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Herbert «Stumpen-Herbie» Müller

«…alles zu langsam!»

Er war einer der ganz grossen Allrounder, zweifacher Targa-Florio-Sieger, zweimaliger Berg-Europameister, 13-maliger Le-Mans-Teilnehmer samt zwei zweiten Gesamträngen. Der Schweizer Rennfahrer Herbert Müller, der sich selbst als einen «professionellen Amateur» bezeichnete, hat in seiner über 20-jährigen Motorsportkarriere so gut wie alles gefahren, was schnell und gut war – von Motorrädern über Monoposti der Formel 3 bis hin zu einem Einsatz in der Königsklasse Formel 1, vor allem aber Sportwagen.

1940 in Menziken AG geboren, absolvierte Müller zunächst eine Lehre als Galvaniseur im elterlichen Betrieb. Bereits mit 20 Jahren machte er die ersten ernstzunehmenden Erfahrungen auf motorsportlichem Parkett und sammelte auch gleich respektable Erfolge. Schnell machte er sich einen Namen und war bald Stammgast in den Cockpits der grossen Manufakturen von Ferrari über Matra bis Porsche. Auf einem Carrera 6 gelang ihm 1966 ein sensationeller Sieg im weltberühmten Langstreckenrennen Targa Florio auf Sizilien, was er ein paar Jahre später mit Bravour wiederholte. Unter anderem fuhr er auch den mehr als 1000 PS starken Porsche 917/30 in der spektakulären Interserie von Sieg zu Sieg.

Doch es sind nicht nur die legendären Siege, die den kleinen Mann so gross machten. Sein Sohn Daniel, wie sein Vater mit einem flotten Mundwerk gesegnet, ein begnadeter Geschichtenerzähler und auch ein erfolgreicher Rennfahrer, heute unter anderem fröhlicher Wirt im Restaurant Forellensee in Zweisimmen BE, erinnert sich an Porsche-Testfahrten in Le Castellet (F): «Der Streckenteil direkt vor der berüchtigten Signes war frühmorgens noch gefroren. Herbie bat um einen Kanister Benzin, fuhr an besagte Stelle, entzündete ein Feuer und gut war. Die Testfahrten konnten ohne grös­sere Wartezeiten losgehen. Um die Mittagszeit begannen sich Hunger und vor allem Durst breitzumachen, inzwischen brannte die Sonne unerbittlich auf den Asphalt vor den Boxen. Catering? Fehlanzeige. Also organisierte Herbert für die Porsche-Rennmechaniker im nahegelegenen Dorf Le Beausset bei der Boucherie da Silva Aufschnitt, Trockenwurst und weiss ich, was alles, gegenüber Käse à gogo und bei der Boulangerie haufenweise Baguette. So, und nun? Eile war angesagt, schliesslich hatten da flinke Rennmechaniker Hunger. Also gings im Eiltempo die gewundenen 9.9 Kilometer hoch, direkt zurück in die Boxenanlage. Kein Problem? Doch! Ich musste all das Futter auf dem Beifahrersitz irgendwie bändigen, denn nicht nur die Baguettes entwickelten eine erstaunliche Eigendynamik, ungenannte Kräfte – Fliehkräfte! Dann unter Applaus aufdecken! Und als sich der Kopf der Teamverantwortlichen hinters Buffet machen wollte – mir ist der Name längst entfallen – hat ihn Herbert mit den Worten gebeten: ‹Bitte hinten anstehen, ich weiss nicht, obs für alle reicht!› Das hat mir echten Respekt abgerungen, für Herbert einerseits und die Handwerker andererseits, und ist mir bis heute eine grossartige Lehre geblieben – Respekt fürs Handwerk. Von jenem Moment an waren wir eine grosse Familie an einer Tafel! Dieses Prozedere mit Einkauf-Buffetaufbau-Lunch hat sich fünf Tage lang wiederholt, herrlich.»

Auch schön ist folgende Anekdote von der Heimfahrt vom Nürburgring am 24. September 1972: «Wir erhielten einen Anruf von der Uniklinik Köln mit dem Bescheid, Herbert erwarte, von uns abgeholt zu werden. Marianne sollte ihm auf dem Heimweg die schweren Verbrennungen in Gesicht und an Händen mit pflegenden Salben feucht halten und zum Schutz vor Verunreinigungen und zum Aufsaugen des Brandwassers Gaze auflegen. Sein italo-kanadischer Rennmechaniker und Ferrari-Motorenspezialist Luciano Vidotti sollte uns mit Herbies grüner BMW-2800-Limousine nach Hause fahren, immerhin 620 Kilometer, grösstenteils Autobahnkilometer. Soweit war der Plan ganz okay. Als wir ins Spitalzimmer kamen, lag Herbert noch im Bett, war erwartungsgemäss einbandagiert. Aber zu unserem Schreck war sein Gesicht vom Cortison dick aufgebläht wie ein Luftballon. Die Ärzte erklärten uns, dass diese Hautstraffung erwünscht sei, damit das Gewebe nach Verheilung dehnbar bleibe. Auch klar.

