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Fahrbericht Peugeot 504 V6

Gute Zeiten

Es war das Jahr des Aufbruchs und Neubeginns: 1968 brachen demonstrierende Studenten mit Traditionen und die Gesellschaft mit etablierten Werten – und Peugeot präsentierte mit dem 504 ein vollkommen neues Spitzenmodell. Eine elegante Reiselimousine, wie es bis dahin keine gegeben hatte. Gekleidet in die exklusive Formensprache von Pininfarina repräsentierte der Peugeot 504 ein neues Fahrzeugformat, das technische Innovationen sowie Komfort und Extravaganz der Oberklasse in die anspruchsvolle Mittelklasse brachte. Ein revolutionäres Konzept, wie der robuste und zuverlässige Peugeot 504 in einer fast beispiellos lang andauernden globalen Karriere bewies. Rund 3,7 Millionen Einheiten des auch im Motorsport erfolgreichen 504 liefen in 37-jähriger Bauzeit von den Bändern. Dies als stilprägende Limousine, familienfreundlicher Kombi und praktischer Pick-up sowie als unvergänglich schönes Coupé und Cabriolet.

Entwickelt wurde die Formensprache des damals grössten Peugeot in einer Konkurrenz zwischen dem von Paul Bouvot geleiteten Peugeot Centre Style und den Studios von Pininfarina. Tatsächlich gewann das Gesamtkonzept der Italiener, inklusive der extravaganten und einzigartigen Heckgestaltung der 504 Limousine mit Knick im Kofferraumdeckel. Das markante Frontdesign mit den trapezförmigen Scheinwerfern wurde jedoch von Paul Bouvot entworfen, der damit Peugeot ein neues Gesicht gab. Legendär ist Sergio Pininfarinas Begeisterung ob dieses Geniestreichs seines französischen Kollegen, denn die formvollendeten Scheinwerfer des 504 erinnerten ihn an die Augen der italienischen Filmdiva Sophia Loren. Im Concours d’Elégance um den schönsten Peugeot 504 aller Zeiten legte Sergio Pininfarina aber dann noch nach. So zählt das auf dem Genfer Salon 1969 präsentierte, dynamisch gezeichnete Duo aus 504 Coupé und Cabriolet bis heute zu den begehrtesten Stilikonen unter allen Peugeot. Automobile Gesamtkunstwerke, die als Neuwagen ebenso wie heute als Klassiker zu entsprechend respektablen Preisen gehandelt werden.

Zuerst gab es den Peugeot 504 als 1,8-Liter-Vierzylinder, der auch Normalbenzin ertrug. 1970 wurde ein 2,0-Liter-Vierzylinder-Benziner eingeführt, der später mit optionaler Einspritzanlage respektable 104 PS Leistung abgab. Alternativ stand bereits seit 1971 ein effizienter 2,1-Liter-Dieselmotor im Angebot, später komplettierten ein 2,0-Liter- und ein 2,3-Liter-Diesel das Selbstzünder-Portfolio. Als Innovation nationaler Bedeutung feierten die Franzosen aber einen anderen Motor: Im Herbst 1974 debütierte im Peugeot 504 Coupé der erste Nachkriegs-Sechszylinder aus französischer Entwicklung und Produktion. Schon auch irgendwie verrückt, dass die «Grande Nation» so lange dafür brauchte.

Gut, es war eine etwas eigenartige Maschine, auch bekannt als PRV-Motor oder Euro-V6. 1966 hatten sich Peugeot und Renault zusammengeschlossen, um gemeinsam einen feinen V8 zu entwickeln, 1971 kam noch Volvo dazu (deshalb PRV). Es wurde ein moderner Motor, Zylinderkopf und Motorblock bestanden aus Alu, je Zylinderbank gab es eine obenliegende Nockenwelle, die V-förmig hängenden Ventile wurden über Kipphebel betätigt. Doch dann kam die erste Ölkrise, man schnitt dem quasi fertigen V8 einfach zwei Zylinder ab, behielt die Zündreihenfolge aber bei. Was zu einem ziemlich rauhen Lauf führte. Bohrung x Hub von 88 x 73 Millimeter ergaben einen Hubraum von 2664 cm3, die Leistung lag bei 136 PS. Ab 1977 gab es dann eine K-Jetronic, die Leistung stieg auf 144 PS. Der PRV-Motor wurde bis 1997 in den verschiedensten Varianten gebaut – der Peugeot 504 wurde als Coupé und Cabriolet allerdings schon 1983 aus dem Programm gestrichen. Viele haben nicht überlebt, der Rost war ein starker Gegner.

