Zum Inhalt springen

Arturo Merzario – Gespräche

«Auf der Strasse ist es mir zu gefährlich»

Sollten Sie, werte Leserin, lieber Leser, je die Möglichkeit haben, mit Arturo Merzario am Steuer auf einer öffentlichen Strasse eine Runde drehen zu dürfen: Verzichten Sie! Nicht, weil er so fährt, wie man das von einem ehemaligen Formel-1-Piloten erwarten würde, ganz im Gegenteil: Er zuckelt wie ein Rentner durch die Gegend. Einst durfte der Berichterstatter bei einer Oldtimer-Rallye zwei Tage auf dem Passagiersitz neben dem Italiener verbringen – und er hätte am liebsten pausenlos in die Sicherheitsgurte gebissen. Und deshalb ist dies auch kein richtiges Interview, mehr so Fragen, die Merzario über mehrere Tage und diversen Treffen gestellt wurden, denn wir trafen ihn bei verschiedenen Gelegenheiten, auch wieder auf der Abarth-Ausstellung am Genfer Salon im vergangenen März, zuletzt in Goodwood am Festival of Speed, wo er einige Rennwagen aus der Ex-Möll-Sammlung den Hügel hochjagte. Da kam das Gespräch selbstverständlich auch auf: Carlo Abarth.

«Carlo Abarth war der mit Abstand beste Team-Chef, den ich je hatte. Enzo Ferrari war furchtbar, er war launisch, man nannte ihn den Drachen – und er hatte kein Gespür für die Fahrer. Carlo Chiti dagegen war viel zu lieb, zu freundlich, er war damals bei Alfa Romeo so etwas wie der Bär – kein Wunder, dass er uns nicht vorwärts brachte. Carlo Abarth dagegen war die perfekte Mischung aus Ferrari und Chiti, er wusste alles über seine Autos und die Rennstrecken und die Bedingungen, er kannte die Stärken und auch Schwächen seiner Fahrer, er wusste genau, wann er wütend sein musste und wann freundlich. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken, er hat mich am meisten gefordert – und am weitesten gebracht».

Aber Carlo Abarth hatte doch einmal gesagt: «Italienische Fahrer haben einfach nicht das Zeug zum Profi. Sie fahren Rennen nur zum Spass, einfach so». Und über Merzario: «Unpünktlich und charakterlos! Aber er ist trotzdem ein Künstler am Lenkrad. Bei mir musste er an der Stechuhr seine Zeit stempeln, denn wenn man ihm seine Freiheiten liess, war es aus mit ihm». Merzario lacht nur. Die Fahrt zu viert im Abarth 695 Rivale vom Genfer Salon in ein Restaurant in der Innenstadt dauert anderthalb Stunden, der Verkehr ist eine Katastrophe. Marzario erdultet das auf dem Rücksitz mit stoischer Ruhe. Erzählt Geschichten – die auch stimmen, dies im Gegensatz zu vielen anderen Rennfahrern, die sich oft in Rennen und Jahren irren. Arturo Merzario wurde am 11. März 1943 in Civenna am Comersee geboren. Schönes Detail: auf seinem Geburtsschein steht Arturio Francesco, ein Schreibfehler. Zuerst fuhr er Motorräder, mit 19 bestritt er sein erstes Rennen in der Giulietta Spider seines Vaters, machte dabei gleich Eindruck auf Mario Angiolini, den Gründer des famosen «Jolly Club», heuerte dann bald bei Abarth an, zuerst als Test-, dann auch als Rennfahrer; 1969 wurde er Zweiter der Berg-Europameisterschaft. Merzario: «Ja, ich war der Marlboro-Mann. Jahrzehntelang war Marlboro mein wichtigster Sponsor. Manchmal habe ich sieben Päckchen Zigaretten am Tag geraucht. Doch dann sagte meine Frau, dass ich so nicht alt werden werde. Also habe ich aufgehört, von einem Tag auf den andern».

Im Gegensatz zu ganz vielen anderen ehemaligen Rennfahrern kann sich Merzario perfekt an quasi jedes Rennen erinnern, auch an Nebenschauplätze. Doch auf die Frage, welches Auto er denn am liebsten fuhr, kommt lange keine Antwort. Irgendwann kommt er wieder auf die Abarth zurück: «Die Abarth waren immer nicht nur schnell, sondern auch schöne Fahrzeuge. Und sie waren sehr leicht, was meinem Fahrstil immer entgegenkam. Und dann war da natürlich der Alfa Romeo 33TT12, mit dem ich 1973 die Sportwagen-Weltmeisterschaft gewann, das war ein grossartiger Wagen».

