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Fahrbericht Abarth 695 70° Anniversario

Geburtstagsgeschenk

Und nein, man sitzt halt weiterhin nicht so gut, mehr so wie der Papst auf dem Thron, zu hoch, zu steil. Das war schon immer so in den Fiat 500 und all den Abarth-Derivaten, das wird sich auch nicht mehr ändern. Der Cinquecento hat ja nun auch schon 12 Jahre auf seinem schönen Buckel; ebenfalls 2007 wurde die Marke Abarth neu belebt, ein Jahr später durften die ersten 500er den grossen Namen tragen. Der 3,66 Meter lange Italiener ist jetzt schon ein Design-Klassiker – und er kann, obwohl nicht mehr der Jüngste, alles, was man von einem modernen Kleinwagen erwartet. Infotainment und Connectivity sind «state of the art», die Bedienung ist einfach, klar, logisch – und das ist auch eine Qualität. Nicht einmal über das Platzangebot muss man sich beklagen, vorne ist reichlich Raum, in der zweiten Reihe ist dann nicht mehr so viel, aber in den Kofferraum passt der Wochenend-Einkauf locker (185 Liter).

Zum 70. Geburtstag von Abarth (den wir schon ausführlich gefeiert haben, hier) gibt es nun eine neue Sonderserie (nur jene dürfen die Bezeichnung 695 tragen) mit dem phantasievollen Namen 70° Anniversario. Das ist der bekannte 1,4-Liter-Turbo mit 180 PS und 250 Nm maximalem Drehmoment bei 3000/min, auch die Fahrleistungen sind ähnlich wie bei den anderen 695ern, in 6,7 Sekunden geht auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 225 km/h. Auch die Ingredienzien sind bekannt, 17-Zoll-SuperSport-Alu-Felgen, Bremsen von Brembo (305 Millimeter vorne, 240 Millimeter hinten), diverse Sabelt-Teile, die «Record Monza»-Auspuffanlage, die üblichen Anbau-Teile. Neu ist die graugrüne Lackierung, genannt Monza 1958 (in Erinnerung an die Rekordfahrten des 500er-Abarth) – und ein Ding hinten am Dach, das sich «Spoiler ad Assetto Variabile» nennt. Es ist dies ein in 12 Stufen von 0 bis 60 Grad manuell verstellbarer Heckspoiler, der in seinem maximalen Aufstellwinkel doch immerhin 42 Kilo Anpressdruck mehr liefert bei 200 km/h. Nun, wir haben das jetzt auf unserer Ausfahrt nicht wirklich gespürt, aber es ist halt optisch ein Hingucker – wie einst bei den Lancia Delta HF Integrale. Und auch wenn der Verbrauch sicher nicht besser wird: Er muss einfach immer schräg gestellt bleiben. Dann kann man auch lesen, dass es sich um einen Abarth handelt. 1949 Stück wird es geben, der Preis liegt bei knapp 35’000 Euro.

Der Abarth 695 70° Anniversario steht in einer nun doch schon recht eindrücklichen Reihe von Sonderserien, die Opening Edition (2008, 200 Exemplare), der Zerocento (2009, 100 Exemplare), der Tributo Ferrari (2010, 1649 Exemplare) das Cabrio Italia (2011, 150 Exemplare), die 695 Maserati Edition (2012, 480 Exemplare), der 595 50th Anniversary (2013, 390 Exemplare), der Biposto Record (2015, 133 Exemplare) und zuletzt der 695 Rivale 175 Anniversary. Man hat nichts falsch gemacht, wenn man sich eine dieser Spezial-Editionen angeschafft hat, sie können ihre Preise gut halten, einige erreichen bereits jetzt einen Mehrwert (biposto!). Ob das der 70° Anniversario auch schaffen wird, wissen wir nun auch nicht. Doch es geht auch um etwas ganz anderes.

Liebevoll. Ein unterschätztes Wort. Es wird ja auch nicht mehr oft verwendet. Dabei: liebevoll, also – voller Liebe. Oder besser: voll von Liebe. Die Abarth verdienen genau dieses Wort: liebevoll. Er ist ausserordentlich liebevoll gemacht, also: Abarth hat auch diesem Produkt ganz viel Liebe angedeihen lassen. Da waren Menschen am Werk, die überbordende Freude an ihrer Arbeit haben, mit viel Benzin im Blut, mit grossem Enthusiasmus, einem Hauch Wahnsinn. Und genau so ist dieses Fahrzeug – man muss es einfach lieben. Es ist die Antithese zum autonomen Fahren, es ist wahnsinnig, es ist reines Herzblut. Es ist ganz wichtig, dass es solche Fahrzeuge noch gibt, dass sich ein Hersteller die Mühe macht (und gibt), für solche Gerät eine Strassenzulassung zu erreichen – dass es überhaupt gebaut wird. Wenn für einmal die Controller in ihren biederen Büros zusammen mit ihren Gummibäumen eingeschlossen werden und die Freaks sich austoben dürfen, dann, und nur dann kann entstehen, was einen Abarth darstellt und ausmacht.

Mehr ist mehr, es muss also der 1,4-Liter-Turbo mit 180 PS sein. Leider gibt es im 70° Anniversario das so wunderbare Klauengetriebe aus dem biposto nicht, aber das manuelle 5-Gang-Getriebe (in einer ersten Version waren es 6, doch das ist falsch) ist auch knackig, wunderbar kurz die Schaltwege. Dann knallt man über die Gasse mit dem Abarth, und es ist nur Ah! und Oh! und Agilität vom Feinsten und ein schweissnasser Rücken von der Arbeit am Lenkrad und am Schaltstock und auf der bestens dosierbaren Bremse. Die Antithese zum autonomen Fahren. Wie früher. Und so, wie es sein soll. Wie früher auch deshalb, weil wir es hier nicht mit einem PS-Drehmoment-Monster zu tun haben, das, wenn man das Fahrpedal auch nur anschaut, weit über die Toleranz auch des grosszügigsten Schutzmanns schiesst. Natürlich geht er gut, sehr gut, aber eben nicht jenseitig wie diese aktuellen PS-Monster. Was aber auch daran liegt, dass man sich die richtigen Wege sucht für den kleinen Italiener, eng soll es sein, sehr kurvig. Umwege will man fahren, und vielleicht nimmt man sogar wieder eine Strassenkarte aus dem Archiv, weil man eh nur die Nebensträsschen will, sicher nicht die Autobahn und nicht einmal die breite Landstrasse. Der 695er ist irgendwie komplett sinnbefreit. Weil er uns zeigt, wie Autofahren eigentlich sein muss. Weil er uns beschäftigt und zu denken gibt – und weil bald eine Zeit kommt, die solche Automobile unmöglich machen wird. Denn Lärm macht er auch, der Kleine – wunderbaren Lärm.

Und vielleicht ist es ja auch ein Abgesang, eine letzte Möglichkeit, sich noch einen dieser ganz speziellen Abarth zu sichern. Die Zukunft der Marke ist wohl nicht als rosig zu bezeichnen, den auf dem diesjährigen Salon von Genf noch angekündigten Abarth 124 Spider 70° Anniversario wird es nicht geben, weil es ja den 124 Spider gar nicht mehr gibt (Todesanzeige hier). Zum Glück verkaufen sich die 500er aber weiterhin prächtig, und so lange dem noch so ist, muss man sich noch keine Sorgen machen. Aber dann, was kommt: dann?

Mehr Fiat/Abarth gibt es in unserem Archiv.

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