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pure//: Noch ein Caffè

Zu guter Letzt

Italien ist in Aufruhr. Einverstanden, Italien ist seit der Gründung Roms (753 v. Chr.) immer schon in Aufruhr oder anderem Furor, täglich, das gehört einfach zum Charakter des Landes. Doch seit Valentina Palange im Frühling vergangenen Jahres ihr Buch «Il Caffè in Italia fa Schifo» (Der Espesso in Italien ist ekelhaft) veröffentlicht hatte, befindet sich der Stiefel in einem Ausnahmezustand, wie es ihn seit dem Werk des Herrn Professor Alberto Grandi mit dem Titel «La cucina italiana non esiste» (Die italienische Küche existiert nicht) nicht mehr gegeben hat. Faschisten, Bunga Bunga, ewige Korruption, selbst diverse Nicht-Qualifikationen für grosse Fussballmeisterschaften – Italien erträgt ja vieles, aber Kritik aus den eigenen Reihen an Essen und Trinken, da gibt es dann schon: Grenzen.

Palange ist so eine Zeitgeistliche. Sie trinkt ihre Gesöffe nur in hippen Bars, am liebsten so mit violetten Schäumchen, die Bohnen nur mit der linken Hand gepflückt bei Sonnenuntergang in einem Naturschutzgebiet, der bärtige, barfüssige, brustnippelgepiercte Barista ein geweihter Bruder des Ordens zur scheinheiligen Abzocke. Mit dem Hochloben solch schmieriger Etablissements machte sie auf sozialen Medien Geld und eine bescheidene Karriere, die nun plötzlich durch die Decke geht, weil sie sich an einem nationalen Kulturgut abarbeitet. Vom wahren Caffè, der ausserhalb von Italien gerne und aus unerfindlichen Gründen Espresso genannt wird, hat die Dame nicht viel Ahnung.

Lario Est ist nun auch nicht die schönste Raststätte Italiens. Aber es ist, wenn man in Richtung Norden auf der Autobahn von Mailand her kommt, die letzte vor der Schweizer Grenze. Die letzte Möglichkeit, noch einen Caffè zu trinken, schnell, also espresso, im Stehen, die Schuh’ auf Brotkrumen und aufgerissenen Zuckersäckchen, den Arm aufgestützt auf einer klebrigen Theke. Es ist laut, nicht sonderlich gut riechende Lastwagenchauffeure drängen sich vor, deutsche Touristen staunen und kaufen sich noch eine billige Salami sowie überteuerte Pasta, der Barista steht schon seit vierzehn Stunden hinter seiner Bar und ist entsprechend gelaunt, irgendwo jammert noch ein Baby. Oder ein Hund. Es ist wahrscheinlich nicht der beste Caffè von Italien, dort in Lario Est, sehr dunkel geröstet, im Gusto leicht verbrannt, tatsächlich etwas bitter. Der Marge zuliebe wohl von minderer Qualität. Von «schifo», also ekelhaft, aber immer noch ganz weit entfernt.

Denn er ist immer noch deutlich besser als jeder Espresso ausserhalb von Italien, weil: Es gehört einfach alles dazu, ein italienischer Caffè ist ein Grossesganzes, ein Kulturgut samt Lärm und zumeist missmutigem Barista und Müll auf dem Boden. Aber es sind fünf Minuten Pause, das Charakterbild einer ganzen Nation mit mindestens drei Jahrtausenden wilder Geschichte sowie edler Kultur, konzentriert in einer kleinen Tasse. Das ist Lebensart, mehr noch: Lebensfreud‘.

Mehr Essen und Trinken: pure.

4 Kommentare

  1. Florian Rehekampff Florian Rehekampff

    Schön beobachtet! für Wiener auf dem Weg gen Italien eröffnet sich das Espresso (ja wir sagen so)-Paradies auf der Autobahn nach Udine. Die ersten beiden Raststationen nach der Grenze sind eh ok, aber erst wenn sich das enge Kanaltal weitet (auf der Höhe von Gemona) und das Meer schon ganz nahe ist, kommt die Area di Servizio „Ledra Est“. Die Tankstelle ist räudig. In meiner Kindheit haben junge Italiener im weißen Unterleiberl (heute sagt man Muskelshirt dazu) beim Betanken ihrer Aprilias selbstverständlich geraucht. Aber der Kaffee schmeckt unvergleichlich besser als in jeder im Artikel beschriebenen Hipster-Hütte. Der Effekt: Man fühlt sich gut. Der Gang wird lässiger, es kann ein Hemdknopf mehr geöffnet werden und weltmännisch bestellt man mit seinem Küchen-Italienisch den Espresso. Das Wetter ist schön, die Luft seidig, die Carabinieri elegant, die Holde am Beifahrersitz gleich noch viel anmutiger und das Leben süß. la dolce vita. Nachsatz: Italien kann man nicht umbringen – auch wenn sich leider viele schon bemüht haben.

