Zurück zum Content

Tatra T77

Liebesgeschichte

Es gibt Geschichten, die sind fast zu schön, um wahr zu sein. Hier ist dies gleich doppelt der Fall: Es geht einerseits um den famosen Tatra T77, eines der grossartigsten Fahrzeuge der Vorkriegsjahre. Und andererseits um Andy Simo, der genau dieses Exemplar, das wir hier zeigen, ohne Rücksicht auf die Kosten komplett renoviert hat.

Mr. Simo erblickte das Licht der Welt kurz vor dem 2. Weltkrieg in Bratislava. Nach dem Krieg durfte er einmal in einem Tatra T77 mitfahren – und das prägte sein Leben. Seine Familie wanderte 1948 in die USA aus, er studierte Luftfahrt-Technik, arbeitete für Boeing, Lockheed und an der Mondrakete Saturn V. Simo war auch ein begeisterter Bogenschütze – und seine Firma New Archery Products gehört zu den Marktleadern, weltweit. So ganz nebenbei sammelte Andy Simo auch noch klassische Automobile; sein Traum war schon immer, einen Tatra T77 zu besitzen. Bloss: die waren halt sehr selten (es gibt heute wahrscheinlich noch fünf Exemplare, die strassentauglich sind). 2007 konnte er dann endlich eine T77-Ruine kaufen – und liess sie dann restaurieren. Die Geschichte dazu gibt es unter: million-dollar-tatra.com. Der Titel sagt ja schon alles, doch es gibt dort auch wunderbare Bilder vom Wiederaufbau des Fahrzeugs.

Und dann ist da halt noch das Automobil selber, der Tatra T77. Was Hans Ledwinka und Erich Übelacker da ab 1931 konstruierten und dann 1934 präsentieren konnten, war wohl eines der wichtigsten und aussergewöhnlichsten Fahrzeuge vor dem 2. Weltkrieg. Nach dem Rumpler-Tropfenwagen (1921) war der Tatra das zweite Fahrzeug, von dem ein Modell im Windkanal getestet wurde – und sein Luftwiderstandsbeiwert von 0,38 war für die damalige Zeit sensationell. Die Form entstand nach Vorgaben von Paul Jaray. Aber auch die Konstruktion des Fahrzeugs war speziell, es gab das für Tatra typische Y-Zentralrohr, doch der Wagenboden war fast glatt und der Innenraum folglich riesig (in etwa vergleichbar mit heutigen E-Automobilen). Die vertikale hintere Heckflosse, an der die T77 zu erkennen sind, brachte nicht wirklich viel, abgesehen von etwas mehr Seitenwind-Stabilität bei höheren Geschwindigkeiten.

Angetrieben wurde der Tatra von einem komplett neu entwickelten, luftgekühlten 3-Liter-V8 mit obenliegenden Nockenwellen, der im Heck eingebaut wurde und in einer ersten Version auf 60 PS bei 3500/min kam. Das Motorgehäuse bestand (wie das Getriebegehäuse) aus einer Magnesiumlegierung, die Kraft wurde über ein teilsynchronisiertes 4-Gang-Getriebe an die Hinterräder übertragen. Es gab Einzelradaufhängung rundum, vorne an doppelten Dreieckquerlenkern, hinten an einer Pendelachse mit Querblattfedern; verlangsamt wurde über hydraulisch betätigte Trommelbremsen. Das war auch nötige, der 5,13 Meter lange und 1,7 Tonnen schwere Tatra war bis zu 145 km/h schnell. Es entstanden je nach Angaben zwischen 101 und 106 Exemplare des T77; es folgten dann der T77A und der T87 (grossartig!).

Dieser aussergewöhnliche Tatra wird vom RM Sotheby’s Anfang März auf Amelia Island versteigert (Andy Simo verstarb schon 2017, seine Familie liess die Restauration aber fertigstellen). Wir haben weitere schöne Klassiker in unserem Archiv.

Gib als erster einen Kommentar ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.