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Test Dodge Challenger Hellcat

cojones…

Der Kofferraum des Dodge Challenger Hellcat fasst 459 Liter Bier, so rein theoretisch. Die Ladekante liegt ziemlich hoch, was etwas mühsam ist, wenn man ein paar Kasten Bier hineinstemmen muss. Doch es ist dies eine sinnvolle Aufgabe, nicht nur, weil: Bier, sondern auch deshalb, weil zusätzliches Gewicht auf der Hinterachse bei einem heckgetriebenen Fahrzeug eh nicht falsch sein kann. Beim Hellcat ist mehr besser, mehr Bier, mehr Last auf der Hinterachs’, wie überhaupt «mehr» sein Daseinszweck ist, mehr Power, mehr Drehmoment: bigger is better. 5,02 Meter sind es, nicht schlecht für einen Zweitürer, bei dem der Zugang zu den Rücksitzen nur Zirkusakrobaten offensteht – und etwas über zwei Tonnen an Gewicht. Um solch einen groben Klotz, der aerodynamisch geglättet jetzt auch nicht wirklich ist, noch so einigermassen standesgemäss bewegen zu können, braucht es schon auch einen heftigen Klumpen von Maschine. In den USA gibt es den Challenger zwar auch mit einem 3,6-Liter-Sechszylinder, doch wir hatten schon das richtige Ding, V8, 6,2 Liter Hubraum, dank Kompressor 717 PS bei 6000/min und maximales Drehmoment von 880 Nm bei 4000/min. In 3,6 Sekunden auf 100, Höchstgeschwindigkeit 320 km/h, auf dem Papier.

Schon bei 220 km/h braucht es ziemlich grosse Eier, er ist da, versuchen wir es einmal freundlich auszudrücken: etwas unruhig. Noch die dickeren Eier, diese berühmten cojones braucht es, aus dem Stand den Pinsel so richtig durchzutreten, die Strasse sollte breit sein und die Arm-Muskulatur gut ausgebildet. Denn der Hellcat hat die Tendenz, nicht nur den Asphalt aufzureissen, sondern auch wild mit dem Heck zu scharwänzeln. Deshalb das Bier. Und die Eier. Und die Muskeln, denn die braucht es schon, um ihn auf Kurs zu halten. Doch genau das ist auch wirklich grossartig – der Heckantrieb ist schon im «Sport»-Modus der Anti-Spurhalte-Assi. Man kann gut auch: nur quer. Quer durch Kreisel, quer durch Kurven, eben auch quer geradeaus. Noch selten, also: gar nie hatten wir ein Automobil, dass sich mehr reifenmordend bewegen liesse, man könnte, wenn man denn wollte, einen Satz Hinterräder (Pirelli Zero 255/40) auch im Stand über den Jordan gehen lassen. Aber man muss schon wissen, was man da tut, denn wenn die eigentlich ausgezeichneten Reifen im falschen Moment und dann ganz plötzlich wieder Grip haben, dann kann das unangenehm werden. Und nein, all die Audi-Bubis, Allrad-Fetischisten und sonstigen ESP-Jünger sollten das nicht ausprobieren, es wird: eine Katastrophe. Es muss aber auch erwähnt sein: Die Lenkung des Challenger ist nicht über jeden Zweifel erhaben, zwar direkt, aber zu wenig präzis, zu wenig Rückmeldung von der Strasse.

Man kann auch anders. Man kann durchaus auch rollen, das kann man sogar ganz gut, auf der Schweizer Autobahn sind es dann knapp über Leerlaufdrehzahl in der längsten der Wellen der 8-Gang-Automatik. Dann sinkt auch der Verbrauch unter 10 Liter (echt jetzt, 18 Liter für 220 Kilometer). Ganz komfortabel ist es auch, und diese schön tiefe V8-Grollen im Hintergrund, das kann niemand besser als die Amerikaner (bei OMG tönt es immer: prollig). Doch dafür braucht man keinen Hellcat, das ist in etwa so, wie wenn Messi Torwart spielen müsste und Ronaldo Gleichberechtigungsbeauftragter. Er ist mehr: der Aggressiv-Leader (um beim Fussball zu bleiben: wer erinnert sich noch an Marco van Bommel, diesen ganz fiesen Holländer?), die Speerspitze (Balotelli?) und gleichzeitig der Dampfhammer (Drogba?). Es hat eh niemand eine Chance, denn der Dodge saugt bei einem beherzten Tritt aufs Fahrpedal über den Kompressor allen anderen Verkehrsteilnehmern sämtliche Luft weg: man kann es hören – und kurze Zeit später spürt man es auch in Form eines üblen Schlages in den Nacken. Wie der Hellcat Benzin und Luft in Vortrieb umwandeln kann, das haben wir bislang nur im Bugatti Veyron erlebt (Chiron durften wir nicht), da sind auch die «turbo S» und die uns bisher bekannten Corvette und die Bensen sowieso nur Schönwetter-Wölklein, Oster-Lämmer, Gemüseplatten. Und so beeindruckend das auch ist, so sehr stellt man sich – wie schon beim (etwas gedämpfteren) Jeep Grand Cherokee Trackhawk – die Frage: warum?

Es gibt noch so manch ein «warum?» beim bösen Challenger, warum so gross, warum so schwer, warum so viel Hartplastik innen, warum noch so viele Knöpfchen und Schalter? So ganz günstig ist das Vergnügen ja nun auch wieder nicht, der uns von AGT Europe Automotive Import zur Verfügung gestellte Hellcat ist mit 100’800 Franken angeschrieben – und den aktuellen Stand der Technik stellt er in manchen Bereichen nicht mehr dar, er ist schon sehr amerikanisch, ganz besonders im Innenraum. Die Sitze tragen zwar die Bezeichnung «Performance» – doch ein wenig mehr Seitenhalt wäre auch angesichts der gebotenen Fahrleistungen schon auch nett. Der Challenger wird seit zehn Jahren quasi unverändert gebaut, das merkt man ihm schon an. Sich auch merken muss man, dass man den Fahrmodus «Track» wirklich nur auf der Rennstrecke mit reichlich Auslaufzonen wählen sollte – ohne elektronische Helferlein ist der Hellcat nichts mit Katze, sondern einfach ein Höllenhund. Trotzdem: Wir würden sehr gern einmal mit ihm auf die Rennstrecke. Man wird da nicht besonders schnell sein – aber dafür besonders quer. Erfreut hat uns die Verarbeitung, der Wagen machte auch auf schlechten Strassen keinerlei unangenehme Geräusche, das Leder ist sauber vernäht. Der Verbrauch, übrigens: zwischen 10 und 30 Liter ist alles möglich.

Die Fragen nach dem Verhältnis von Preis zu Leistung oder gar nach dem Sinn eines solchen Fahrzeugs stellen sich beim Dodge Challenger Hellcat nicht wirklich; es braucht in Zeiten von «Friday for Future» auch noch reichlich balls, sich in einem solchen Wagen sehen zu lassen. Er stammt aus einer anderen Zeit, der Dodge – und er lebt einzig und allein von den Emotionen. Die hingegen haut er einem mit extremer Wucht um die Ohren. Einen weiteren nicht unwichtigen Kaufgrund gibt es allerdings auch noch: In zehn Jahren werden wir Autos wie den Hellcat vermissen – wohl dem, der dann noch einen hat. Und dann noch erleben kann, dass Autofahren tatsächlich einmal Spass gemacht hat.

Mehr Amerikaner haben wir in unserem Archiv. Und eine kleine Erklärung wollen wir in diesem Zusammenhang auch noch abgeben, hier.

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