  2. Hömal Hömal

    Das ist ein Testpost. Es kann grußlos gelöscht werden.

  3. Hömal Hömal

    Als gelernter Österreicher kann ich nicht umhin, zum Thema Kaffee meinen Senf dazuzugeben. Und damit alle glücklich sind natürlich sowohl vom Süßen als auch vom Scharfen:

    Als erstes habe ich den Duden gefragt, was er uns zum Begriff „Espresso“ sagen kann und diese Antwort gefunden:

    „Ein starker Espresso zum Frühstück oder nach dem Essen erfreut sich bei vielen großer Beliebtheit. Von manchen wird er auch gern (fälschlicherweise) *Expresso genannt. Doch mit einer Expresslieferung hat dieser extra starke, mit hohem Druck zubereitete Kaffee aus dunkel gerösteten Bohnen nichts zu tun. Das Wort geht vielmehr zurück auf das italienische caffè espresso, womit ein Kaffee bezeichnet wird, der auf ausdrücklichen Wunsch eigens für den Gast zubereitet wurde. Das x, welches sich manchmal in die Aussprache einschleicht, gab es nur im Lateinischen (lateinisch expressus = „ausgedrückt, ausdrücklich“); zum Italienischen hin wurde es zu einem s assimiliert.“

    Spannend finde ich, dass das lateinische Wort, von dem sich das italienische „espresso“ herleitet, genau die Zubereitungsart bezeichnet.

    Das, was sie im Artikel schildern, ist bei uns ein „Stehcafe“, wo man seinen Mokka oder Verlängerten (mehr dazu später) entweder im Stehen an der Budel (Tresen) trinkt oder nur kurz sitzen bleibt. Die sind weitgehend verschwunden. Das klassische Wiener Kaffeehaus hat eine völlig andere Kultur: Es ist erweitertes Wohnzimmer, Lesesalon und sozialer Treffpunkt in einem. Das großartige daran ist: Ich kann mich ins Kaffeehaus setzen, mir ein paar der dort aufliegenden Tageszeitungen durchschmökern und werde dabei niemals von einem Kellner belästigt, der mich alle 20 Minuten (oder öfter) fragt, ob ich noch etwas konsumieren will. Wenn der Gast etwas will, winkt er dem Kellner und wird ansonsten wenn es sein soll auch stundenlang in Ruhe gelassen. Als „Ober“ (kurz für Oberkellner) bezeichnet man bei uns übrigens den Zahlkellner, der – im Unterschied zum reinen Servierpersonal – auch kassiert.

    Das erste Kaffeehaus wurde in Wien 1685 nach der ersten Türkenbelagerung vom Armenier Johannes Theodat (ursprünglich Owanes Astouatzatur, auch Johannes Deodat oder Diodato) eröffnet. Wir haben also auch eine sehr alte Kaffeekultur, wobei wir in Österreich andere Kaffeespezialitäten trinken als im Rest Europas. Hier eine Auswahl:
    Kleiner Mokka = kleiner Espresso = kleiner Schwarzer
    Großer Mokka = doppelter Espresso = großer Schwarzer
    Kleiner Brauner = kleiner Mokka mit Kaffeeopbers
    Großer Brauner = großer Mokka mit Kaffeeobers
    Verlängerter = kleiner Mokka mit doppelter Menge Wasser, schwarz oder braun
    Melange = Kleiner Mokka mit aufgeschäumter Milch und Milchschaumhaube auf eine große Tasse verlängert. Die Melange ist „der“ Kaffeeklassiker in Österreich.
    Einspänner = großer Mokka mit Schlagobers (Sahne)
    Fun fact: Ein einzelnes Frankfurter Würstel bezeichnet man ebenfalls als Einspänner.
    Franziskaner = Milchkaffee mit Schlagobers und Kakaopuklver oben drauf
    Kapuziner = kleiner Mokka auf den flüssiges Schlagobers (Sahne) obendrauf. In Italien wurde er als „Cappucino“ bekannt. Der Cappucino ist also tatsächlich eine österreichische Erfindung.
    Und, zum krönenden Abschied die „Kaisermelange“, wie sie Franz Joseph I. getrunken hat. Es darf vermutet werden, dass die von seinen Ärzten zur Kräftigung entworfen wurde. Dabei wird einer normalen Melange noch ein in Eidotter hinzugefügt, der zuvor mit Honig und Cognac schaumig gerührt wurde.

