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Fahrbericht Maserati 3500 GT

Der Wohlfühl-Faktor

Es ist schon eine Weile her, da durften wir schon einmal einen Maserati 3500 GT fahren, allerdings einen Spyder von Vignale. Das war damals keine Freud’, es schüttete aus Kübeln, der Beifahrer/Besitzer war sanft paraoid, die uralten Reifen brachten all die Nachteile des Maserati, hintere Starrachse, miserable Bremsen, im Quadrat ans Tageslicht und auf die Strasse. Wir empfanden die Ausfahrt damals trotzdem als grossartig, denn ältere Maserati sind über jeden Zweifel erhaben; wir fuhren ja dann auch noch Ghibli, ebenfalls im Regen. Nun scheint aber die Sonne, als wir den Schlüssel zu diesem 61er Maserati 3500 GT in die Hand gedrückt erhalten.

Doch schauen wir zuerst zurück: Maserati, gegründet 1914 in Bologna, war 1937 vom Industriellen Adolfo Orsi verkauft worden. Orsi verlegte den Sitz nach Modena, konnte mit den Maserati zwar Rennerfolge erzielen, doch wirtschaftlich lief es bis Anfang der 60er Jahre gar nicht gut. Mit dem A6 und all seinen vielen Derivaten, die ab 1947 produziert wurden, boten die Italiener zwar auch ein strassentaugliches Modell an, doch erst als 1957 auf dem Genfer Salon der Maserati 3500 GT vorgestellt wurden, entwickelten sich die Verkaufszahlen in eine Richtung, die eine Serienfertigung und auch einen finanziellen Erfolg möglich machten. Selbstverständlich hatte Maserati zum Nachbarn nach Maranello geschaut, wo der Gran Turismo Ferrari 250 GT durch die Decke ging. Einen anständigen Motor hatte man auch in Modena, der 3,5-Liter-Reihensechszylinder aus dem Rennwagen 350S konnte relativ einfach angepasst werden. Die etwa 220 PS bei den ersten Versionen, die über drei Doppelvergaser von Weber mit Gemisch versorgt wurden, sorgten für gute Fahrleistungen, obwohl der Maserati mit seinen 1,4 Tonnen kein Leichtgewicht war. Geschaltet wurde zu Beginn über vier Gänge, ab 1961 gab es dann ein 5-Gang-Getriebe von ZF.

Der 3500 GT stand auf einem klassischen Rohrrahmen. Die Vorderräder war einzeln an Doppelquerlenkern aufgehängt und wurden über Schraubenfedern gefedert. Hinten gab es eine Starrachse, die Maserati bei Salisbury Wheels in England einkaufte – es war dies der grösste Kritikpunkt am 3500 GT neben den anfangs verwendeten Trommelbremsen von Girling. Ab 1960 gab es dann Scheibenbremsen vorne. Im Vergleich zum Ferrari 250 GT Coupé war der Maserati eher komfortabel ausgelegt. Allseits gelobt wurde dagegen das Design. Auf dem Genfer Salon von 1957 standen noch zwei Aufbauten zur Auswahl, eine von Allemano, eine zweite von Touring, die dann auch für die Serienproduktion übernommen wurde. Touring sollte dann auch das Cabriolet bauen, doch der Entwurf wirkte relativ plump, also ging der Auftrag an Vignale, wo Giovanni Michelotti ein hübsches Modell mit elegantem Hüftschwung entworfen hatte.

Bis 1964 entstanden inklusive dem ab 1962 gebauten 3500 GTI mit Saugrohreinspritzung doch 1972 Exemplare mit der Touring-Coupé-Karosserie. Dazu kamen noch 245 Vignale-Spider und einige wenige Einzelstück anderer italienischer Meisterschneider. Während die Cabriolets richtig teuer sind, verbleiben die Coupé im einem vernünftigen Preisrahmen. Das hier gezeigte Fahrzeug, Chassis-Nummer AM101-1634, wird am 29. Dezember 2023 von der Oldtimer Galerie Toffen versteigert, dies bei einem Schätzpreis von 175’000 bis 195’000 Franken.

