Anders als alle andern
(Schottischer Malt) Whisky, bestehend einzig aus Gerste und Wasser, ist – wie gewisse Weine – eines dieser unfassbaren Wunder in Flaschen. Eigentlich ist es ganz einfach (und deshalb sehr kompliziert): Gerste wird gemälzt, das daraus entstandene Grünmalz gedarrt (eines der Geheimnisse des Geschmacks von schottischem Whisky), dann entsteht die Maische, die dann mit Hilfe von Hefe in Gärung versetzt wird; es folgt schliesslich noch das Brennen. Und die Lagerung. Kann ja keine Hexerei sein, ist es aber doch, wie die unglaubliche, geschmackliche Vielfalt der verschiedenen Single Malts aufzeigt. Es sei hier jetzt nicht auf die einzelnen Regionen eingegangen. Das Feld ist zu gross, ein Überblick über die derzeit 148 produzierenden Destillerien in Schottland (Stand Ende 2024) fast unmöglich. Die grössten Hersteller sind Glenfiddich und Glenlivet, doch dominiert wird das Geschäft von den grossen Spirituosenproduzenten Bacardi, Pernod Ricard, Moët Hennessy Louis Vuitton, Suntory aus Japan, vor allem aber von Diageo. Die Engländer haben mehr als 30 schottische Destillerien in ihrem Portfolio.

Neben diesen grossen, fast schon industriellen Herstellern gibt es selbstverständlich viele kleinere, auch unabhängige Destillerien. Immer wieder versuchen Enthusiasten, alte Namen neu zu beleben, doch vielen dieser Investoren geht bald einmal das Geld aus (oder das Angebot von Diageo ist zu gut). Eines der berühmtesten Beispiele dafür ist Bruichladdich, eine ehemalige Brennerei auf der Insel Islay, die im Jahr 2000 wiederbelebt wurde und in kurzer Zeit grosse Erfolge feiern konnte. 2012 wurde sie verkauft an Rémy Cointrau, noch so einen grossen Namen im Schnapsgeschäft. Nicht, dass die Produkte von Bruichladdich seither nicht mehr trinkbar wären, aber es erfolgt halt nach solchen Übernahmen die Suche nach Synergien – was dann quasi immer in Gleichmacherei endet. Vielleicht blüht dieses Schicksal in 10, 20 Jahren den Thompson Brothers auch, wer weiss das schon, aber derzeit stellen sie die traditionelle Whisky-Welt gerade noch auf den Kopf.

Enthusiasmus, erzählt Simon Thompson, die Liebe zum Produkt sei immer schon sein Antrieb gewesen. Wir sitzen beim Gespräch in einem gut versteckten Keller im Dornoch Castle, in dem auch die seltensten Flaschen gelagert werden. Nächtelang habe er Fachliteratur gewälzt, mit alten Brennmeistern und sonstigen Kennern gesprochen, sei dafür durch das ganze Land gereist, habe auch viel, viel Whisky getrunken. Nun, das mag sicher stimmen, doch er und sein Bruder Phil haben dazu noch, wie soll man es nennen: einen Standortvorteil? Sie wuchsen in genau diesem Dornoch Castle auf, rund 60 Kilometer nördlich von Inverness. Und dieses Dornoch Castle ist seit einer Ewigkeit berühmt für die vielleicht beste Whisky-Bar der Welt, die Vorfahren der Bros. hatten über Jahrzehnte einen unglaublichen Fundus an Flaschen geäufnet. Es gibt dort auch Whisky aus längst untergangenen Brennereien, deren Namen man als Nicht-Schotte nicht einmal annähernd korrekt aussprechen kann. Der junge Simon nahm in ganz Grossbritannien an Versteigerungen und Abverkäufen teil, begann schon früh, eigene Fässer zur Seite zu schaffen. Die Thompson Brothers eröffneten zuerst eine kleine Abfüllerei für kleine Produzenten, kreierten dann bald einmal spezielle Blends – und schufen sich damit, auch dank der Bar im Dornoch Castle, schnell eine Basis für Freaks und Fans. 2016 gründeten die Thompson Bros. über Crowdfunding und dem Verkauf von Anteilen an Fässern die Dornoch Distillery. Sie schufen sich einen Gin, 2022 kamen dann die ersten eigenen Blends, SRV5 und TB/BSW, 2023 ihr erster Dornoch Single Malt Whisky. Selbstverständlich haben wir probiert.

Man ist sich in der Fachwelt einig: Hier passiert etwas Aussergewöhnliches. Simon erklärt das so: «Wir empfinden die modernen Whiskies als etwas langweilig. Natürlich ist die Alterung in all diesen unterschiedlichen Fässern, von Bourbon über Portwein bis hin zu französischen Grand Cru, ein spannender Prozess, viele Kunden lieben das, doch mit ursprünglichem Whisky hat das nicht mehr viel zu tun. Wir konzentrieren uns aber wieder darauf, nur erstklassige Gerste von kleinen Produzenten zu verwenden. Das beeinflusst den Charakter unserer Produkte viel mehr als noch ein bisschen Sherry-Noten hier, Muscat-Abgang da. Und wir bleiben in unseren Herstellungsmethoden ganz konservativ, sehr traditionell, wir machen Whisky, wie er früher einmal war». Und selbstverständlich machen sie hervorragendes Marketing, coole Etiketten, sehr rare Abfüllungen, der Dornoch Castle Whisky Club. Auch wichtig: Die Preise sind sehr anständig. Ihre eigenen Blends kosten um die 30 Pfund, ihre Abfüllung eines 33-jährigen Single Grain ist für etwas über 50 Pfund zu haben, genau wie ihr «Mystery Malt», von dem es jedes Jahr ein neues Produkt gibt, von dem sie nicht verraten, was genau drin ist, aber unter den Fans viel Neugier weckt und für grosse Diskussionen sorgt.

Aber das ist noch lange nicht alles: Die Thompson Bros. machen sich jetzt auch noch auf, die Industrie zu revolutionieren. Sie bauen südlich vom Dornoch Castle eine ganz neue, viel grössere Destillerie – die erste der Welt, die vollkommen CO2-frei sein will. Der Strom kommt über eine PV-Anlage, die so mächtig sein wird, dass sie auch noch das halbe Städtchen versorgen kann. Es wird eine eigene Mälzerei geben, eine moderne Abfüllanlage (danach besteht anscheinend grosser Bedarf, selbst die ganz grossen Hersteller müssen auslagern), ein riesiges Lager (das ist eigentlich der Tresor eines jeden Whiskyproduzenten). Die Fabrik ist nach neusten Standards entwickelt – bevor sie überhaupt fertig ist, gibt es schon Lizenzanfragen von anderen Herstellern. Für Simon ist das persönlich ein sehr wichtiges Projekt. Er liebt diese Verbindung von Tradition und Moderne, auch Nachhaltigkeit. Dann bestellt er sich noch ein Bier.

Dies ist noch eine Story aus radical#5. Ab der nächsten Print-Ausgabe von radical, Ende Januar 2026, wird es einen zweiten Bund geben, Essen und Trinken; unsere Serie aus der japanischen Küche geht dann nächste Woche weiter. Wir besuchten die Thompson Brothers auf Empfehlung von Reinhard von Loeven Sportwagentouren; ihn können wir auch empfehlen. Automobile haben wir im Archiv, reichlich.


Sehr geil! Ich liebe die beiden. Und wenn der Simon einmal zu reden beginnt, dann merkst du wie besessen er von seinem Thema ist: er kann den Rede- und Informationsfluss nämlich nur schwer stoppen. Phantastisch.
Im April wieder dort.