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Fahrbericht Skoda 100 L

Die Leichtigkeit des Seins

Zuerst war da Pech. Dann kam auch noch Unglück dazu. Und als der damals noch tschechoslowakische «Volkswagen» dann endlich auf dem Markt war, da war er eigentlich schon wieder veraltet. Skoda, damals noch AZNP, hätte gern schon kurz nach dem 2. Weltkrieg mit der Entwicklung begonnen, doch es herrschte Mangel allerorten, also gab es vorerst einmal Spartak und Octavia. Erst 1956 konnte dann das Pflichtenheft geschrieben werden, ab 1957 entstanden erste Prototypen. Weshalb man sich für das Projekt 977 mit Heckmotor und Heckantrieb entschied, das liegt etwas im Dunkeln; es gab damals schon modernere Interpretationen, auch mit Frontmotor und Frontantrieb. Als der 1000 MB (für Mlada Boleslav) dann 1964 in einem eigens dafür gebauten Werk endlich in Produktion ging, da war er seiner Zeit sicher nicht mehr voraus.

Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Der Skoda 1000 MB und all seine Nachfolger waren sehr gute Automobile. Nicht bloss im Vergleich zu anderen osteuropäischen Produkten. Selbsttragende Karosserie, Einzelradaufhängung vorne an ungleich langen, doppelten Querlenkern mit Schraubenfedern und einem Querstabilisator, ein komplett neu entwickelter Vierzylinder mit über Kipphebel betätigten, hängenden Ventilen, seitlicher Nockenwelle, nur dreifach gelagerter Kurbelwelle. Die Leistung des 1-Liter-Motors wurde anfangs mit 42-SAE-PS angegeben; die Version mit zwei Jikov-Vergasern kam auf 46 echte PS. Und später gab es auch noch 1,1 Liter Hubraum. Der Motor war um 30 Grad geneigt hinter der Hinterachse eingebaut, links daneben lag der Wasserkühler, dessen Wirkung sich über eine Kühlerjalousie aus dem Wageninnern regulieren liess.

Der Fünfjahresplan sah vor, täglich 600 Stück zu produzieren. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten wurde das auch erreicht und sogar übertroffen, schon 1973 konnte das einmillionste Exemplar ausgeliefert werden. Die Skoda 1000 MB (und ab 1969 100/110) wurden auch fleissig exportiert, weit über 100’000 Stück gingen in die DDR; dort war er günstiger als der technisch unterlegene Wartburg, also so etwas wie ein Traumauto. Auch in die Schweiz kamen einzelne Exemplare, Anfang der 70er Jahre war A.P. Glättli in Dietlikon der Importeur und bot die Basisversion für 6550 Franken an; ein Käfer 1200 kostete 6320 Franken.

Unser Exemplar ist eigentlich ein ganz braver Skoda 100 aus dem Jahr 1970, die mit Abstand am häufigsten gebaute Variante. Man nahm damals, was man kriegen konnte – technische und optische Verbesserungen konnte man ja auch später noch anbringen. Und das tat der erste Besitzer dann auch, so ganz genau lassen sich die einzelnen Tuning-Massnahmen nicht mehr nachverfolgen. Was man aber weiss: es ist eines der ganz wenigen ungeschweissten Exemplare, Rostfrass war eines der grössten Probleme dieser Fahrzeuge.

Der Vierzylinder knurrt schön, als wir ihn den Berg hochtreiben; ja, da sind sicher deutlich mehr als die offiziellen 48 Pferde an der Arbeit. Es sind aber auch nur knapp über 800 Kilo zu bewegen. Die Wege durch das Viergang-Getriebe sind lang und nicht wirklich gut definiert, doch daran gewöhnt man sich schnell. Es bremst auch sehr anständig, die bei den 100/110 eingeführten Dunlop-Scheibenbremsen stellten einen erheblichen Fortschritt gegenüber den Trommelbremsen dar, die in den ersten Modellen verbaut waren. Die (nicht originalen) Sportsitze bieten auch anständigen Seitenhalt, das ist auch nötig, denn der Skoda neigt sich bei flotter Fahrt schon stark zur Seite.

Überhaupt ist das Fahrverhalten nicht ganz unproblematisch. Was irgendwie verständlich ist, Heckmotor, Heckantrieb, Pendelachse hinten. Und so setzt dann das Heck bei unserer kurzen Ausfahrt mehr als einmal zum Überholen an, ohne grosse Vorankündigung. Das lässt sich mit Gegensteuer relativ einfach korrigieren, übermotorisiert ist der Skoda ja nicht, das alles spielt sich in Geschwindigkeitsbereichen ab, die man mit modernen Fahrzeugen im Parkhaus erreicht. Aber man muss als Pilot schon alert sein, sonst kann das auch schiefgehen; wir lieben das ja, wenn nicht alles elektronisch geregelt wird, man selber noch Einfluss auf das Fahrverhalten des Gefährts nehmen darf.

So gesehen bringt der über 50 Jahre alte Skoda also ein sehr erfreuliches Mass an Fahrspass – und zeigt wieder einmal auf, dass man auch mit günstigen Klassikern fast mehr Freud‘ am Fahren hat als mit modernen Geschossen. Sie sind allerdings sehr selten zu finden hierzulande, diese tschechoslowakischen «Volkswagen», die einst tatsächlich eine ganze Nation motorisierten. Und dort heute noch geliebt werden. Filmstar war der Skoda übrigens auch: In der Verfilmung des Bestsellers «Die Leichtigkeit des Seins» von Milan Kundera spielt er die automobile Hauptrolle.

Technische Daten: Skoda 100 L (1970)

4-Zylinder-Reihenmotor, 988 cm3, 35 kW/48 PS bei 4750/min, 73,5 Nm bei 3000/min, Verdichtung 8,3:1, Jikov-Vergaser, manuelles 4-Gang-Getriebe, Heckantrieb, Verbrauch ca. 6,8 l/100 km, 0-100 m/h ca. 24 s, Spitze 125 km/h, L/B/H 4155/1620/1380 mm, Radstand 2400 mm, Kofferraumvolumen (gesamt) 370 l, Leergewicht 805 kg.

Preis 6950 Franken (1970, Basismodell 6550 Franken)

Mehr interessante Klassiker haben wir in unserem Archiv. Aber es gibt auch Skoda, die uns nicht so begeistern, hier.

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