Jenem Exemplar, das wir hier zeigen, geht es aber bestens – es gehört ja auch dem Peugeot-Museum in Sochaux (das unbedingt einen Besuch wert ist), wird dort gepflegt und gehütet. Manchmal darf es auch ausfahren, aber wohl nicht so oft, als wir anfragten für eine Geschichte zum runden Geburtstag, war man doch etwas überrascht, sehr oft passiert das anscheinend nicht. Was vielleicht auch tatsächlich etwas mit dem unruhigen Lauf des Sechszylinders zu tun hat, er dreht ziemlich unwillig und auch nicht wirklich turbinenartig hoch; BMW-Fahrerinnen hätten dafür wohl wenig Verständnis. Doch jeder Anflug von Sportlichkeit ist sowieso nicht das Ding des Franzosen, das Velours-Gestühl ist sehr komfortabel, sehr weich – und bietet sodann besten Seitenhalt, weil man tief darin einsinkt. Vor sich hat man ein Cockpit, wie es Mitte der 70er Jahre wohl als edel galt, aber mit immerhin gut ablesbaren Uhren überzeugt. Richtig fein zur Hand liegt der Schaltstock, angenehm hoch, die Wege sind aber dann doch etwas lang.

Und so gondeln wir friedlich durch die schöne Gegend. Man denkt im Peugeot 504 V6 eher an die nächste Boulangerie als an wilde Überholmanöver. Das Fahrwerk ist weich, die Lenkung ebenfalls, irgendwann muss man nicht mehr jede Kurve zwei Mal ansägen. Früher nannte man das wohl Grand Tourisme, französisch, was dann schon ein Unterschied ist zum italienischen Gran Turismo. Bremsen, immerhin, tut es anständig, was aber auch daran gelegen haben könnte, dass wir einfach gar nie schnell waren. Aber man muss das alles unbedingt im damaligen Umfeld sehen: 1975 kostete das Cabriolet in der Schweiz 27’500 Franken, das Coupé 28’100 Franken. Einen BMW 2,5 CS mit 150 PS kostete dann schon stolze 34’500 Franken, ein Datsun 260 Z mit ebenfalls 150 PS war dagegen schon für 25’000 Franken zu haben, bei Opel gab es den Commodore GS/E als Coupé und mit 160 PS für 23’900 Franken. Die französische Konkurrenz hatte nichts Vergleichbares (der Citroën SM spielte in einer ganz anderen Liga), wie der Peugeot halt sowieso in seiner schlichten Eleganz ziemlich alleine stand.

Und irgendwie gilt das auch heute noch: Als wir ihn dann vor der ersehnten Boulangerie parkieren, sieht er einfach gut aus.

Mehr feine Automobile haben wir in unserem Archiv.

1 kommentar

  1. yumiyoshi yumiyoshi

    Spannend. Meine Eltern hatten eine 1976er 504 Limousine. Ein großartiger Reisewagen. Leise, komfortabel, geräumig. Wie es sich für einen Peugeot aus dieser Zeit gehört wurde er von brutalem Rostfraß dahingerafft. Der Umstieg auf einen 1974er Audi 100 war eindeutig ein Abstieg. Nicht nur wegen der 70PS-Basismotorisierung des Audi. Auch das Fahrwerk des Audi 100 konnte nie und nimmer mit dem des 504ers mithalten.

    Mir hat immer die „normale“ Limousine besser gefallen als die Coupes. Das großartige Scheinwerferdesign, der Knick im Kofferraum, die Heckleuchten – das alles ergibt ein meinem Empfinden nach ein viel individuelleres Erscheinungsbild als das Coupe, das ich als für diese Zeit eher wenig originell empfinde. Aber wie es scheint habe ich diesbezüglich eine absolute Minderheitenmeinung…

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