    Der traditionell Österreichische Kaffee war bis vor 25 Jahren, als sich plötzlich alle Espresso-Vollautomaten in die Wohnung stellten, der Filterkaffee. Bis Anfang der 1980er wurde er mit der Hand gebrüht, erst dann kamen Filterkaffeemaschinen im großen Stil auf. Dass unter Hipstern der handgebrühte Filterkaffee seit einigen Jahren als der neueste, heißeste Scheiß gilt, hat mich deshalb sehr amüsiert. Danke übrigens für die großartige „Barista“-Beschreibung!

    Ich möchte deshalb an dieser Stelle eine Lanze für den Filterkaffee brechen, dessen voller, milder Geschack mir immer schon mehr zugesagt hat als Espresso. Ich habe es schräg gefunden, wie dann plötzlich Hinz und Kunz von ihren ach so tollen Vollautomaten geschwärmt haben, als ob alles davor geradezu ungenießbar gewesen wäre. Erinnert mich ein wenig daran, wie manche Audiophile über den Klang ihrer aus sauerstoffreien Reinsilberlitzen handgeflochtenen Lautsprecherkabel um € 1780 pro Laufmeter schwärmen, denn im echten Leben wurde mir nur selten ein wirklich guter Kaffee aus so einer Maschine serviert. Ein schlechter Filterkaffee kann zwar auch nix, schmeckt aber niemals so bissig und verbrannt wie ein schlechter Espresso.

    Ich mache seit vielen, vielen Jahren handgebrühten Filterkaffee mit aus fairer, biologischer Landwirtschaft – denn nur dort haben Kaffeebauern ein menschenwürdiges Einkommen. Frisch gemahlen ab in den Filter kommt da ein richtig guter Kaffee heraus, für den ich oft genug auch von jenen gelobt werde, denen nix anderes als ein Espresso-Vollautomat ins Haus käme.

    Übrigens bekommt man auch in Wien nicht in jedem Kaffeehaus wirklich guten Kaffee. Ich habe vor Jahren einen Artikel in der Wochenzeitung „Falter“ gelesen, wo man fand, dass selbst in manchem renommierten Cafe nur ein braunes Gschloder (wenig wohlschmeckendes Mischmasch/Brühe) oder schlimmstenfalls nur Eselslulu (Eselspisse) bekommt. Auch das Havelka war darunter. Ich war vor ewigen Zeiten einmal dort, als noch der Seniorchef und seine Frau lebten, und da war ich nicht begeistert von dem, was man dort für ein bisserl gar viel Geld bekommt.

    Wenn in Wien ins Kaffeehaus dann entweder ins Diglas mit seinen legendären Mehlspeisen und der sehr guter Wiener Küche (Reservierung empfohlen) oder ins Sperl mit seinem herrlichen denktmalgeschützten Interieur aus der Gründerzeit. Das Sperl kann man wirklich als *das* klassische Wiener Kaffeehaus bezeichnen, auch wenn andere, wie das Prückl, auch sehr schön sind. Zum Politiker Schauen geht man ins Landtmann, das ist sauteuer, aber man bekommt was für sein Geld. Das Cafe Central im Palais Ferstl sollte man meiden, da stehen tagein, tagaus elendslange Touristenschlangen vor der Tür. Schade, denn innen ist es wirklich großartig gestaltet. Ich bin froh, dass ich vor 30 Jahren öfter zum Frühstück (mit großartigem Buffet!) dort war, da war es noch ein normales, klassisches, gehobenes Innenstadtcafe.

    • Rolf Rolf

      Danke für das Loblied auf den Filterkaffee, den ich seit meiner Kindheit genieße.

      Ja, ein Espresso und ein Cappuccino beim Italiener oder besser noch in Italien, sind auch nicht zu verachten.

      Aber Filterkaffee gehört bei mir zu den Hauptnahrungsmitteln. Mit einem bissel normaler Milch und …… ja, ich bin der, der noch einen reintut ….. ein bissel Zucker.
      Immer und überall. Natürlich ist er nicht überall gleich gut.

      Weil ich da faul bin, nehme ich eine ganz normale Kaffeemaschine.
      Die ehemals (oder noch?) hippen Nespresso-Kapsel-Maschinen habe ich mal ausprobiert, im Büro praktisch und besser als der stundenalte Brühkaffee in der 3 Liter Kanne. Jetzt stehen zwei von den Maschinen, also alle, die ich noch habe, seit Jahren auf dem Dachboden.

      Vollautomaten finde ich ganz furchtbar. Sie sind meist brutal laut und irgendwie immer ein wenig ekelig, weil man so einen Milchschlauch nicht wirklich sauber kriegt.
      Hatte ich noch nie, für das Geld gibts andere schöne Dinge.

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