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Nachhaltigkeit bei der Amag

«Weniger Worte, mehr gute Beispiele, das hilft immer»

Ina Maria Walthert-Kaufmann trägt bei der Amag den Titel «Head Group Sustainabilty». Sie muss also darauf achten, dass der grösste Schweizer Auto-Importeur seine selbst gesetzten Klimaziele erreicht. Wie macht sie das – und auf was kommt es an?

radical: Bitte schildern Sie mir Ihr Szenario, wie ein neues (Vor-)Stadt-Quartier in fünf, zehn Jahren entwickelt werden soll, vor allem in Bezug auf die Mobilität und Nachhaltigkeit?

Ina Maria Walthert-Kaufmann: Wir werden in fünf Jahren immer noch in Häusern wohnen und Auto, Velo und Zug fahren. Ich verstehe die Frage daher so, wie wir Mobilitätsangebote zukünftig gestalten können, dass sie attraktiv und nachhaltig sind. Mobilität ist ein sehr individuelles Grundbedürfnis von uns allen und abhängig von der jeweiligen Lebenssituation. Sie muss idealerweise immer verfügbar, einfach zugänglich, kostengünstig, platzsparend und emissionsfrei sein. In fünf bis 10 Jahren wünsche ich mir eine lokal emissionsfreie Mobilität im Individualverkehr. Wir diskutieren nicht mehr darüber, welche Antriebstechnologie die nachhaltigste ist, sondern können alle Mobilitätsformen im Minimum lokal emissionsfrei betreiben. Der Individualverkehr ist elektrifiziert und die dafür benötigte Energie ist zu 100% erneuerbar. Die Vernetzung von Mobilität und Energie ist der neue Standard und die Fahrzeuge als intelligente Speicher und Netzstabilisatoren Teil des Systems. Autonom fahrende Shuttle bedienen flexibel unterschiedliche Bedürfnisse, sei es als Taxi oder als Lieferservice und machen den Verkehr effizienter und fliessender. Smart Mobility Hubs vernetzen Mobilitätsnachfrage mit Angeboten. Also gar nicht so futuristisch.

radical: Wie wahrscheinlich ist es, dass das tatsächlich passiert? Was braucht es an Unterstützung, zum Beispiel von der Politik?

Walthert: Die Herausforderung liegt in der Komplexität, welche durch das Zusammenspiel der vielen Akteure besteht, welche, um bei ihrem Beispiel zu bleiben, ein solches Quartierkonzept realisieren müssen. Technisch gesehen, haben wir bereits alle Voraussetzungen vorliegen. Die Politik sollte Lösungen fördern und incentivieren.

radical: Die AMAG als grösster Schweizer Auto-Importeur ist in vielen Bereichen aktiv tätig, selbstverständlich mit einer grossen Palette an E-Automobilen, aber auch Rent, Share, sogar Photo-Voltaik. Wie sehen Sie die Rolle der AMAG als grösster Auto-Importeur der Schweiz?

Walthert: Die AMAG ist ein Unternehmen mit einer langen Tradition, welche durch die verantwortungsvolle Führung der Familie Haefner heute Arbeitgeberin für rund 7600 Mitarbeitende sein darf. Davon über 800 Lernende. Ich denke die Rolle der AMAG sollte sein, diesen Weg fortzuführen und dabei die Zeichen der Zeit sorgfältig und verantwortungsvoll zu lesen und zu interpretieren. Der eingeschlagene Weg unter «Erneuerbare Mobilität» bestätigt dies eindrücklich und zeigt, dass die AMAG zwar auf Tradition und Werten aufbaut, aber nicht an Altem festhält, sondern im Gegenteil, sie treibt die grösste Transformation ihrer Geschichte voran.

radical: Das Tempo der neuen Entwicklungen bei den E-Automobilen, aber auch bei Strom-Speichern und den Produktionsmöglichkeiten für erneuerbare Energie verläuft rasant. Welche Entwicklungen erachten Sie als die wichtigsten? Kann ein global gesehen kleiner Player wie die AMAG dieses Tempo überhaupt mitgehen?

Walthert: Ich denke, wir gehen in der Schweiz nicht nur mit, sondern in vielen Bereichen auch voran. Schauen Sie das Beispiel der Zug Alliance an. Die von Ihnen angesprochenen Technologien entwickeln wir nicht selbst, sondern haben mit der Volkswagen AG einen starken Partner zur Seite. Mit Blick auf die Bedeutung und Relevanz einzelner Technologien sind Batterieentwicklung und Speichermöglichkeiten (inkl. Vehicle to home oder grid) unter Nachhaltigkeitsaspekten sicherlich hervorzuheben. Die Stärke der AMAG liegt in der Vernetzung dieser Vielzahl an Möglichkeiten und der Entwicklung neuer Mobilitätsangebote. Das wollen wir mit «erneuerbare Mobilität» vorantreiben.

radical: Die AMAG hat rund 7600 Mitarbeitende – was kann/darf man diesen als Arbeitgeber in Sachen Nachhaltigkeit, Umweltschutz weitergeben, beibringen? Gibt es entsprechende Programme?

