Von Muskel-Shirts und Vorschlaghämmern
Die besten Mercedes-Kunden sind die Fuhr-Unternehmer. Oft sehr bodenständige Jungs, die mit einem Klein-Transporter begonnen und heute eine ganze Flotte von Actros schön aufgereiht vor der Tür stehen haben. Es sind Herren in einem schon gesetzteren Alter, die aber weiterhin anpacken können, noch wissen, wie man ein Lastwagen-Rad wechselt, beim Entladen des Sattelzugs den Gabelstapler ersetzen können. Und auch wenn sie heut im feinen Zwirn zur Arbeit fahren, sie haben mächtige Oberarme und grosse, starke Hände. Sie fragen sich nun vielleicht, was das mit dem Fahrbericht des AMG GT zu tun hat. Doch dann schauen Sie einmal auf das Lenkrad des Sportwagens – und es wird Ihnen sofort klar sein, für wen Affalterbach genau dieses Auto konstruiert hat: Fuhr-Unternehmer. Für die besten Kunden des Hauses, gesetztere Herren mit mächtigen Oberarmen und grossen, starken Händen. Wenn sie das Actros-Leasing erneuern, dann gibt es einen solchen GT als Cashback gleich mit.



Zwar habe ich auch grosse Hände, als ehemaliger Handballer sind sie doch auch ziemlich kräftig, doch ich bin ein Schreibtischtäter, ich kann kein Lastwagen-Rad wechseln und bin im Schwung des Vorschlaghammers auch eher unbegabt. Und wohl deshalb geht mir das Gefühl für das Lenkrad im AMG GT ab: Es ist mir einfach zu feist. Ich kann es kaum umfassen – und das ist irgendwie kein gutes Gefühl, wenn vor Dir ein 4-Liter-V8-BiTurbo mit 585 PS tobt. Das muss und will man sich schon festhalten, der Vorwärtsdrang ist in etwa so brachial wie die Geräuschentwicklung; akustische Zurückhaltung war das Ding von OMG noch nie, man kann das mögen oder, wie wir, peinlich finden. Zeitgemäss erscheint uns solches Prolo-Verhalten auf jeden Fall nicht mehr, Jaguar hat es ja auch endlich gemerkt und den F-Type entsorgt. Ach ja, 14,1 Liter nach WLTP, so von wegen zeitgemäss – mit E-Autos kompensiert Stuttgart solches ja derzeit nicht.



Wie erwähnt: Der V8 reisst den allradgetriebenen Benz schon mächtig nach vorne, 800 Nm maximales Drehmoment, das zwischen 2500 und 5000/min anliegt, helfen da gut mit. Das mag der Fuhr-Unternehmer, sein Ding sind ja die mächtigen Diesel, und so kommt einem die Daimler-Maschine auch irgendwie vor. Zwar reagiert sie bestens auf Fahrpedalbewegungen, das 9-Gang-Doppelkupplungsgetriebe braucht allerdings eine Gedenksekunde, bis es dann die richtige Welle einsortiert hat – und so richtig drehfreudig erscheint uns der 4-Liter nicht. Das würde aber zum Sportwagen-Anspruch des Daimler gehören. Und wenn wir schon dabei sind: Zwar wiegt der GT weniger als zwei Tonnen (da muss man sich heute schon verneigen), und doch kommt er uns schwer, vor allem schwergänig vor. Die Lenkung ist den Fuhr-Unternehmer-Kräften angepasst, trotz Hinterachslenkung will der Benz aber nicht so recht fröhlich um die Kurve, was aber vielleicht auch daran liegt, dass etwas gar viele Helferlein irgendeine Form von Fahrspass generieren sollen, Sperrdifferential hinten, Wankstabilisierung – es fühlt sich unnatürlich an. Ob der Fuhr-Unternehmer je so flott unterwegs ist, dass er den Einfluss der aktiven Aero spürt, wissen wir nicht – wir waren auf der einsamen deutschen Landstrasse ganz weit davon entfernt. Und wollen attestieren, dass die Bremsen grossartig sind.

Und da kommen wir jetzt zu «unserem» Problem mit diesem Mercedes-AMG GT: Was ganz genau will er denn darstellen? Die zweite Generation wurde vom Zweiplätzer zum 2+2, ein Konzept, das wir noch nie verstanden haben, auch bei diversen Ferrari und dem Porsche 911 nicht. Vorne ist bestens, ausgezeichnetes Gestühl, aber hinten kann eh niemand sitzen, warum lässt man diesen Leer-Raum nicht einfach weg, macht das Fahrzeug kürzer, leichter, agiler? Mit 4,73 Metern ist der OMG gut 20 Zentimeter länger als der unterdessen ja auch recht adipöse Porsche 911 – und das macht ihn beim besten Willen nicht handlicher. Klar, einige Zentimeter sind der Optik geschuldet, die riesige Fronthaube ist schon auch als Hingucker gedacht, dient der Selbstdarstellung, aber auf engerem Geläuf mit Biegungen steht sie auch im Weg, eine gute Übersichtlichkeit ist anders. Geradeaus, auf der deutschen Autobahn, ist das kein Problem, aber wir erachten gnadenlose Längsdynamik bekanntlich nicht als die Krone des Automobilbaus.








