Zurück zum Content

Alfa Romeo 4C Spider

Bella macchina

Ach, es ist eine Freude. Während einem bei den «Premium»-Herstellern vor lauter Assistenzsystemen die Füsse vor Langeweile abfaulen, kommt Alfa mit dem 4C ums Eck. Und: er hat unser Herz im Sturm erobert. So völlig unnötig, so pur und so schräg war seit Jahren kein Auto mehr. Der 4C hat auch bei radical14 ziemlich eingeschlagen. Und bewiesen, dass 240 PS genug sein können, um glücklich zu sein.

Lange hat man bei Alfa nun eine offene Version angekündigt. Durch das abnehmbare Dach soll der
Fahreindruck noch direkter sein, die Lautäusserungen des Vierzylinders hinter Fahrer und Beifahrer sollen sich noch tiefer in die Gehörgänge graben. Aber nein, ich mag keine Cabrios. Auch nicht, wenn sie von Alfa kommen. Wer fische Luft im Gesicht will, soll sich ein Motorrad kaufen. Wobei, von einem Cabrio im eigentlichen Sinn kann man beim 940 kg schweren Spider nicht reden. Denn das Stoffdach, welches mit etwas Aufwand von Hand entfernt werden muss, gibt nicht gerade eine riesige Öffnung frei. Eher ein Targa, dieser 4C Spider. Also umso besser für mich. So bin ich halt trotzdem zur Fahrvorstellung des 4C Spider gegangen. Weil die Kiste, ob mit oder ohne Dach, einfach nur hot ist.

Ja, auch offen ist die Karre heiss! Die Fahrleistungen entsprechen exakt denen des Coupé (0-100 km/h in 4,5 s, Vmax 258 km/h), das Gewicht ist nur leicht erhöht (das Stoffteil wiegt 7 Kilogramm) und der Rahmen der Windschutzscheibe ist ebenfalls aus Carbon. Auch beim Getriebe gibts keinerlei Änderungen, sechs Gänge, Doppelkupplung und etwas sehr billig wirkende Schalttasten hinter dem Lenkradkranz. Dazu relativ schmale Reifen, neu eine Launch-Control (so was von überflüssig, das Auto ist ein tolles Kurvengerät, kein Dragster) und eben – diese Rundungen. Vorne das klassische Scudetto, hinten ein satter Hüftschwung – bella macchina! Und dann: der Sound! Aber hoppla, was ist denn jetzt los? Das Ding ist ja deutlich leiser als das Coupé, welches letztes Jahr bei radical14 antrat! Was soll das? Wieso ist der 4C auf einmal leiser?

Die einfache Antwort: das Marketing will es so. Wer den lauthals schreienden 4C will, muss noch etwas Kohle hinlegen. Und die Akrapovic-Anlage mit Staudruckklappe bestellen. Das bedeutet: mehr Sound und in unseren Augen auch eine bessere Optik. Denn die zwei Endrohre münden mittig am Heck. Live haben wirs weder gesehen noch gehört, aber ab Konserve wars doch eindrücklich. Nein, der 4C Spider klingt nicht wie ein defekter Dyson-Staubsauger. Er bellt, zischt und gurgelt nach wie vor wunderbar.

Nur mit der Standardauspuffanlage einfach etwas «nachbarschaftsfreundlicher». Also, Dach weg (dauert mit etwas Fingerfertigkeit etwa 20 Sekunden), das Stoffteil in die separate Tasche im Kofferraum verstauen (dauert ohne Fingerfertigkeit ewig) und ab durch die Mitte. Kurz das Motoröl auf Temperatur bringen, die wenig belasteten Vorderräder (Gewichtsverteilung 40:60) anwärmen und her mit den Kurven.
Kurven haben wir gefunden, aber: auch viel Verkehr. Also zurück nach Balocco, dem Testzentrum des Fiat-Konzerns in Norditalien. Die haben da eine ganz feine Rennstrecke. Und da kann auch der Spider zeigen, was in ihm steckt.

