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Rainer Schlegelmilch

«Das beste Bild habe ich noch nicht gemacht»

Er hat so ein Kratzen im Hals, der Rainer Schlegelmilch, als wir miteinander telefonieren. Ich stehe auf einer italienischen Autobahn-Raststätte, es stinkt furchtbar nach Diesel, ich wage kaum zu rauchen. Und ich verstehe ihn kaum, in den ersten Minuten – was aber auch an den Lastwagen liegen könnte, die links und rechts an mir vorbeibrummen. Wir verabreden uns für einen zweiten Versuch ein paar Minuten später – und es bleibt mir noch einmal etwas Zeit, an gute Zeiten zurückzudenken.

NüRBURGRING, GERMANY – JUNE 01: Vic Elford / Kurt Ahrens Jr, Porsche System Engineering, Porsche 908/02 010 during the Nurburgring 1000 kms at Nürburgring on June 01, 1969 in Nürburgring, Germany. (Photo by Rainer Schlegelmilch)

In den 70er Jahren, ich war noch ein kleiner Bub, da hatte mein Vater «Powerslide» abonniert. Das war das damals das beste Auto-Heft mit den richtig grossartigen Rennberichten; ich lernte sie quasi auswendig. Und dann waren da diese ganz aussergewöhnlichen Bilder, nicht immer der ewig gleiche Rennwagen in der Kurve, sondern fliegende Autos, auf den ersten Blick unscharfe Motive, Fotos von nachdenklichen Rennfahrern, Detailaufnahmen, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Wenn mir ein Bild gefiel, stand in der Byline eigentlich immer: Schlegelmilch. Seine Bilder haben mein Verständnis für Auto-Photographie extrem geprägt, bis heute.

No. 14, Porsche 956 GTI (RLR), Jonathan Palmer / James Weaver / Richard Lloyd (second).
24 Hours of Le Mans, 1985
Photo: Rainer Schlegelmilch / Motorsport Images

Beim zweiten Anlauf geht es besser. Ich stelle nur eine kurze Frage – und dann kann ich nur noch zuhören, Rainer Schlegelmilch hat viel zu erzählen, sehr viel. Und macht das witzig, spannend, charmant – vielleicht hätte er auch schreiben sollen, nicht nur photographieren.

Rainer Schlegelmilch at work.
24 Hours of Le Mans, 1971
Photo: Pete Biro / Revs Institute

Als er Anfang der 60er Jahre studierte an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie in München, hatte Rainer Schlegelmilch einen Kollegen, der fuhr einen Porsche. Weil er auch einmal Porsche besitzen wollte, verlegte sich der junge Schlegelmilch nicht auf die brotlose Kunst, sondern auf die Werbe-Photographie, «da war einfach mehr Geld». Der gleiche Kollege bat ihn, doch ein paar Aufnahmen zu machen von einem Rennen, an dem er mit dem Porsche teilnahm – und schon war es um Rainer Schlegelmilch geschehen. Ab 1962 war er immer öfter an Renn-Wochenenden vor Ort, anfangs noch als blutiger Amateur, doch er lernte schnell, man wurde bald auf den jungen Mann aufmerksam, der meist nicht da war, wo alle anderen Lichtbildner rumstanden. Und alle wollten seine Bilder haben.

Sunrise at Le Mans: a lonely Porsche 935 is passing the Dunlop Bridge in the early morning hour.
24 Hours of Le Mans, 1978
Photo: Rainer Schlegelmilch / Motorsport Images

Früher war alles anders. Nicht unbedingt besser, aber sicher abenteuerlicher. Schlegelmilch, der sich nie fest anstellen liess, nicht für eine Agentur oder einen Hersteller arbeitete, sondern seine Reisen selber organisierte und bezahlte, frass in jenen frühen Jahren viele Kilometer. Übernachte im Auto oder im Zelt. Blieb nach den Rennen noch vor Ort, «da kam man am besten mit den Fahrern und Teams ins Gespräch, es war alles ruhiger». Er fuhr erst am Montag zurück, machte seine Auswahl, liess die Bilder entwickeln, verschickte sie Mitte der Woche an die damals wichtigsten Publikationen, Powerslide in der Schweiz, Road & Track und Sports Car Graphic in den USA. «Ich hatte immer mein eigenes Tempo, es war mir wichtiger, die besten Bilder zu machen. Andere waren sicher schneller», erzählt der 82-jährige, der heute in der Schweiz lebt, aus seinem sehr reichen Erfahrungsschatz.

