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Lancia Fulvia Coupé

Von Lampen und Elefanten

Es gibt da diese Unterscheidung zwischen Fanalone und Fanalino, grosse Scheinwerfer und kleine Scheinwerfer. Die erste Serie der Lancia Fulvia Coupé hatte die grossen Fernlichter innen, die zweite dann folglich die kleineren. Was einen grossen Unterschied macht, preislich, die erste Serie ist begehrter, aber optisch sind die Fanalino eigentlich hübscher. Doch das wirklich grobe Zeug gab es halt nur in der ersten Serie, Alu-Hütte, die bösen Motoren, denn mit den frühen Fanalone wurde auch noch ernsthaft Motorsport betrieben, später hatte Lancia dann noch deutlich heissere Eisen im Feuer, ja, Stratos!

Aber beginnen wir weiter vorne, 1963 stellte Lancia die Fulvia vor. Da reibt man sich zuerst einmal die Augen, die Berlina (oben) war doch eher gewöhnungsbedürftig, optisch, das wahre Drei-Volumen-Auto, voll die Kante, ein Schuhkarton auf Rädern, wie damals geschrieben wurde. Technisch war der Lancia aber vom Feinsten, Frontantrieb, Einzelradaufhängung (zumindest vorne), Scheibenbremsen rundum. Die Antriebseinheit samt doppelten Querlenkern und Querblattfedern ruhte auf einem Hilfsrahmen, der sich als Einheit demontieren liess; hinten gab es aber nur eine Starrachse. Der Motor war ein V4 mit dem besonders engen Zylinderwinkel von 13 Grad, was es möglich machte, die beiden Zylinderreihen unter einem Zylinderkopf zu vereinen. Zwei obenliegende Nockenwellen, wobei die eine nur die Einlass-, die andere die Auslassventile steuerte; 58 PS waren aber für 1,1 Liter Hubraum eine eher magere Ausbeute. Ab 1966 gab es dann für die Berlina Solex-Doppelvergaser für 71 PS, später 1,3 Liter Hubraum und 87 PS.

1965 kam dann im Frühling das Coupé dazu (und im Herbst auch noch der Sport von Zagato). Man glaubt es kaum, doch der Zweitürer stammte aus der gleichen Feder wie die Berlina, Pietro Castagnero aus dem hauseigenen Centro Stile. Die Bodengruppe wurde um 15 Zentimeter auf 2,33 Meter Radstand verkürzt, man verbaut Alu an den Türen und Hauben, es gab zuerst 1,2 Liter Hubraum und 80 PS, dann 1,3 Liter Hubraum und 90 PS, damit gingen dann auch 170 km/h auf der Autostrada. Anfang 1966 kam dann der erste HF*, 1216 cm3 Hubraum, 88 PS, nach einer Diät noch 825 Kilo schwer, ein Jahr später der 1.3 HF mit nun 1298 cm3 Hubraum und schon 101 PS. Damit begann dann auch die Rallye-Karriere des Coupé. Die mit dem Ende 1968 vorgestellten 1.6 HF so richtig Fahrt aufnahm. Sein Motor mit der Bezeichnung «540» hatte nun einen Zylinderwinkel von noch 11 Grad, kam mit 1584 cm3 Hubraum, einem Verdichtungsverhältnis von 10,5:1, 40-Millimeter-Solex-Vergasern und 114 PS. Mehr noch? Klar, «1016», schärfere Nockenwelle, 45-Millimeter-Solex-Vergaser, eine Verdichtung von 11,3:1, damit 132 PS bei 6600/min. Fünfgang-Getriebe, grosse Scheinwerfer, also Fanalone.

Die grosse Rallye-Karriere der Fulvia rollte relativ langsam an. Zwar kam eine Fulvia schon 1965 bei der Tour de Corse auf den 8. Rang, zwar gewannen die kleinen Lancia die italienische Rallye-Meisterschaft durchgehend von 1965 bis 1973 (mit Ausnahme von 1970), doch erst 1972 kamen mit den Siegen von Munari/Mannucci (Monte Carlo), Lampinen/Andreasson (Marokko) und Ballestrieri/Bernacchini (San Remo) die grossen internationalen Erfolge; am Ende der Saison holte sich Lancia die erste Konstrukteurs-Weltmeisterschaft. Dies dann aber schon mit der Mitte 1970 eingeführten zweiten Generation des Coupé, kleine Lampen, also Fanalino. Zwischen 1963 und Anfang 1976 wurden 188’637 Berlina gebaut (zwei Serien, bis 1972), dazu 139’797 Coupé (drei Serien, bis 1976) und 7102 Sport (zwei Serien, bis 1972).

* HF steht für High Fidelity, also in etwa grosse Treue. Das Programm samt Logo wurde 1960 auf dem Genfer Auto Salon eingeführt, Mitglied konnten nur Kunden werden, die schon mindestens sechs neue Lancia gekauft haben. 1963 gründete dann Cesare Fiorio zusammen mit einigen Rennfahrern die «HF Squadra Corse», da kamen dann noch die Elefäntchen dazu, die für «nie aufgeben» stehen sollen. Die Legende erzählt aber auch, dass der Elefant schon 1953 erstmals im Umfeld von Lancia auftauchte. Angeblich verwendete Gianni Lancia (1924-2014), Sohn von Firmengründer Vincenzo Lancia (1881-1937) und zu dieser Zeit Geschäftsführer des Unternehmens, einen Elefanten als Glücksbringer. Ausschlaggebend für diese Wahl soll der Gedanke gewesen sein, dass Elefanten nicht zu stoppen sind, wenn sie erst einmal in Bewegung sind. In der orientalischen Mythologie gilt der Elefant darüber hinaus als Symbol des Sieges, sofern er mit ausgestrecktem Rüssel dargestellt wird. Lancia verwendete dieses Maskottchen zunächst in Blau, später in Rot.