Doch vor den heissen Runden im Alfa noch ein paar Worte zum Thema Cabriolet. Offen fährt sich der Alfa genauso wie geschlossen, schliesslich kann das Stoffteil nicht den geringsten Anteil an der Karosseriesteifigkeit leisten. Deshalb bekam der Spider neben dem Monocoque aus Carbon auch einen Frontscheibenrahmen aus dem teuren Material. Und damit ist das Cabrio auch auf den Schlaglochpisten, welche die Italiener Strassen nennen, absolut verwindungssteif. Der Spider ist mit dem Coupé gleichauf – ganz schön gut. Zwar sitzt man bei offenem Dach draussen, aber die Öffnung ist wie erwähnt ziemlich klein. Was den Vorteil hat, dass man nicht so viel Wind abbekommt, dass man sich Sorgen um sein künstliches Haarteil machen müsste. Aber dafür gibts was auf die Ohren. Der Mix aus dem Zischen des Pop-off-Ventils, der Ansaug- und Auspuffgeräusche und des Fahrtwinds – wie umschreibt man das am Besten? Wohl mit: Amore!

Wie versprochen widmen wir uns auch dem Verhalten des Spiders auf der Rennstrecke. Und dort merkt man, dass Alfa doch mehr gemacht hat als nur das Dach aufgeschnitten. Federung und Dämpfung wirken harmonischer als beim Coupé, trotzdem lässt sich das Heck ganz leicht mit einem Lastwechsel zum Mitspielen animieren. Ach wie schön! Der Fahrer lenkt, das Auto folgt. Und wenns der Fahrer übertreibt mit Lenken, macht das Teil ihn unmissverständlich darauf aufmerksam. Lass es fliessen, Junge, ich bin da. Ich habe Grip, ich bin leicht, ich will dir Freude bereiten. Man muss sich etwas darauf einlassen, sich von all den fetten Sportwagen emanzipieren. Es auch mal einfach nur geschehen lassen. Der 4C wird die Spur schon wieder finden. So war schnelles Autofahren einmal. Arbeiten am Lenkrad (keine Servolenkung), arbeiten beim Bremsen (kein Bremskraftvertärker) und trotzdem in vollen Zügen geniessen. Ach, ich weiss wieder ganz genau, wieso ich meinen Beruf so liebe.

Geneigte Alfisti werden auf einigen Bildern einen zusätzlichen Lufteinlass hinter der Fahrertür bemerkt haben. Diese Hutze ist optional erhältlich und erfüllt sogar einen Zweck. Sie leitet kühlende Luft zum Getriebe. Dadurch soll der 4C (ist auch für das Coupé lieferbar, Fr. 1400.-) noch rennstreckentauglicher werden. Und noch etwas kann man wählen: die Scheinwerfer. Denn der Spider hat richtig schöne Leuchten bekommen, weit entfernt vom Design «überfahrene Kröte» des Coupé. Man kann ab sofort auch das Coupé mit diesen Lampen bestellen – umrüsten hingegen geht leider nicht. Und, wir wagen es kaum zu sagen: man kann auch die Kröten beim Spider bestellen. Sollte das jemand tun, werden wir ihn vor versammelter Dorfbevölkerung in unserem Käse-Chessi waterboarden. Versprochen!

Unser Fazit? Ach, was soll man da bloss schreiben. Der 4C ist eines der faszinierendsten Sportautos der letzten Jahr. Billige Schaltwippen hin oder her. Ein echter Alfa zeichnet sich dadurch
aus, dass er nicht perfekt ist. Und ein echter Alfa ist kein leicht modifizierter Fiat. Damit ist der 4C – egal ob offen oder nicht – ein echter, purer Alfa! Und er wäre uns 81’000 Franken wert. Nicht weniger als 140 Spider sollen ab Juli zu uns kommen, hoffentlich auch einer in die Käserei…

Mehr Italiener gibts im Archiv.

Gib als erster einen Kommentar ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.