Walthert: Uns ist wichtig, dass wir im Geschäftsalltag das notwendige Know-How vermitteln, welches es braucht, um fit für die Zukunft zu bleiben. Nachhaltigkeit ist einerseits Teil der Ausrichtung unseres Geschäftsmodells und andererseits möchten wir bei uns selbst mit gutem Beispiel voran gehen. Das unterstreichen wir beispielsweise mit unserer ambitionierten Klimastrategie. Unseren Fortschritt messen wir regelmässig und berichten transparent in unserem jährlich erscheinenden Nachhaltigkeitsbericht. Aber viel wichtiger sind die Geschichten, welche in den verschiedenen Business Units entwickelt und vorangetrieben werden. Wir versuchen diese in verschiedenen Formaten wie Learn@Lunches, zu portraitieren und so Inspiration zu schaffen und Erfahrungen zu teilen.

radical: Das Thema «Umweltschutz» hatte vor ein paar Jahren ein Hoch, derzeit scheinen andere Bereiche wichtiger in der politischen Agenda. Spüren Sie das auch? Wie lässt sich das wieder ändern? Sehen Sie da Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Mitarbeitenden?

Walthert: Ich habe keine Umfrage bei meinen Kolleginnen und Kollegen gemacht, aber ich würde das persönliche Interesse und Engagement für Nachhaltigkeit nicht am Alter aufhängen. Der Begriff Nachhaltigkeit wurde in der Vergangenheit zu inflationär verwendet. Ich benutze ihn selbst nicht gerne, obwohl das zugrunde gelegte Handlungsprinzip so richtig ist. Wir sollten dazu übergehen, nicht mehr isoliert von Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu sprechen. Im Endeffekt sollten wir unser Handlungsnarrativ anpassen und Wachstum, Innovation, Neue Business Modelle immer unter ökologischen Gesichtspunkten denken und entwickeln. Dann müssten wir keine künstliche Themenbewirtschaftung betreiben, sondern könnten uns mehr auf die Entwicklung von Lösungen fokussieren. Ich bin dankbar, dass die AMAG auf Kontinuität wert legt und wir von unseren Nachhaltigkeits- und Klimazielen nicht abrücken, auch wenn der Wind aktuell etwas rauer weht. Weniger Worte, mehr Taten und gute Beispiel, das hilft immer, wenn man für etwas begeistern möchte.

radical: Die AMAG verfügt über gewaltige Industrie-Flächen. Ein guter Teil wird auch für PV genutzt. Was kann ein Unternehmen noch machen, um noch «grüner» zu werden?

Walthert: Das kommt darauf an, wie man «grüner» definiert. Unter CO2-Aspekten hilft es, seine Wertschöpfungskette zu kennen, eine Treibhausgasbilanz zu erstellen und seinen Fussabruck zu messen. Will man das professionell machen, ist der Aufwand nicht unerheblich. Neben der Umstellung auf Energie aus erneuerbaren Quellen, kann man sich auch die Beleuchtung, den Wasserverbrauch, das Abfallmanagement anschauen. Oftmals sitzen die grössten Emissions-Treiber aber in der Lieferkette. Um an den Scope 3 Emissionen etwas zu ändern, braucht es eine Lieferketten-übergreifende Zusammenarbeit. Es hilft aber bereits sehr, wenn jeder seine eigenen Hausaufgaben macht und seine Scope 1 und 2 Emissionen reduziert. Wir haben mit der AMAG Import AG im vergangenen Dezember den ersten Branchenfahrplan für Karosserie und Lack erstellt. Branchenfahrpläne geben Orientierung, indem sie eine Art Check-Liste anbieten. Packt man diese an, auch ohne eine eigene THG-Bilanz zu erstellen, ist man sicherlich auf dem richtigen Weg.

radical: Die AMAG will bis 2040 Net Zero erreichen. Was bedeutet das genau – und wie soll das möglich werden?

Walthert: Korrekt die AMAG hat die Ambition, bis 2040 einen Netto-Null-Fussabdruck zu erreichen. Netto-Null-Ziel bedeutet, dass man als Organisation nicht mehr Treibhausgase ausstösst, als man durch natürliche oder technische Methoden wieder aus der Atmosphäre entfernen kann. Das Ziel ist es, die Menge der ausgestossenen Treibhausgase und die Menge der aufgenommenen Treibhausgase auszugleichen, sodass die Netto-Emissionen null sind. Da immer eine Restmenge von nicht zu reduzierenden Emissionen verbleiben wird, braucht es für diese verbleibenden Emissionen Lösungen für den Ausgleich. Aber der Fokus bei einem Netto-Ziel sollte auf der Reduktion der eigenen Massnahmen liegen. Im Zusammenhang mit Klimazielen wird oft die Science Based Target Initiative genannt. SBTi Ziele orientieren sich am Pariser Klimaabkommen. Dadurch wird sichergestellt, dass Zielsetzungen von einzelnen Unternehmen auf das globale CO2-Budget einzahlen. Sprich, dass sichergestellt ist, dass mein Klimaziel einen Beitrag zum 1.5 Grad Ziel leistet, also «streng» genug gesetzt ist. Die AMAG hat sich ein SBTi Near Term Target bis 2030 gesetzt. Konkret wollen wir bis 2030 50% unserer Scope 1 und 2 Emissionen reduzierten. In Bezug auf Scope 3 fangen wir bei unserer grössten Emissionskategorie an und wollen bis 2030 ebenfalls 50% Emissionen, welche durch den Verkauf von Fahrzeugen entstehen, reduzieren. Um dies zu erreichen, brauchen wir das Zusammenspiel von emissionsarmer Mobilität, allen voran Elektromobilität und erneuerbarer Energie, sprich alles, was wir mit erneuerbare Mobilität anpacken und erreichen wollen.

Dieses Interview wurde für die (bezahlte) Amag-Beilage «Erneuerbare Mobilität» in radical #3 erstellt. Mehr Strom haben wir bei: zero. Und alles andere im Archiv.

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