 vom 5. bis 15. März statt, also im gleichen Rahmen wie bisher – und nicht, wie von einigen Medien gemeldet, verkürzt. Auch solches ist nur peinlich – ganz besonders, wenn es dann auch noch in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens vermeldet wird.

Acht Tage habe ich heuer auf der Messe verbracht (hey, Abarth…), vier davon an Publikumstagen. Und auch wenn ich jetzt nicht der ganz grosse Fan von Automobil-Ausstellungen bin (ausser Genf besuche ich keine mehr) – es war sehr spannend. Hat meinen Horizont deutlich erweitert. Natürlich zog der Abarth-Stand ein ganz besonderes Publikum an, es gab (wie überall) die Besserwisser, es gab erfreulich viele Auskenner – und es gab ganz viele Geniesser, die einfach nur Freude an den Exponaten hatten. Was schön war zu sehen: Nicht bloss älteren Herren zauberten unsere kleinen Italiener ein Lächeln ins Gesicht, es staunten auch ganz viele junge Menschen, was einst alles möglich war. Und das hat mich persönlich eigentlich am meisten überrascht: ein schöner, grosser Anteil des Genfer Publikums war unter 30 Jahren alt. Meine liebste Begegnung auf dem Stand von «70 Jahre Abarth»: die vielleicht 25-jährige Dame, die gerade eine Fiat 850 Berlina restauriert – und alles wissen wollte, was es zu den Abarth-Versionen dieses Modells zu sagen gibt. Aber auch während der Rauchpausen draussen ergaben sich interessante Gespräche, die drei Jungs, die nach Genf gekommen waren, weil sie hofften, dass es einen neuen Subaru WRX STi zu sehen gibt, die Audi-Fan-Truppe, die garantiert nie einen E-Audi kauft, die Familie, die sich freute wie Weihnachtenosterngeburtstag, weil sie direkt auf dem Stand einen Cupra Ateca bestellt hatten, die Tanzmäuse, sorry: Explainer von Daimler-Benz, die sich fühlten wie Sklavinnen. Tiefpunkt: am letzten Tag klaute irgendsoein Idiot unser Abarth-Buch. Durchfall soll er haben, und chronischen Fusspilz.

Fabian hatte auch schon etwas geschrieben zu #gims2019, das beginnt: hier. Es würde uns aber freuen, wenn Sie uns Ihre Meinung zum Salon auch kundtun.

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6 Comments

  1. Rainer Merlot Rainer Merlot

    Sehr gut beschrieben, danke:-)

  2. D. Seliger D. Seliger

    Wie immer – mit Interesse gelesen!
    Allerdings tut ihr OPEL unrecht: Die durchlaufen grad einen riesigen Umbruch (GM>PSA) und werden sicher wieder kommen. Erinnern wie uns der Premieren und wegweisenden Concept-Wagen in den letzten Jahren / Jahrzehnten…!
    Beispielsweise vor genau 50 Jahren: der Diplomat CD von Pietro Frua … (wäre übrigens eine längere Geschichte wert, liebe radikal-Redakteure!)

    • Peter Ruch Peter Ruch

      wir beschäftigen uns grad etwas mit Frua…

  3. Michelangelo G. Michelangelo G.

    Vater-Sohn-Ausflug, fest im Jahresprogramm und im Gegensatz zu anderen Aktivitäten noch keineswegs peinlich, mit dem Elternteil unterwegs zu sein. Aufstehen um 05.00 Uhr, Vorfreude und verschwörerische Verbundenheit begleiten durch den anbrechenden Morgen. Einmal quer durch die Schweiz. Am Abend den selben Weg zurück, kaputt, übermüdet und voller Eindrücke. Dank „radical“ kann der Papa an der Abarth-Sonderausstellung mit Fachwissen punkten. Die Jugend schlägt beim autonomen Fahren und Infotainment zurück, unentschieden. Die Gespräche driften (!) ins Philosophische. Was bringt die Zukunft, was erwarten wir von ihr? Was versteht welche Generation unter automobilem Glück? Der Perspektivenwechsel ist spannend und bereichernd. Fazit? Nächstes Jahr fahren wir wieder nach Genf, nur zu zweit. Abgemacht.

    • Peter Ruch Peter Ruch

      wunderbar! danke!

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