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radical zero: Fahrbericht Kia EV9

Zeitenwende

Der Kia EV9 steht da als blaue Wand, 5,01 Meter lang, gut zwei Meter breit, doch 1,76 Meter hoch, 3,1 Meter Radstand – ein wahrlich mächtiges Trumm, man denkt automatisch an einen sehr aussergewöhnlich gestalteten Lieferwagen. Was er irgendwie auch ist, er bietet in optimaler Konfiguration bis zu 2400 Liter Ladevolumen. Und fünf bis sieben auch grossgewachsenen Erwachsenen Platz. Am feinsten sind selbstverständlich die sechs Einzelsitze.

Es ist wahrhaft grossartig, wie Kia im EV9 die Vorteile der E-GMP-Plattform nutzt, wohl noch nie wurde so konsequent auf ein «Raumschiff» hingearbeitet. Natürlich ist das auch der schieren Grösse (und Höhe) geschuldet, aber die Platzverhältnisse sind wirklich beeindruckend. Die Fauteuils der zweiten Reihe lassen sich drehen, man kann sich tatsächlich vorstellen, den Kia als Sitzungszimmer zu nutzen. Oder für einen gepflegten Jass-Abend. Für dieses gute Raumgefühl ist wichtig, dass nicht nur die Beine kaum eingeschränkt werden, sondern auch wirklich reichlich Kopffreiheit vorhanden ist.

In diesem Wohnzimmer wirkt dann das Armaturenbrett fast schon verloren. Zwar ziehen sich die Displays bis über die Mittelkonsole hinaus, weil sie aber vertikal angelegt sind, dominieren sie das Geschehen nicht. Und es sind sogar noch ein paar haptische Schalter und Knöpfe vorhanden – die Bedienung ist ein Kinderspiel. Und genau dieses Simple, Klare bringt den Kia EV9 in Sachen Ergonomie ganz weit nach vorne. Bei der Materialauswahl im Innenraum will Kia besonders auf Nachhaltigkeit geachtet haben und nutzt unter anderem Kunststoff aus recycelten PET-Flaschen. Das fühlt sich alles gut an, hochwertig – ob das in fünf Jahren auch noch so sein wird, das wird sich ja dann zeigen.

Nochmals: Das Bediensystem gehört zum Besten, was wir kennen. Klar sind die Feineinstellungen auch tief unten in den einzelnen Menus versteckt, doch alles, was man wirklich braucht, findet man auf Anhieb. Sicher gibt es (chinesische) Konkurrenten, die sind verspielter (oder heisst das heute: zeitgeistiger?), ein Zeekr kann wiehern und eine Ora Funky Cat verfügt über Massage-Funktionen, die man durchaus auch als übergriffig bezeichnen könnte. Das alles braucht der Kia nicht, er folgt dem gesunden Menschenverstand, koppelt das Smartphone in Rekordzeit, verzichtet auf Gimmicks, die man genau einmal lustig findet – und dann nie wieder benutzt.

War der Kia EV6, «Car of the Year 2022», noch so einigermassen «konservativ» gestaltet, haben die Koreaner unterdessen das Design für ihre reinen E-Fahrzeuge komplett auf den Kopf gestellt. Der EV9 ist das erste Modell in dieser doch sehr auffälligen Optik, auch der kleinere EV5 wurde in sehr ähnlichem Stil schon vorgestellt. Und genau so wird es weitergehen, EV3 und EV4 wurden erst gerade gezeigt und setzen diese neue, martialische Linie konsequent fort. Damit geht Kia zwar ein gewisses Wagnis ein, doch wenn man die Reaktionen der Fussgänger und anderen Autofahrer auf den EV9 als Massstab nehmen will, dann dürfte sich das lohnen: Unberührt lässt die blaue Wand kaum jemanden.

Vorerst gibt es den Kia EV9 in zwei Leistungsstufen, einmal als Hecktriebler mit 203 PS und 350 Nm maximalem Drehmoment, einmal als Allradler mit 385 PS und 700 Nm; zu einem späteren Zeitpunkt sollen weitere Varianten dazukommen, man darf auch mit den 585 PS rechnen, die der EV6 als GT schon bietet. Den Saft zieht der auf einer 800-Volt-Achitektur stehende EV9 aus einer 99,8-kWh-Batterie, die mit maximal 240 kW am Schnelllader betankt werden kann. Als Verbrauch nach WLTP geben die Koreaner für die von uns gefahrene GT-Line 22,8 kWh/100 km an – was wir bei unserer ersten Ausfahrt locker unterboten. Die genannte Reichweite von 500 Kilometern dürfte durchaus machbar sein, auch wenn über 2,7 Tonnen Leergewicht zu bewegen sind.

