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Volvo P1800 mit Aston-Motor

Wie Aston Martin und Volvo fast Geschichte schrieben

Später dann, da kamen Volvo und Aston Martin doch noch zusammen, in der unglücklichen Premier Automotive Group, in der Ford ab 1998 seine damaligen Luxusmarken bündelte. Doch da hatten sich die beiden Marken schon viel zu weit voneinander entfernt, als dass noch Synergien möglich gewesen wären. Zu Beginn der 60er Jahre sah das aber noch ganz anders aus – und es hätte eine Ehe «made in heaven» werden können. Und wenn man sich dann noch vorstellt, was aus einer Liasion der Schweden und Briten alles hätte entstehen können – die Automobil-Geschichte hätte wohl die eine oder andere Wendung genommen. Zum Vorteil beider Parteien.

Auch wenn man die Geschichte des Volvo P1800 wohl als bekannt voraussetzen darf, so blenden wir doch noch einmal kurz zurück. Internationaler hätte die Karriere des ersten Grossserien-Coupés von Volvo kaum beginnen können: Entworfen vom schwedischen Nachwuchsdesigner Pelle Petterson in den italienischen Designateliers von Pietro Frua, mit in Schottland von Pressed Steel gefertigter Karosserie, schwedischer Technik und anschliessend in England montiert, erstmals präsentiert 1960 auf dem Brüsseler Weltausstellungsgelände, verkauft vor allem in Nordamerika. Alles sah nach einem Traumstart für den bis dahin schnellsten Volvo aus. Wäre nicht die Qualität der beim britischen Sportwagenspezialisten Jensen montierten Fahrzeuge so unbefriedigend gewesen, dass schon die ersten 250 Autos vor Auslieferung zur Nachbesserung nach Göteborg transportiert werden mussten.

Technische Basis für das 2+2-sitzige Sportcoupé war die solide Volvo Amazon P120 Limousine mit dem bewährten 1,8-Liter-Vierzylinder B18B.  Das bedeutet allerdings auch: keinerlei Drehfreude, ziemlich müde 90 PS – der P1800 sah deutlich sportlicher aus als er es in Wirklichkeit war.  Die ersten Verbesserungsvorschläge kamen, wie könnte es anders sein, aus den USA: Robert Cumberford baute einen 4.7-Liter-V8 von Ford unter die Haube des Schweden. Das Resultat war derart ansprechend, dass es Volvo auch selber versuchte (die 289ci waren günstig, ausserdem liessen sie sich mit einer Automatik kombinieren, die dem P1800 eh fehlte), doch die Umbauten erwiesen sich als derart tiefgreifend, dass man die Finger schnell einmal davon liess.

Aber dann war da ja noch Aston Martin. Die Engländer, (bis heute) in chronischen Geldnöten, hatten da zwar ihren famosen Sechszylinder, konstruiert von Tadek Marek, doch sie hatten auch das Bedürfniss nach mehr Erfolg, mehr finanziellen Ressourcen. Den Reihensechser wollten sie allerdings nicht hergeben, also wurde 1961 grünes Licht gegeben für das Projekt DP208. Dafür sägte Marek dem Sechszylinder buchstäblich zwei Zyinder ab, es blieben 2.5 Liter Hubraum und bei ersten Messungen auf dem Prüfstand noch 151 PS. Drei dieser Vierzylinder wurden gebaut, einer auch tatsächlich in einem Volvo P1800 eingebaut (den die Gattin von Marek anscheinend ein Jahr lang fuhr), doch obwohl das Coupé nun deutlich über 200 km/h rannte und in nur 9 Sekunden von 0 auf 100 km/h sprintete, wollten die Schweden das Projekt nicht weiterverfolgen. Offizielle Ausrede: Es lag kein Gewichtsvorteil vor. Tatsächlich waren es gerade einmal 30 Kilo – bei deutlich mehr Leistung. Man darf vielmehr davon ausgehen, dass Volvo einfach die Nase gestrichen voll hatte von englischen Herstellern, mit Jensen hatte man ja nicht wirklich die besten Erfahrungen gemacht, 1963 wurde die Produktion dort abgezogen und ins eigene Werk nach Lundby verlagert.

Die Geschichte des Aston-Volvo nahm dann ein paar Umwege. Wahrscheinlich wurde der Motor wieder ausgebaut, der P1800 erhielt wieder seinen ursprünglichen Gusseisen-Block – und wurde verkauft. Leider gibt es keine Aufzeichnungen bei Aston Martin, um welche Chassisnummer es sich dabei handelte. Die Maschine wurde dann an Richard Williams verkauft, einen bekannten Aston-Martin-Spezialisten, der sich wiederum an Craig Dent verschacherte, noch einen bekannten Aston-Spezialisten, der sie wiederum Robin Hamilton weitergab, von wo sie Guy Broad kam (der ist dann eher für seine Jaguar-Kenntnisse bekannt). In der Schweiz wartete unterdessen Beat Roos, der wohl bekannteste all dieser Aston-Martin-Spezialisten, auf seine Chance – und erhielt sie mit einem Anruf aus München. Selbstverständlich kaufte er den Vierzylinder-Motor sofort, kaufte sich auch einen frühen P1800 (also: Jensen) – und damit begannen dann die Qualen. Weil es auch keinerlei Aufzeichnungen gab bei Aston Martin, wie man in England den etwas unförmigeren DP208 in den Schweden brachte, war viel Hand- und Anpassungsarbeit nötig. Etwa eine neue Hinterachse, ein grösserer Kühler, die Lenkung aus einem Triumph TR4, eine massgeschneiderte Motorhaube – und so weiter.

Und da stehen wir jetzt nun vor dem wohl aussergewöhnlichsten Volvo P1800. British Racing Green, Monolite-Felgen, eine dicke Beule auf der Motorhaube – man sieht, dass etwas anders ist, könnte es auf den ersten Blick aber nicht benennen. Doch er sieht gut aus, der Schwede mit dem Jensen-Chrom. Selbstverständlich ist auch sonst alles perfekt, wunderbares Leder im Innenraum, dicke Teppiche, auf Hochglanz polierte Armaturen – es ist dies sicher einer der edelsten P1800, die es überhaupt gibt. Typisch für den Perfektionisten Beat Roos, entweder man macht es richtig oder dann halt eben: gar nicht.

Ach, das Fahren – es ist wirklich schade, dass Volvo diesem Projekt keine Chance gab. Der SAston-Vierzylinder mit seinen zwei obenliegenden Nockenwellen fühlt sich so ganz anders an die Gusseisen-Maschine, die sonst in den P1800 verbaut, drehfreudig, mit Kraft auch bei tieferen Drehzahlen (kein Wunder bei 2.5 Liter Hubraum) – und einem Sound, der auch noch das Ohr erfreut (man fühlt sich fast ein bisschen wie in einem Alfa Romeo). Selbstverständlich haben wir es nicht wild getrieben über die Hügel, die wir den Aston-Volvo traben liessen, doch es war eine Freude für alle Sinne. Und dann fragt man sich eben schon, was hätte werden können, sowohl aus Aston Martin wie auch aus Volvo, wenn damals diese für beide Seiten so vorteilhafte Ehe geschlossen worden wäre. Dem P1800 hätte es auf jeden Fall gut getan – und die Vorstellung eines Schneewittchensarg mit Aston-Motor bringt ganz viele automobile Träume zusammen.

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