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Edy Wyss – «The Swiss Wiz»

Erfolgreich aus Leidenschaft

Der legendäre Rennsport-Journalist der «Automobil Revue», Adriano Cimarosti, traf im November 1969 bei einem Besuch der McLaren-Rennstalls in Colnbrook auf einen jungen Zürcher, der sich ihm als Edi Wyss vorstellte. Wyss hatte 1968 als Rennmechaniker bei der Ecurie Bonnier begonnen, kam schon 1969 zu McLaren in die Formel 1, in die CanAm, nach Indianapolis – und das während der wohl aufregendsten Jahre des Automobil-Rennsports. In späteren Jahren konstruierte er selber einen Formel 1, arbeitete für und mit Jo Siffert, Herbert Müller, Peter Sauber, um schliesslich ab der 90er Jahre auch noch zu einem der besten Ferrari-Restauratoren zu werden. Seine «Edi Wyss Engineering» in Hermatswil hat er zwar unterdessen verkauft, eigentlich ist er ja pensioniert, doch in seinem Unruhestand ist jetzt auch noch ein unbedingt lesenswertes Buch über sein aufregendes Leben entstanden.

radical: Herr Wyss − wie fühlt man sich, wenn man ein grossformatiges, 300 Seiten starkes Buch über sein eigenes Leben in der Hand hält?

Edi Wyss: Ach, ich bin froh, dass wir es gemacht haben. Und dass es endlich fertig ist.

radical: Wie − und auch: warum − ist dieses Buch entstanden?

Wyss: Vor etwa drei Jahren sass ich an der Hauptversammlung des Swiss Car Register (SCR) neben Christoph Ditzler. Wir kamen ins Gespräch und ich erzählte ihm einiges aus meinem Leben; er meinte, beim SCR habe man ein Programm, um solche persönlichen Erfahrungen aus vergangenen Zeiten aufzuzeichnen, das gehe sonst vergessen. Also sassen wir mehrmals zusammen; ich sprach über meine Erlebnisse, das Mikrofon lief und schliesslich hatten wir etwa zwölf Stunden Aufzeichnungen im Kasten. Dann hat es seine Gattin Ilse zu Papier gebracht. Dabei entstand die Idee, dass wir daraus ein Buch machen könnten, was auch meine Partnerin Mary Wachter unterstützte. Ich fragte Daniel Klein, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt gerade das Buch zum Ferrari 312P in der Pipeline hatte, ob der Verlag McKlein meine Memoiren publizieren würde; er sagte sofort zu. Und Bianca Wyss, eine versierte Grafikerin aus Basel, hat zu guter Letzt alles in eine schöne Form gebracht.

radical: Sie sind als Perfektionist bekannt. Haben Sie über all die Jahre derart akribisch (Tage-)Buch geführt, Bilder und Ranglisten und all das Material im Buch gesammelt? Allein die Fülle an Bildern, die man sonst noch nie gesehen hat, ist beeindruckend …

Wyss: Nein, leider habe ich kein Tagebuch geführt, ich hatte bloss einen kleinen Kalender, in den ich jeweils die Rennen notiert habe. Aber an vieles kann ich mich noch sehr präzise erinnern − und vieles kann man ja in Publikationen nachschauen, etwa die Resultate und all die Stories drumherum. Fotomaterial hatte ich jedoch mehr als genug; auch McKlein verfügte über ein grossartiges Archiv. Manche Schnappschüsse wurden uns von alten Freunden und Freundinnen zugeschickt, einige haben wir in der ganzen Welt gesucht – und mit viel Glück schliesslich bekommen.

radical: Sie haben Bruce McLaren noch persönlich kennengelernt – erzählen Sie uns von ihm.

Wyss: Bruce McLaren war eine absolute Schlüsselfigur für meine persönliche Entwicklung. Ich wollte ja unbedingt mit und für ihn arbeiten, aber es war nicht selbstverständlich, dass er mich auch aufgenommen hat. Und dass er mich dann auch gleich an die Front schickte, als Renn-Mechaniker. Er sagte mir einmal: «Die Neuseeländer meines Teams kommen alle direkt vom Schiff und sprechen wenigstens schon die richtige Sprache. Aber Du musst schon ein besonderer Spinner sein, dass Du Dir das antust – so hart arbeiten und dann noch auf Englisch.» Damals erhielt ich auch meinen Übernamen: The Swiss Wiz.

radical: Sie waren in den spannendsten Jahren in der Formel 1 und auch der Can-Am − welche Piloten haben Sie am meisten beeindruckt, fahrerisch? Und: persönlich?