Mehr spannende Klassiker haben wir in unserem Archiv., Es gibt auch eine Zusammenfassung all unserer Lancia-Geschichten.

4 Kommentare

  1. Ernst Marquart Ernst Marquart

    Meine Hochachtung für diesen ausgezeichneten Bericht. Auch als selbsternannter Fulvia-Spezialist (Eigentümer einer 1,3 HF) kann ich mich sehr bedanken.

  2. Rolf Rolf

    Ich erinnere mich gut an das Coupé, man sah es damals gar nicht so selten.
    Auf mich wirkte es mit dem „etwas dicken“ Gesicht, dem filigranen Heck und dem noch zarteren Dachaufbau immer sehr fein und edel.
    Ganz anders als die ebenfalls wunderbaren Alfas, die eher sportlich daher kamen.

  3. Muha Muha

    Welch Freude, ein Bericht über die Fulvia Coupé zu lesen! Ich hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben… Als Besitzer einer 1300er, 2.Serie kann ich nur sagen: ein wunderbar zu fahrendes Fahrzeug.

  4. Christian Christian

    Zur Fulvietta muss ich jetz auch noch ein paar Zeilen schreiben, denn dieses Auto begleitet mich seit meiner Kindheit.
    Ein Schulfreund meiner Oma hatte 1975/76 sich einen roten 1.6 HF gekauft. Die Motorhaube und der Kofferraumdeckel waren mattschwarz lackiert, die Stoßstangen waren abmontiert dafür aber die Gummilappen an den Radhäusern angebracht. Vorne gabs zusätzliche (Nebel)Scheinwerfer und unter dem Motor einen gelb lackierten Ölwannenschutz so wie bei zeitgenössischen Alfa`s. Selbstredend, dass der Wagen auf Breitreifen (damals ,-)) und Campagnolo-Leichtmetallfelgen stand. Der Besitzer, damals schon fast 70 Jahre alt, passte genau zu seinem Auto(Typ distinguierte Herr, Ingeniere). Seine Frau war etwas ängstlich und benutze den Haltegriff auf der Beifahrerseite ausgiebig. Am Sonntag, wenn Formel 1 war, besuchte er meine Oma und beide gaben sich Formel 1 á la Italiana mit drei Kommentatoren, die praktisch ständig durcheinanderquatschten. Seine Frau ging derweil spazieren, sie konnte sich „Das“ nicht ansehen. Es war zuviel für Ihr Nervenkostüm – reichte schon ihr Mann mit der Fulvia. Nach dem Rennen gabs noch was zu trinken und zu essen, Verabschiedungsbussiorgie und endlich, röhrte er mit dem Fulvia davon. Ja, der 1.6er hat Haare auf der Brust.
    Jahrzehnte später „verliebt“ sich mein Mechanikerkumpel, der ja eine eigene Werkstatt führt, in die Fulvia – so eine, und sonst keine. Auf der Suche war ich ihm behilflich, wir fuhren bis nach Italien und fanden dann einen 1. Serie mit ASI-Papieren bei uns in Deutschland! Nur ein Querlenker an der Vorderachse war ausgeschlagen und die Reifen halt Originalauslieferung 1967 – Also praktisch Steine! Aber, gesehen, probegefahren und gekauft. Wir nehmen mit diesem Auto jedes Jahr an einer Oldtimerallye teil, den dafür eignet sich die Fulvietta wegen der Übersichtlichkeit und Leichtigkeit perfekt. Das Auo ist eine Augenweide, dunkelgrün mit hellbraunen (Kunst)ledersitzen, Holzarmaturenbrett und Holzlenkrad und graumellierten Teppichen. Die Felgen sind beige lackiert und haben Edelstahlradkappen. Die Reifendimension ist für heutige Umstände ein Witz, aber bei 950kg Leergewicht fährt man mit dem Auto schon flott. Gut, Autostrada ist jetzt nicht so toll, aber früher waren die Fahrer solcher Autos wohl aus einem anderen Holz geschnitzt. Aber wir haben immer Spass mit der Fulvia und man spürt wirklich wie toll das damals alles gebaut wurde. Alleine aus dem Material des Metallaschenbechers bauen die heute ganze Motoren.
    Das einzige ganz große Problem dieses Autos ist, wenn die Aufnahmen des vorderen Hilfsrahmens durch- oder verrostet sind. Dann kann man es nicht mehr retten.
    Die restliche Technik ist anspruchsvoll, aber es ist machbar.
    Es ist zwar traurig, dass es Lancia nicht mehr gibt, aber wenn ich an den Fulvia denke und dann an die umgelabelten-irgendwas-Lancia der letzten Jahre, dann ist es wohl besser so. Solche Autos bauen die und auch andere Hersteller nicht mehr. Das Knoq-how ist weg und den Mut, so ein Auto zu bauen und auch noch im Motorsport einzuetzen hat heute keine Firma mehr.

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