Sprechen wir also über die Formel 1. Ab 1972 war er bei Ferrari unter Vertrag , bei seinem ersten F1-Start in Brands Hatch 1972 gewann er einen Punkt. Merzario fuhr die beiden miserabelsten Formel-1-Saison, die Maranello je erlebte, darauf folgten Engagements bei Iso-Williams, dem Team Williams, bei March, er fuhr bei Fittipaldi Coopersucar, bei Wolf, bei Shadow. Insgesamt war Arturo Merzario bei 85 Formel-1-Rennen gemeldet, 57 Mal war er am Start – und kam auf nur gerade 11 Punkte. Gern erzählt Merzario aber aus den Jahren, als er seinen eigenen Rennstall hatte, das Team Merzario. Es begann 1977 mit einem kaum modifizierten March 761B, ging 1978 weiter mit dem Merzario A1 (der auch nur ein umgebauter March war) und sieben Ausfällen in acht Rennen, 1979 kam der A2 (der auch als A3 bezeichnet wurde), doch auch damit gewann der Italiener keinen Blumentopf. 1979 übernahm er dann auch noch das Team Kauhsen – und handelte sich damit einen Wagen ein, der noch langsamer war als seine eigenen Konstruktionen. Es ist durchaus charmant, wenn Merzario aus jenen Jahren erzählt, wie sie einmal in der Nacht vor dem Rennen das Hewland-Getriebe auseinanderbauten – und dann keinen Schimmer hatten, wie sie das Puzzle wieder zusammensetzen sollten. Merzario über seine Karriere als Formel-1-Teambesitzer: «Wir hatten nie Geld – und wir hatten noch viel weniger Ahnung.»

Merzario: «Mein Ferrari-Team-Kollege Jacky Ickx war der wohl beste Fahrer, den ich je kennengelernt habe. Er war nicht nur sehr schnell, er war auch extrem clever. Und er schonte das Material wie kein anderer. Er hätte einer der grössten Fahrer aller Zeiten werden können, doch er wollte nie zu viel riskieren. Für mich war er ein Vorbild in jeder Hinsicht. Auch Niki Lauda hatte alle diese Talente, doch Ickx war einfach schneller. Neben der Strecke war Ickx aber unerträglich». Das gelte auch für Jackie Stewart, den er auch für einen der besten Fahrer hält, aber den haben nur die Autos interessiert – und nicht das Leben».

Niki Lauda ist natürlich immer ein gutes Stichwort, wenn man mit Arturo Merzario spricht. Er wird immer in erster Linie der Mann sein, der am 1. August 1976 auf der Nordschleife das Leben von Niki Lauda rettete. Merzario, der nicht unmittelbar in den Unfall verwickelt gewesen war, hielt seinen March zwischen Breidscheid und Bergwerk an, kletterte aus dem Auto, rannte zum brennenden Ferrari 312 T2 des Österreichers, löste den klemmenden Sicherheitsgurt (was vorher Brett Lunger, Harald Ertl und Guy Edwards vergeblich versucht hatten), und zog Lauda (mit Hilfe von Ertl) aus dem Wagen. Zusammen mit Ertl leistete er auch erste Hilfe, massierte sein Herz, beatmete ihn. Jahre später sagte er zu Lauda: «Ich hörte Deine Schreie. Du warst leicht wie eine Feder.» 41 Tage später sass Lauda, der schon die letzte Ölung erhalten hatte, wieder im F1-Cockpit. Und «vergass», sich bei seinen Rettern zu bedanken.

Merzario (der bei der Beerdigung von Lauda als einer der wenigen Trauergäste an die Abdankung im engsten Familienkreis eingeladen war): «Lauda war ein ganz besonderer Mensch, er hat sich immer selber extrem unter Druck gesetzt. Und Gefühle konnte man von ihm nicht erwarten. Damals dachte wohl nicht nur ich: was für ein A. … Eine Woche später kam er dann an und schenkte mir die Rolex, die er für die Pole-Position in Monte Carlo gewonnen hatte. Ich dachte noch, dass er ein unglaublicher Geizhals ist. Aber ich habe die Uhr bis heute behalten».

Seine besten Zeiten hatte der Italiener aber nicht in der Formel 1, sondern mit den Sportwagen. 1972 gewann er mit Sandro Munari die Targa Florio und mit Brian Redman die 1000 Kilometer von Spa, 1973 wurde er Zweiter bei den 1000 Kilometer von Nürburgring und auch bei den 24 Stunden von Le Mans. 1975 und 1977 war Arturo Merzario der bestimmende Fahrer im Team von Autodelta/Alfa Romeo, als die Italiener mit dem Tipo 33 im ersten Jahr sieben von neun, im zweiten elf von elf Rennen gewannen. Daran erinnert er sich gern: «Die Alfa waren unglaublich schnell, wir fuhren mit über 380 km/h Höchstgeschwindigkeit. Aber die Bremsen waren eine Katastrophe, man wusste eigentlich nie, ob sie es wirklich durchhalten. Aber das überlegten wir uns gar nicht, wir waren komplett verrückt.»

Mit 73 ist Merzario noch immer einer der gefragtesten Piloten für klassische Rennfahrzeuge ist, berühmt dafür, dass er auch mit dem schwierigsten Diven sehr schnell fahren kann. In Goodwood schimpft er zwar über das Fahrverhalten der Abarth, über die Strecke, doch er ist auch der Mann, der stundenlang nur dasitzen kann und warten, bis er wieder ins Auto darf. Nun aber, Arturo, warum fährst Du wie ein Rentner durch die Gegend? «Das machen doch alle Rennfahrer so, der Strassenverkehr ist viel zu gefährlich».

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.