Angeboten wird das Fahrzeug mit folgender Beschreibung: «Der Maserati wurde er am 16. Mai 1961 an Martinelli & Sonvico in Chiasso geliefert und am 22. Juni des Jahres erstmals zugelassen. Gemäss den vorhandenen Informationen wurde das Coupé 1976 vom letzten eingetragenen Halter aus Zweitbesitz übernommen. Mitte der 80er Jahre beschloss dieser, den Maserati nicht mehr zu nutzen und parkierte ihn in seiner Garage. 2008 entschloss er sich, den Wagen wieder in Betrieb zu nehmen und investierte während 17 Monaten über 500 Arbeitsstunden in die Aufbereitung. Unter anderem wurden die Benzinpumpen revidiert, der Tank gereinigt, sämtliche Schläuche ersetzt, die Bremsen revidiert eine Edelstahl-Auspuffanlage sowie 5 neue Reifen montiert. Nach der Fertigstellung wurde der Grand Tourismo, mit damals 60‘000 Kilometern auf der Uhr, im Juni 2009 wieder zugelassen. Die folgenden 10 Jahre wurde der italienische Sportler nur noch rund 9‘000 Kilometer bewegt und im Oktober 2019 schliesslich abgemeldet. Die Karosserie in ihrer Originalfarbe «Blu Sera» befindet sich grösstenteils im Erstlack und ist in gutem Zustand. Das rote Lederinterieur befindet sich in sehr gepflegtem Originalzustand. Der 6-Zylinder mit Doppelzündung und drei Weber Doppelvergasern läuft einwandfrei und das Getriebe schaltet sich gut. Aufgrund der längeren Standzeit sollte sicherlich ein Service eingeplant werden. Die letzte MFK als Veteranenfahrzeug erfolgte im April 2016».

Nun, von der längeren Standzeit merkt man irgendwie nichts. Der Maserati 3500 GT springt problemlos an, trotz eisiger Kälte, er kommt schon bald einmal in einen ruhigen Leerlauf, er brabbelt dann fast schon gemütlich vor sich hin. Die Gänge gehen eher streng, die Lenkung ist ebenso, aber das passt schon, wir fahren hier ja nicht MQB, sondern einen mehr als 60-jährigen Maserati. Das merkt man unter anderem an den Sitzen, Seitenhalt schien damals noch ein Fremdwort, genau wie Ergonomie, die Schalter sind wild verstreut, genau wie die Armaturen, weder Tacho noch Drehzahlmesser liegen anständig im Blickfeld. Dafür ist das Leder rot, das allein macht uns schon glücklich. Und der 3,5-Liter-Reihensechser macht Geräusche, die einfach nur glücklich machen, ein sonores Brummen bei tiefen Drehzahlen, ein immer noch sonores Brummen bei höheren Drehzahlen, dann aber in einem kräftigen Bariton, der sich einfach nur wohlig anfühlt. Das Öl ist längst warm, die Gänge gehen über lange Wege besser rein, die Lenkung bleibt streng, aber an einem dünnen Holzlenkrad dreht es sich einfach besser als an diesen feisten Kunstlederdingens, die heute Mode sind. Auch wenn wir viel flotter unterwegs sind als einst mit dem Vignale-Spyder, von Schwächen der Starrachse oder der Bremsen merken wir jetzt nichts; so flott sind wir dann auch nicht unterwegs.

Selbstverständlich watscht heute jedes zweite kompakte SUV den Maserati 3500 GT ab am Rotlicht. Und am Berg erst recht. Dafür sieht man am Berg und am Rotlicht und ganz besonders auf der Landstrasse einfach besser aus im Italiener. Aber so viel besser. Die Touring-Karosserie ist so etwas wie der Inbegriff des wahren Gran Turismo, lange Haube, langes Heck, kurzes Greenhouse – einst, da wussten die Designer noch, was Harmonie und goldener Schnitt und klare Linien bedeuteten, «Seife» musste nicht sein, Charakter schon. Er riecht gut, der Maserati, er tönt gut, der 3500 GT, er fährt sich mit jener Souveränität, die wir auch anderen Verkehrsteilnehmern wünschen würden. Er ist eines jener ganz wenigen Automobile mit dem Wohlfühl-Faktor des Wissens, dass man alles richtig gemacht hat, wenn man ein solches Fahrzeug besitzt.

Und zu Preis sei nun auch einmal John Ruskin (1819-1900, britischer Sozialphilosoph, Schriftsteller, Maler und Kunsthistoriker) zitiert: «Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen kann und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Menschen. Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann. Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas besseres zu bezahlen». Oder so.

Mehr spannende Fahrzeuge haben wir in unserem Archiv.

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