Alles, aber wirklich alles
Es lässt sich wohl trefflich darüber rätseln, wie der wahrscheinlich unsterbliche Keith Richards überhaupt auf die Kokospalme gekommen ist. Und warum. Dass er sich dann wie eine Kokosnuss von eben dieser Kokospalme fallen liess, hat wohl weniger mit der «Bigger Bang»-Tournee zu tun, auf der sich seine Rolling Stones damals gerade befanden, sondern eher mehr mit gewissen Substanzen, die der unterdessen 82-Jährige auch heute noch regelmässig konsumiert. Der fröhliche Flug über den Wolken des Alltags blieb aber auch ihm verwehrt, gemäss den Gesetzen der Schwerkraft ist selbst Keith Richards in solchen Fällen mehr so ein Falling Stone als ein schräger Vogel. Vielleicht (wahrscheinlich aber eher nicht) ging ihm kurz vor dem harten Aufprall noch durch den kurz darauf stark schmerzenden Kopf, dass solch eine Kokospalme, cocos nucifera, ein wahrlich gefährlich Ding ist, schliesslich werden jährlich deutlich mehr Menschen durch herabfallende Kokosnüsse schwer oder gar tödlich verletzt als durch Haie. Wobei man ja bekanntlich keiner Statistik glauben soll, die man nicht selber gefälscht hat.
Woher die Kokospalme ursprünglich stammt, konnte nie befriedigend erklärt werden. Das Problem liegt darin, dass ihre Nüsse schwimmfähig sind – und überall Wurzeln schlagen können, woauchimmer sie auf Land treffen. Zudem gedeiht die cocos nucifera, übrigens die einzige Art der Palmengattung cocos, überall dort, wo es nie kälter als 20 Grad wird (also bald: überall) sowie ausreichend Regenfall sowie Grundwasser vorhanden sind. Das Keimen des Samens dauert fast ein halbes Jahr, erst etwa ab dem fünften Jahr tragen die Bäume Früchte, dies dann aber für die nächsten 70 bis 80 Jahre. Bis eine Nuss reif ist (und jemanden erschlagen kann), dauert es wieder gut ein Jahr, doch die Kokospalme macht ihre Langsamkeit dadurch wett, dass sie über das ganze Jahr 10 bis auch 15 solcher Nüsse hervorbringt. Dabei ist aber zum Beispiel auf Bali ganz wichtig, dass keine Frau den Baum berührt, denn sonst geht dessen Fruchtbarkeit auf sie über. (Das Bild unten zeigt den einstigen finnischen Staatspräsidenten Urho Kekkonen (1990-1986) in Tunesien, der sich wohl als Vorbild nicht nur für Keith Richards sah; es ist nicht ganz klar, wie der Finne wieder vom Baum runterkam. Mehr dazu: ganz unten)

Marco Polo (1254 bis 1324) sah die Kokospalme zuerst in Indien und dann auch auf Sumatra – er nannte ihre Früchte «Pharaonen-Nuss», was darauf hinweisen könnte, dass er mehr wusste von ihrem Ursprung. Andererseits: In Ägypten heisst diese Palme übersetzt «indischer Ehemann» und die Früchte sind «indische Nüsse» und nein, da wollen wir jetzt keine genaueren Interpretationen lesen. Auch der erste Weltumsegler Ferdinand Magellan (wahrscheinlich 1480 bis sicher 1521) fand allerorten Kokosnüsse, zuerst auf einer Insel vor Guam, und brachte sie nach Europa (also, er nicht, er schaffte nicht die ganze Runde, aber seine Crew). Es dauerte aber noch ein bisschen, bis sich die französische und englische Küche (gibt es sowas wie eine englische Küche?) mit dem harten Ding anfreunden konnten – so richtig durchgesetzt hat es sich aber im nördlichen Halbkreis aber nie. Im Gegensatz zu einem grossen Rest der Welt, einem Viertel der Weltbevölkerung gilt die (in welcher Form auch immer verarbeitete) Kokosnuss als eines der Hauptnahrungsmittel, in Thailand etwa erhält das Kleinkind traditionell als erste halbfeste Nahrung das Fleisch einer jungen Kokosnuss. Das schmeckt ebendort aber auch besser, die Konsistenz ist dort vor Ort des Wachstums ähnlich der einer Melone – wir kriegen in unseren Breitengraden allerdings nur die längst vertrockneten Exemplare, die noch jungen und folglich noch zarten Nüsse sind ungeeignet für den Transport.
Damit das klar ist: Eine Kokosnuss ist gar keine Nuss, sondern eine einsamige Stein-Frucht*. Und als solche in noch so mancher Hinsicht faszinierend, auch wenn sie nicht nachreift, sondern ganz einfach austrocknet (der Fachbegriff heisst hier: nichtklimakterisch). Da ist – in den jungen, noch grünen Früchten – zuerst einmal das Kokoswasser, bis zu einem Liter leicht süssliche, fast klare, vor allem keimfreie Flüssigkeit, die in gewissen Gegenden sogar als Trinkwasserersatz (und Infusionslösung) verwendet wird. Doch wichtiger ist das Fruchtfleisch, fest und fasrig und auch roh zu geniessen (wenn auch mit fast 1500 Kalorien pro 100 Gramm). Trocknet man das Zeug, entsteht Kopra. Die wiederum die Basis ist für Kokosöl, Kokosfett, Kokosflocken und einer Paste, die in Indien und Burma und auf Indonesien zum Kochen verwendet wird; Raspelkopra wird reichlich in der Süsswarenindustrie verwendet, weltweit. Und die Reste dienen als ausgezeichnetes Viehfutter. Kokosmilch dagegen hat nichts mit Milch zu tun, sondern ist zusammen mit Wasser püriertes Fruchtfleisch, das durch ein Tuch gepresst wird. «Batida de Coco», «Piña Colada» und andere Fürchterlichkeiten wie der Schokoriegel «Bounty» sind Absurditäten einer längst degenerierten Lebensmittel-Industrie (damit das auch einmal noch geschrieben ist). Und Palmzucker sowie Palmwein werden aus dem Blutungssaft des Blütenstandes der cocos nucifera gewonnen, das ist dann wieder etwas ganz anderes. Das wichtigste Thema bei der Kokospalme ist allerdings, dass sich alles, wirklich alles an und von ihr verarbeiten lässt, sie gehört zu den wichtigsten Nutz-Pflanzen überhaupt.
Keith Richards ist übrigens wieder genesen von seinem Un-Fall. Wohl deshalb versuchte er es ein paar Jahre später noch einmal. Er hält es da wohl wie Albert Einstein: «Schau tief in die Natur, und dann wirst du alles besser verstehen.»
Mehr Food gibt es ab jetzt auf: pure.
(Zum Bild noch: ©Stina Mäenpää/Pressfoto Zeeland/JOKA/ Museovirasto. Mit diesen Angaben: «Kekkonen decided to climb a date palm on October 8, 1965, during his official visit to Tunisia. «President Kekkonen ascends to the top of the palm tree, escorted by natives. Kekkonen watched the Tunisians climb in the El Hamma oasis, took off his shoes and coat, consulted with his doctor (aged 65 then) for a moment, and then set off to climb higher,» reports Helsingin Sanomat. Kekkonen understood the image value of a photograph. When the president took off the dark suit of a statesman, he became the Urkki (nickname from his first name Urho (=Hero) of the entire nation: a lover of art and literature, a champion athlete, and a man of the people who hunted and fished. Kekkonen knew how to empathize and improvise. Historian Kati Katajisto calls Kekkonen a «political artist.»)


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