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Porsche Cayenne turbo S e-Hybrid Coupé

Auffahrunfall

Es ist fast ein bisschen grotesk: Da fährst Du flüsterleise im Vollelektro-Modus auf die A61, kannst aus dem zweiten Stock des hochgepumpten Dreikammer-Luftfahrwerks links die Hambacher Grube und rechts den Garzweiler sehen – plötzlich kracht Dir ein mächtiger Beschleunigungsschlitten ins Heck.

Dabei entwickelt sich ein Geräusch, so voluminös und bedrohlich, dass der besetzte Forst sich nicht vor der Abbaggerung fürchten muss, sondern schon allein davor, dass der V8-Biturbo ihm die Bäume ganz normal aus den Wurzeln föhnt.

Porsche Cayenne turbo S e-Hybrid Coupé. Eine Modellbezeichnung wie ein Buch. Ein Auto wie eine Wand. Und eine Weltpremiere mitten im Herz des deutschen Braunkohlereviers. Da darf man Porsche schon Respekt zollen. (Hier überlassen wir es jedem selbst, wie er das Thema für sich auslegt: hybrider Umweltschutz auf zarter Elektropfote oder mächtiger Dampf mit 295+ km/h auf der schnurgeraden und neu asphaltierten Autobahn längs des mächtigen Kohlekraters.) Dabei könnte der beinahe Dreitonner durchaus Jeckyll & Hyde spielen. Nur darf man ihn dann nicht in der Neon-Malkastenfarbe der kleinen Tochter lackieren lassen. Lavaorange mit Acidgreen ist in Sachen Diskretion sagen wir – verbesserungsfähig.

Aber es ist eben: alles was geht. Grelle Sonderfarbe, dazu ein Carbondach. Innen feines Pepita und auch sonst natürlich volle Hütte. Gigantische Keramikscheiben mit 420er Durchmesser und zehn Kolben am Sattel. Ein turbo S muss genau so sein. Von allem alles und dann noch ein bisschen mehr.

Und genau deshalb lässt uns der Porsche Cayenne turbo S e-Hybrid Coupé etwas ratlos zurück.

Sicher, die elektrische Fahrerei ist wunderbar. 400Nm ab Start, übersetzt in einheitenkorrekte 100kW, das fährt an der Ampel sehr elegant los. Nichts flüstert durch die doppelten Scheiben und den dicken Teppich. Es rollt in der Stadt, im Alltag, überhaupt überall, mehr als angenehm. Es ist ausreichend. Es fährt Dich elektrisch von A nach B – und das in sicher 95% aller Fahrsituationen. Denn auf mehr als 30km kommt man am Tag doch sowieso kaum.

Das Problem beginnt dann, wenn man den turbo S als solchen nutzt. Wir haben es eingangs beschrieben. Spontan rollst Du an der Kreuzung vor der Autobahnauffahrt an, säuselst sportiv die weite Kurve Richtung Beschleunigungsspur, balancierst locker auf den gigantischen 22-Zoll-Felgen und gibst dann: Vollgas.

Es ist, als würde Dir ein Panamera turbo ins Heck krachen. Die Gewalt mit der das kunterbunte Cayenne Coupé die Auffädelspur frisst ist atemberaubend. 3.8 Sekunden auf 100km/h, keine acht weiteren und die Nadel zuckt über die Zwei. Dann sortierst Du Dich erst auf die linke Spur. Ein, zwei Augenblicke später notiert der Digitaltacho 270. Wahnsinn. Im besten Sinne des Wortes.

Das Problem folgt. Beim mächtigen Zusammenbremsen, weil der Nebenspurpendler bei seinem eingeleiteten Überholmanöver nicht mit rückwärtigen SUVs in Lichtgeschwindikeit gerechnet hat, ist alles im Lot – locker. Große Macht auch hier. Gigantische Hardware, feinste Dosierbarkeit, die Welt ist in Ordnung, auch wenn sie in 150 Metern von 270 auf 120 runter muss. Beim folgenden Beschleunigen aber: ein laues Lüftchen. Kurz nur, einen wirklich winzigen Moment lang. Dann kracht wieder der Panamera ins Heck und das Spiel beginnt von vorn.

100kW sind einfach zu wenig.

Betankt, mit zwei Personen und Wochenend-Gepäck besetzt, bringt es das Porsche Cayenne turbo S e-Hybrid Coupé trotz „Leichtbau-Paket“ auf drei Tonnen, die bewegt werden wollen. Und während der 4.0 Liter Biturbo nach dem Bremsvorgang noch aus dem Leerlauf Luft holen muss, ochst die Elektromaschine auf verlorenem Posten. Sie ist einfach zu schwach. Den Koloss kümmert ihr Tun praktisch nicht. Auch wenn sie alle Ampere im Quasi-Kurzschluss auf einmal durch die Wicklungen lässt.

Allein: es würde im normalen Fahren gar nicht auffallen. Wir haben es schon geschrieben, an sich ist die Fähigkeit des Elektrosystem völlig ausreichend. Doch wenn vorne dieses turbo-Viech lauert, bei Vollgas ein Inferno entfacht, dann stimmt die Kombination einfach nicht. Es fühlt sich falsch an.

Natürlich wissen wir, dass die Abstimmung perfekt ist, natürlich wissen wir, dass sich eine Heerschar an Ingenieuren Monate und Jahre in der Applikation darum bemüht haben die Betriebspunkte perfekt aufeinander abzustimmen – es ist ihnen gelungen, nicht, dass wir uns da falsch verstehen.

Doch in diesem einen Betriebspunkt, dieser absoluten Vollgasbeschleunigung aus der Ruhe, aus dem Segeln, nach einem starken Bremsmanöver, dieser echte ich-will-jetzt-alles-Kickdown: er lässt den turbo S schwächeln, weil die Elektromaschine dem Verbrenner nicht das Wasser reichen kann. Weil die Lücke zu groß ist. Weil es gerne auch 600 oder gleich 800Nm, weil es 250 Elektro-kW sein dürften, die den V8 aus dem Turboloch heben.

Denn sie müssen dem Namen gerecht werden: turbo S. Die absolute Speerspitze. Das Beste was sie können. Und im Porsche Cayenne turbo S e-Hybrid Coupé hat man das Gefühl, dass sie es ein bisschen besser gekonnt hätten. Der Elektromotor funktioniert perfekt im kleinen e-Hybrid. Überhaupt ist das ganzen Konzept dort sogar wirklich mehr als empfehlenswert. Im großen Flaggschiff fühlt es sich aber nicht richtig an. Denn es fehlt an etwas. Und in einem turbo S hat es noch nie an irgendetwas gefehlt.

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Ein Kommentar

  1. Hüendli Hüendli

    Der Auffahrunfall ist bereits im Designstudio passiert… respektive lebt dort wohl noch ein Elephant, der sich’s mal auf dem Heck bequem gemacht hat.
    Völlig unverständlich, dass über zehn Jahre nach der Première des X6 noch ein zusätzlicher Vertreter dieser völlig unnützen Fahrzeuggattung auf den Markt geworfen wird. Und das schlimmste daran: Diese Dinger werden auch noch gekauft! Ja ist denn dieser Planet nur noch von Proleten bevölkert?!

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