Wenn wir bei unseren Kolleginnen so lesen (ja, das machen wir manchmal auch), dann müssten wir also das Innenleben des Mercedes-AMG GT ganz toll finden. Machen wir aber nicht, das ist uns ein viel zu wilder Material-Mix, mehr so 80er-Jahre-Disco als eine Interpretation der zeitgemässen Möglichkeiten; allein schon diese blau unterleuchteten, viel zu prominenten Lüftungsdüsen. Aber das ist wohl auch dem Geschmack der Fuhr-Unternehmer geschuldet, vor der Tanz-Halle auf dem schwäbischen Hinterland macht solches sicher gut Eindruck, in der Freizeit trägt man dann schon auch gerne einmal das längst ausgewaschen Muskel-Shirt, you know, Rückenbehaarung. Und auf der hinteren Bank hat gut auch noch ein Werkzeug- oder ein Bier-Kasten sowie der Vorschlaghammer Platz; man muss die Bedürfnisse seiner besten Kunden kennen und ehren.






Einfach, damit wir uns hier richtig verstehen: Der Mercedes-AMG GT ist wahrscheinlich ein richtig gutes Automobil, eine sehr gute, sehr saubere Ingenieursleistung, wie man das halt in Stuttgart und Umgebung immer noch richtig gut kann und und hoffentlich noch lange pflegt. Vielleicht ist deshalb sogar der Preis von über 200’000 Franken gerechtfertigt, da steckt sehr viel teure Technik unter dem sehr aggressiv gestalteten Blech. Wer noch dreckiges V8-Gerotze haben will und grossartige Längsdynamik, that’s the car, lange wird es solches nicht mehr geben. Auch dieser OMG ist wieder Ausdruck einer Zeit, deren Ende glücklicherweise absehbar ist. Ich wüsste mit diesem Geld definitiv Gscheiteres anzufangen (siehe: hier), aber ich bin ja auch kein Fuhr-Unternehmer.










Wir sind den Mercedes-AMG GT63 im Rahmen einer Veranstaltung von #gcoty gefahren. Spannendere Fahrzeugen haben wir in unserem Archiv.


2+2 machte mal Sinn.
Es gab eine Zeit, da hatte niemand ein Problem eine Sitzlehne nach vorn zu klappen und sich auf den Rücksitz zu schwingen.
Die Autos waren auch mit etwas größeren Vordertüren noch schmal genug, um die Türen auch in öffentlichen Norm-Parklücken öffnen zu können.
Wir fuhren zu viert mit dem Käfer campen, mit aller Ausrüstung.
Mit dem Fiat 500 (Urmodell) fuhren wir zu viert zum Skifahren. Es passten nicht alle Skistiefel unter die vordere Haube, aber es ging schon irgendwie.
Es war auch eine Zeit, da wollte man irgendwie sportlich aussehende Autos, man hatte aber auch noch Kinder damals (nix DINKS).
Meine Eltern hatten erst einen zweitürigen Taunus (Knudsen), dann den Traumwagen, einen Capri I mit 6-Zylinder.
Sogar Granada und Rekord verkauften sich gut als Zweitürer.
Ein Verwandter packte seine zwei Mädels in den 911er auf den Rücksitz und dann sogar in diese seltsamen Mulden, die man beim Ghibli 4900 durch herausnehmen von zwei belederten Schaumstoffteilen schaffen konnte (ok, als die Mädels größer wurden, hat er sich erbarmt und einen Indy geholt, später einige Mondial 2+2).
Nein, das macht man heute nicht mehr.
Erstens geht es nicht, weil Kindersitze vorgeschrieben sind, die da nicht reinpassen würden, aber vor allem nicht, weil heute ab dem zweiten Kind seltsamerweise der dringende Wunsch nach einem VW-Bus aufkommt.
So wird bei uns hier am platten Land gern ein T4 oder T5 geholt, der zehnmal mehr Dreck hinten raus haut als jeder moderne böse SUV und mindestens genauso groß ist.
Aber so ein VW Bus ist ja heilig, der kann gar nicht unzeitgemäß sein.
Zum AMG. Den gab es mal in einer relativ schlichten Variante, ohne diesen hässlichen Kühlergrill, fast so im Stil eines 300 SL, da sah der in gesetzten Farben gar nicht so übel aus. Mittlerweile ist es aber halt auch eine Proll-Möhre geworden, akustisch sowieso.
Der 2+2 hatte früher durchaus seinen Sinn, mein Vater fuhr einen solchen, lange Haube, feiner Innenraum, die Lehnen der sehr bequemen Vordersitze waren zart und filigran, die beiden Mulden hinten elegant und nicht unbequem, als ich größer wurde, mußte ich mich quer setzen, ging auch und für ein Wochenende am Meer reichte der Kofferraum allemal: Der Jaguar XJS war ein feiner Grand Tourismo und selbst heute, 38 Jahre später, nutzen wir die Rücksitze in just diesem Wagen immer noch ziemlich regelmäßig, wenn auch nicht für lange Strecken.
Aber in einem AMG möchte ich nicht gesehen werden, egal, wie viele Sitze er hat.
Mit höflichen Grüßen aus der anglophilen Leserschaft!
Sehr gut geschrieben Herr Ruch! Und auch Danke an Rolf und hugoservatius für Eure treffenden Kommentare.
Ich denke schon lange darüber nach, warum die Autos heute so groß und schwer sind und innen doch teilweise weniger Platz bieten wie die „alten Kisten“? Aber vermutlich ist es für das Crashverhalten besser, wenn mehr Volumen und Masse vorhanden ist. Mit einem Leo2-Panzer an den Baum gefahren… nix schlimm, Panzer gutt, Baum tott…
Aber es ist schon eine tolle Leistung einen LKW zu bauen der 300 km/h schnell ist!
Hätte man das ganze Hirnschmalz in einen kleinen, leichten 2+2 investiert!