Wyss: Es waren nicht nur die spannendsten Jahre, sondern auch die gefährlichsten. Das gilt vor allem für die Formel 1, bis Jackie Stewart wenigstens die Leitplanken durchsetzen konnte; die Can-Am war nicht so schlimm, da gab es mehr Auslauf, auch wurde nicht ganz so hart gefahren. DER Überflieger unter den Fahrern der Formel 1 war für uns natürlich Jackie Stewart. Aus meiner Sicht war insbesondere Bruce McLaren eine eindrückliche Persönlichkeit, ein guter Fahrer, ein guter Ingenieur − und ein guter Freund. Ebenso erlebte ich Denny Hulme als hervorragenden Fahrer; als ehemaliger Mechaniker war er fast so etwas wie ein herausfordernder Kollege. Sehr beeindruckt hat mich Jo Siffert; er kam ja nicht aus einem reichen Haus, musste sich wirklich hocharbeiten − und wurde zu einem der erfolgreichsten Piloten; bei Porsche war er quasi unschlagbar. Er stand mir auch als Mensch sehr nahe.

radical: Was halten Sie von der aktuellen Formel 1? Interessieren Sie sich für Rennserien wie die Formel E?

Wyss: Die Formel 1 interessiert mich nicht mehr so sehr, das ist ein grosser Zirkus, alles ist durchgestylt − es ist eine andere Welt als früher. Man muss sich vorstellen: Bei McLaren waren wir damals knapp 50 Personen − ohne die Motorenleute bei McLaren Engines in den USA (für die Indy-Offenhauser sowie die Can-Am-Chevys) und bei Cosworth, später Nicholson McLaren Engines (für die Cosworth DFV) − und wir fuhren Formel 1, Can-Am sowie Indy. Heute umfasst ein Formel-1-Team Hunderte von Menschen − das ist mir alles zu viel. Und nein, für die Formel E kann ich mich nicht begeistern; das war kein rühmlicher Auftritt da im vergangenen Jahr in Bern − so viel Aufwand für eine derart sterile Angelegenheit. Da fand ich das Eidgenössische Schwingfest viel attraktiver.

radical: Sie haben mehr als eine Karriere gemacht, Renn-Mechaniker, Konstrukteur − und wurden irgendwann zu einem renommierten Ferrari-Restaurator. Wie ist es dazu gekommen?

Wyss: Zuerst einmal muss ich sagen, dass ich nur einer von vielen Restauratoren war, da gibt es auf der ganzen Welt sehr viele gute Adressen. Ferrari war immer ein Extrem − und ich hatte immer eine Schwäche für diese Extreme. Und ganz besonders für Ferrari − wo mir übrigens der damalige Kundendienstchef Gaetano Florini 1971 einen Job anbot. Doch ich war noch jung, ich wollte an die Rennen. Eigentlich ist es mir in der Folge in den Schoss gefallen, dass ich mich so intensiv mit diesen Fahrzeugen beschäftigen konnte − zuerst kam ein Kunde, dann kamen immer mehr. Und anscheinend haben wir gute Arbeit geleistet.

radical: Welche drei Ferrari-Projekte haben Ihnen am besten gefallen? Und warum?

Wyss: Weil ich vom Rennsport komme, habe ich natürlich ein Flair für Rennwagen. Die 512M, den ich für Herbert Müller und David Weir vorbereiten und betreuen durfte, gehören sicher zu meinen liebsten Autos. Dann natürlich der 312P, wo ich ja auch an einem Buch mitarbeiten durfte. Und schliesslich die Daytonas, die im Rennsport etwas unterschätzt wurden. Doch das war ein grundsolider GT − und er hätte 1979 fast noch die 24 Stunden von Daytona gewonnen; ein paar Runden mehr und er hätte den brandneuen Porsche 935 noch packen können. Und da war der 365 GTB/4 schon 10 Jahre alt!

radical: Haben Sie Verständnis dafür, dass jemand über 50 Millionen für einen GTO bezahlt? Sie sind so lange in der Branche − wie beurteilen Sie die Preisentwicklung? Geht das noch weiter nach oben?