Und sie bewegen sich ganz anständig, zumindest in der stärkeren Variante. Längsdynamisch traut man dem EV9 zu, dass er es in den 5,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h schafft, die vom Werk angegeben werden; ob er wirklich auf 200 km/h Höchstgeschwindigkeit kommt, haben wir nicht ausprobiert. Aber der Stromer geht auf jeden Fall souverän und flott geradeaus – in schon fast beängstigender Ruhe. Auch wenn Kia das so nicht ausdrückt: das Ziel heisst Premium – und diesem Anspruch kommt man mit dem fast lautlosen, rein elektrischen Antrieb einfacher näher. Andererseits: In der Schweiz kostet der EV9 ab 75’950 Franken (in Deutschland ab 72’490 Euro), für die GT-Line sind dann schon 83’950 Franken fällig (in Deutschland 82’380 Euro). Noch nie war ein Kia teurer, nicht einmal der deutlich potentere EV6 GT kostet mehr. Ein Schnäppchen ist der Stromer nicht, doch für viel Geld gibt es auch wirklich viel Auto.

Das sich allerdings auch so fährt, also wie: viel Auto. Der Fahrkomfort ist auf sehr hohem Niveau, der EV9 rollt prächtig und ruhig, ist ausgesprochen bequem. Agil kann er aufgrund seiner Aussenmasse und seines Gewichts gar nicht sein, auch neigt der hohe Aufbau zu nicht sehr erfreulichen Wankbewegungen, wenn man die Kurve etwas sportlicher angeht. Die Lenkung ist wie die Bremse etwas diffus – schade eigentlich, beim EV6 GT zeigen die Koreaner ja, dass es auch anders geht. Selbstverständlich will nun niemand das Schlachtross um die Nordschleife prügeln, aber in der Schweiz steht dann und wann eine Passstrasse im Weg, dort wird man sich mit dem EV9 nicht ausgesprochen wohlfühlen. Im Parkhaus übrigens auch nicht, obwohl es allerorten piept und pfeift, die hohe Sitzposition eigentlich für eine gute Übersicht sorgt.

Überhaupt ist dieses Gepiepe ziemlich unerträglich. Dauernd greifen irgendwelche Assi-Systeme ein, und das auch noch ziemlich dominant. Der Spurhalte-Assistent ist von der üblen Sorte, der Tempomat ausgesprochen defensiv, der Aufmerksamkeitwarner extrem aufmerksam, und leider verlangsamt der Kia auch vor Kurven, wenn er das Gefühl hat, man sei zu flott unterwegs. Das ist vollkommen unnötig, Besserwisser gibt es allerorten schon mehr als genug. Und man kann das zwar auch ausschalten irgendwo im siebten Untermenu, doch man macht das nach jedem Neustart von neuem. Was auch nervt, immer wieder. Dieses doch etwas übertriebene Sicherheitsdenken sollten die Koreaner vielleicht noch einmal überdenken, man fühlt sich als EV9-Pilot schon etwas gar intensiv bevormundet.

Es ist sehr ambitioniert von Kia, mit dem EV9 ein solches Brett in den Konkurrenzkampf zu werfen. Sicher gehört das beengte Mitteleuropa nicht zu den primären Zielen für den Verkauf dieses riesigen Trumms, China und auch die USA stehen da wohl mehr im Fokus, doch die Koreaner haben längst genügend Selbstbewusstsein, um sich auch den deutschen Premium-Marken zu stellen; man hört sogar dann und wann Range Rover. Ihre Strom-Technik ist auf aktuell höchstem Niveau, in Sachen Bedienerfreundlichkeit müssen sie sich schon länger nicht mehr verstecken – und jetzt haben sie auch noch das Design, sowohl aussen wie auch innen, als ausgezeichnetes Verkaufsargument für sich entdeckt. Derzeit steht der Kia EV9 noch absolut konkurrenzlos da.

Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv.

3 Kommentare

  1. keinsuvnie keinsuvnie

    grauenhaft.. EOLV.. mein Beileid!

  2. Der Kia EV9 ist wirklich ein beeindruckendes Fahrzeug, nicht nur aufgrund seiner Größe, sondern auch wegen seiner cleveren Nutzung des Innenraums. Es ist faszinierend zu sehen, wie Kia die E-GMP-Plattform nutzt, um ein solch geräumiges und komfortables Interieur zu schaffen. Die einfache Bedienbarkeit des Fahrzeugs und das ansprechende Design machen den EV9 zu einem interessanten Angebot auf dem Markt für Elektrofahrzeuge.

    • Peter Ruch Peter Ruch

      für diese Werbung müssten wir eigentlich Geld verlangen )

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