Dann gab es noch Einweisungen zur Reise. Herbert Müller brauche Ruhe und solle keinesfalls länger als zwei Stunden am Stück aufrecht sitzen, und die Gaze müsse unbedingt alle halbe Stunde ausgetauscht werden. Dann gings zum Auto und – direkt in die Kölner Fernsehstudios beim Dom. Dort angekommen schnurstracks in einen Schnitt­raum, wo wir wieder und wieder die Unfallszene auf einem winzigen Monitor betrachteten. Herbert blinzelte, konnte kaum etwas sehen. Aber es genügte, um zu wissen, was passiert war – und dass der Unfall aufgrund eines Fehlers des neben ihm gestarteten McLaren-Piloten verursacht worden war. Dieser war beim Einbiegen auf die Start-Ziel-Gerade zu früh ans Gas gegangen. Auch erledigt.
Nach gefühlten zwei Stunden ging die eigentliche Reise in Richtung Heimat erst los. Luciano fuhr los, Marianne sass vorne rechts, Herbert hinten links und ich rechts neben ihm. Unter seinen einbandagierten Händen sollte ich den dick zusammengerollten Reportermantel platzieren und darauf achten, dass Herbert seine Ellenbogen darauf abstützen kann, um die Hände möglichst über Herzhöhe halten zu können. Abfahrt Köln Zentrum spätmittags. Marianne lehnte sich alle paar Minuten nach hinten und erfragte Herbies Zustand, die Gaze zu ersetzen war gestrichen.

Nach einer gefühlten weiteren vollen Stunde auf der Autobahn ertönte Herberts dünne Stimme, er bat uns, die nächste Raststätte aufzusuchen. Wir hatten kaum 100 Kilometer hinter uns gebracht. Ich dachte mir, dass wir nun nachtessen gehen und Sprit fassen würden. Luciano hielt bei einer Autobahnraststätte an und stieg aus, es war am Eindunkeln. Marianne tat es ihm gleich und beeilte sich, Herbert die Fondtüre hinten links zu öffnen, während ich die Rolle vorsichtig unter Herberts Ellenbogen wegziehen sollte.

Nun stieg Herbert aus, ging vor und setzte sich schnurstracks selbst ans Steuer. Zack und weg waren wir. Fortan sass Luciano versunken im Fondsitz links neben mir. Die Reisegeschwindigkeit erhöhte sich schlagartig auf gut und gerne 220 km/h, eine gefühlte Verdoppelung. Nach einer Weile tränten Herberts Augen, also tupfte Marianne diese mit in Kamillentee benetzter Gaze trocken, in voller Fahrt. Irgendwann schlief ich ein. Alles war wie gewohnt. Montag war ja schliesslich wieder Schulunterricht.»

Selbstverständlich kommt in «… alles zu langsam» nicht nur Sohn Daniel zu Wort, ganz viele ehemalige Mitstreiter und Konkurrenten von Herbert Müller zollen ihm grossen Respekt, so etwa Willi Kauhsen, der davon erzählt, wie ihm Müller 1974 im Porsche 917/10 auf drei Runden so viel Zeit abnahm, dass er sich entschied, nie mehr ein Rennen zu fahren. Und dann sind da die wunderbaren Geschichten von und mit Norbert Singer, dem ebenfalls legendären Porsche-Renningenieur. Der sich etwa daran erinnert, wie in Le Mans 1973 auch der damalige Porsche-Chef Ernst Fuhrmann an der Strecke war und von seinen Fahrern verlangte, dass sie von der ersten bis zur letzten Minute voll zu fahren hätten. Was Herbert Müller mit dem Kommentar quittierte: «Prima, wenn wir schneller fahren, können wir ja früher ins Hotel zurück.» Er brachte seinen RSR gegen die weit überlegenen Matra- und Ferrari-Rennwagen aber trotzdem auf den vierten Platz.

Denn das Herbert Müller schnell war, sehr schnell sogar, war bekannt. Einst in Spa (B) wollte Singer den Bremsverschleiss messen, konnte aber keinen feststellen. Er fragte Müller, der trocken antwortete: «Du, in Spa wird nicht gebremst.» In Le Mans lag Herbert Müller 1971 hinter Marko/van Lennep auf dem zweiten Rang. Nach dem Rennen erzählte er Singer, dass er sich in den letzten Runden gedacht habe: «Wenn ich die jetzt ein bisschen anschiebe, dann gewinne ich. Aber dann bringen die mich um.» Das Buch – erhältlich bei herbertmueller.ch – ist voll mit solchen Geschichten – und gehört allein schon deshalb in jedes Bücherregal.

Es ist dies ein Teil unserer «related»-Story zur Sportwagen-Weltmeisterschaft 1966. Mehr schöne Geschichten haben wir im Archiv.

1 kommentar

  1. Bernd Maruna Bernd Maruna

    Ich war damals als Zuschauer am Nürburgring dabei wo Herbert tödlich verunglückte. Habe auch hinterher sein Wrack gesehen, das heißt das was noch übrig war. Ist war sehr schlimm. Sein Sohn ist in dem selben Rennen mitgefahren. Das muss für Ihn der schlimmste Moment gewesen sein zu sehen wie sein Vater verunglückt ist. Ich bin am anderen Tag eine Runde auf dem Ring gefahren und habe die Unfallstelle gesehen. Der ganze Asphalt verbrannt.

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