Wyss: Weshalb jemand so viel Geld für ein Auto bezahlen will, muss man ihn selber fragen. Ich als Technik-Interessierter muss das auch nicht verstehen − in der Kunst ist es ähnlich. Aber man muss schon feststellen, dass die Spekulanten den Markt kaputt gemacht haben – mein Motto lautet: «Money kills passion». Als Unternehmer hatte ich jedoch das Glück, faszinierende Projekte für Kunden mit echter Passion realisieren zu können – das hat mir immer ausserordentlich gefallen.

radical: Sie sind nun schon viele Jahre in der Oldtimer-Branche, haben alle wichtigsten Schönheitskonkurrenzen besucht, von Bagatelle bis Pebble Beach − wie hat sich die Szene in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Wyss: Es wurde alles enorm «professionalisiert». Und es ist manchmal etwas rätselhaft, wie das genau abläuft, da scheinen unterschiedliche Regeln zu gelten.

radical: Wie erklären Sie sich, dass die Schweiz eine derart hohe Klassiker-Kultur hat? Ist es nur der Reichtum, der dafür sorgt, dass sich einige der schönsten Sammlungen der Welt in der Schweiz befinden?

Wyss: Ja, das hat sicher mit der Kaufkraft zu tun. Und dann gibt es auch noch steuerliche Gründe; es haben ja auch einige Ausländer sehr schöne Sammlungen in der Schweiz. Vieles passiert unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ich habe da Sachen gesehen …

radical: Verfolgen Sie die aktuellen Ferrari-Modelle? Sind es diese es noch Wert, gesammelt zu werden? Oder können diese modernen Fahrzeuge mit all ihrer Elektronik gar nicht mehr zu Klassikern werden?

Wyss: Ich habe eine gewisse Abneigung gegen diese modernen Fahrzeuge, aber das ist wohl eine Alterserscheinung. Das Problem ist aber schon, dass ich diese Fahrzeuge kaum mehr unterscheiden kann; da baut Ferrari etwas, dann baut McLaren noch etwas Verrückteres, und dann kommt Aston Martin, und so weiter. Ich zweifle, ob all diese Fahrzeuge wirklich das Zeug zum Klassiker haben; es gibt doch zu viele davon. Das hat aber schon vor vielen Jahren begonnen: Der F40 wurde viel häufiger gebaut, als Ferrari versprochen hatte. Dazu kommt noch die moderne Technik: Da braucht es 20 Elektromotörchen für irgendeinen kleinen Zusatzkomfort − das braucht doch niemand. Und das kann alles kaputt gehen.

radical: Sie haben an den teuersten Klassikern überhaupt gearbeitet − und empfinden eine ganz spezielle Liebe zu den Abarth. Wie kommt das?

Wyss: Mein Buch enthält auf Seite 10 das Foto eines Zagato-Abarths. Mit diesem Fahrzeug wurde der Genfer Jean Munger 1958 Schweizer Meister – von diesem Auto träumte ich damals. Nicht von einem Ferrari, das konnte sich ja kaum jemand leisten; diese «Abarthli» aber schon, das war erreichbar. Und das hat mich bis heute nicht mehr losgelassen. Es ist eine Krankheit − aber es tut ja niemandem weh.

radical: Wenn Sie noch ein grosses Restaurationsprojekt machen könnten − welches wäre Ihr Traum-Auto?

Wyss: Hmm, da bin ich jetzt schon länger dran, ich habe auch schon ganz viele Teile zusammen: ein Ferrari 365 GTB/4 Competizione. Selbstverständlich mit Alu-Karosserie.

Das Buch «The Swiss Wiz» ist erschienen bei McKlein Publishing und kostet 79.90 Euro. In der Schweiz unter anderem erhältlich über www.serag.ch für 85 Franken. Andere schöne Geschichten finden sich in unserem Archiv – dieses Interview wurde zuerst geführt für die «Automobil Revue».

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