The drivers of the John Wyer team: Jo Siffert, Pedro Rodríguez (horizontal), Brian Redman, and Leo Kinnunen.
1000 km Monza, 1970
Photo: Rainer Schlegelmilch / Motorsport Images

Bis 1970 photographierte Schlegelmilch ausschliesslich in Schwarz/Weiss. Als er auf Farbfilme umstellte, entwickelte er auch immer wieder neue Techniken, die berühmteste ist wohl «Speed Zoom». Dabei hat er seine Kamera auf einem Stativ, fokussiert auf einen Punkt (am liebsten den Helm des Fahrers) – und bewegt dabei das Zoom langsam näher. Bei diesen Langzeitbelichtungen entstehen jene Farbexplosionen, für die Schlegelmilch bekannt ist: «Ohja, da ist viel Ausschuss dabei». Trotzdem umfasst sein Archiv rund 500’000 gelungene Bilder. Und einige grossartige Serien: Beim Training zum Grossen Preis von Monte Carlo stand Schlegelmilch während Jahrzehnten immer am gleichen Ort, wählte immer den gleichen Blickwinkel – diese Photos haben heute wichtigen dokumentarischen Wert.

RED BULL RING, AUSTRIA – AUGUST 10: Laurel on the winning Karl Freiherr v. Wendt, Porsche 917 009 driven by Jo Siffert and Kurt Ahrens Jr during the Zeltweg 1000 kms at Red Bull Ring on August 10, 1969 in Red Bull Ring, Austria. (Photo by Rainer Schlegelmilch)

Am liebsten reiste Schlegelmilch nach Italien, «das Wetter, das Essen, das Lebensgefühl», die Targa Florio war immer sein Favorit, dort gelangen ihm auch einige seiner bekanntesten Photos. Und er arbeitete immer gern mit Porsche zusammen, «da hatten wir schon einen guten Kontakt, da war ich sehr nah dran, auch an den Piloten». Er lernte Juan Manuel Fangio kennen, den er sehr bewunderte, Jacky Ickx ist einer seiner engsten Freunde. Ihn traf er kürzlich wieder an der Rennsport Reunion in Laguna Seca, wohin ihn Porsche eingeladen hatte: «Es war eine schöne Reise, vier Wochen war in den USA, habe viele alte Freunde besuchen können». So richtig aktiv sei er nicht mehr als Photograph, sagt er, doch: «Das beste Bild habe ich noch nicht gemacht». Ein wunderbarer Ehrgeiz für einen über 80-jährigen Mann.

Jacky Ickx.
24 Hours of Le Mans, 1985 
Photo: Rainer Schlegelmilch / Motorsport Images

Das kürzlich veröffentlichte Werk «Porsche Racing Moments» gehört sicher zu Höhepunkten im 60-jährigen Schaffen des Photographen. Es ist mächtig, 43 x 41 Zentimeter gross, 5,8 Kilo schwer – ein Werk, wie es nur noch der Taschen-Verlag zu publizieren vermag. Das hat halt seinen Preis. Letzte Frage noch: «Wie haben Sie es geschafft, den Überblick über all diese Bilder zu behalten?» «Ach», sagt Schlegelmilch, «ich war immer sehr gut organisiert, habe mir immer Notizen gemacht, alles gut geordnet abgelegt. Und ich habe ein sehr gutes Gedächtnis». Bewundernswert, der Mann, nicht nur für seine Bilder (die wir hier ausnahmsweise mit der kompletten Byline zeigen).

CIRCUITO DE TARGA FLORIO, ITALY РMAY 04: Rudi Lins / Gérard Larrousse, Porsche AG, Porsche 908/02 010 S-M 2267 during the Targa Florio at Circuito de Targa Florio on May 04, 1969 in Circuito de Targa Florio, Italy. (Photo by Rainer Schlegelmilch)

Rainer Schlegelmilch, Porsche Racing Moments, Hardcover, 34,4 x 40,8 cm. Verlag: Taschen, Preis: 850 Euro, www.taschen.com, verschiedene Editionen.

Mehr schöne Geschichten haben wir in unserem Archiv.

1 kommentar

  1. Sgt. PEPPer’s Lonely Hearts Club Band Sgt. PEPPer’s Lonely Hearts Club Band

    Rainer könnte sich auch mal über seine Freundinnen und die tollen Fotostorys daraus auslassen, siehe Maserati Medici…

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