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Porsche Cayenne Turbo S

Ratlos

Ui, es fällt schwerst, dem Porsche Cayenne Turbo S einigermassen vorurteilsfrei zu begegnen. Einerseits ist dieses Modell der derzeit noch extremste Auswuchs unter den Sport Utility Vehicles (SUV), allein an deren Sinn und Zweck man durchaus seine sehr berechtigten Zweifel haben darf. Andererseits bietet der Porsche Fahrleistungen und technische Feinheiten, die den Freund hochkarätiger Automobile durchaus zum unkontrollierten Sabbern können – und das in einer Verarbeitung und Vollendung, die ihresgleichen wohl sucht. Und trotzdem: zeitgemäss ist ein Fahrzeug mit 570 PS, einem Gewicht von 2,3 Tonnen und einem Normverbrauch von 11,5 Litern, der mit der Realität rein gar nichts zu tun hat, sicher nicht.

Aber eben: es fällt auch schwer, sich der Faszination des 4,8-Liter-V8-BiTurbo zu entziehen. Er verrichtet sein Werk mit einem wunderbar mächtigen Grollen, neben den 570 PS ist es vor allem das maximale Drehmoment von 800 Nm, das zwischen 2500 und 4000/min zur Verfügung steht, das wirklich beeindruckend ist. Der Turbo S geht mit der Macht eines Panzers zu Werke – bloss halt viel schneller: von 0 auf 100 eilt er in 4,1 Sekunden (ein Wert, den vor zehn Jahren auch Supersportwagen nicht schafften) und rennt bis zu 284 km/h schnell. Diese Maschine ist eine Wucht, eine Meisterleistung der Ingenieure – was halt dabei rauskommt, wenn man Könner machen lässt.

Man darf dabei nicht vergessen: Der Cayenne steht wie alle SUV wie eine Wand im Wind. Selbstverständlich wird die Kraft auf alle vier Räder übertragen, geschaltet wird über eine Achtstufen-Automatik, gebremst – und dies bei Bedarf: heftigst – über vorne 42 Zentimeter grosse Scheiben aus Carbon-Keramik. Noch eine andere Zahl: mit einem professionellen Piloten schaffte der Cayenne Turbo S die Nordschleife des Nürburgrings kürzlich in 7:59 Minuten – für eine solche Zeit müssen sich auch ernsthafte Sportwagen massiv anstrengen.

Doch da stellt man sich auch die Frage: warum sollte man in einem SUV auf die Nordschleife, überhaupt auf die Rennstrecke wollen? Besteht da nicht schon ein ganz grundsätzliches Mistverständnis? Selbstverständlich ist auch in Sachen Fahrwerk Porsche drin, wo Porsche draufsteht. Trotz beachtlicher Höhe von 1,7 Metern macht der Cayenne als Turbo S auch in schnell gefahreren Kurven kaum eine Bewegung – er liegt wie das sprichwörtliche Brett. Ohne deswegen unkomfortabel zu sein. Andererseits: die optionalen 21-Zöller auf unserem Testwagen gaben Bodenunebenheiten ziemlich ungefiltert an die Insassen weiter. Ein fieses Gerumpel auf schlechten Strassen – wo so ein SUV per definitonem ja eigentlich hingehört. Und wahrscheinlich kann ein so bereifter Cayenne Turbo S trotz Allradantrieb nicht einmal eine nasse Wiese bezwingen, eine Schotterstrasse möchte man dem edlen Gerät eh auch nicht zumuten – das Fahrzeugkonzept wird bei diesem Modell wirklich aufs Heftigste ad absurdum geführt.

Überzeugen können andererseits Sitzposition – und natürlich die Verarbeitung, die Qualität. Es werden nur feinste Materialien verwendet, gegen Aufpreis lässt sich das noch weiter verbessern – wie überhaupt die Liste mit den möglichen Sonderausstattungen für ein Fahrzeug, das in seiner Basisversion schon 203’000 Franken kostet, erschreckend lang ist. Aber wer schon hat, dem wird halt auch noch gegeben – gerade in dieser Preisklasse werden die Fahrzeuge noch einmal für überdurchschnittlich viel Geld individualisiert. Sogar der riesige Kofferraum, der bei abgeklappten Rücksitzen – ja, das kann der Porsche auch – ein maximales Ladevolumen von 1700 Litern bietet, lässt sich wohl auch mit Krokodilstränen auskleiden. Ob man ihn dann allerdings noch nutzen will, das ist eine ganz andere Frage.

Und dann kommen wir noch zum Verbrauch. Ja, auch der Cayenne Turbo S lässt sich mit knapp 10 Litern Benzin auf 100 Kilometern bewegen. Da behandelt man aber das Fahrpedal wie ein rohes Ei, schleicht mit den Prius und Lieferwagen über die Autobahn – und hat rein gar nichts von den Qualitäten des Wagens. Fordert man beim Porsche aber die Leistung ein, was eigentlich nur auf deutschen Autobahnen möglich ist, dann steigt der Durst schnell und locker über 15 Liter. Oder auch über 20, wenn man es auf längeren Strecken macht. Einigermassen im Bereich der Gesetze und der Vernunft bewegt, kommt der mächtigste aller Porsche mit etwa 13 Litern aus.

Und so verbleibt als wichtigster Kaufgrund am Ende: Image. Was aber a priori definitiv kein guter Kaufgrund ist. Ausserdem, apropos Image: den «Grössten» hat Porsche ja jetzt nicht mehr, es rollt der Bentayga von Bentley auf uns zu, noch stärker, noch schneller – und noch schwerer, teurer, blödersamt unnötiger.

Text: pru/Bilder: pru

1 kommentar

  1. ganz ganz fein. Diesmal der Herr Ruch.
    Danke dafür.
    Doch- er kann es noch.

    Bis Porsche mal diesen kostbaren Werbestreifen über seine Texte legt.

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