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Ford Thames Van

Bodenhaftung

In Ferrari-, Lamborghini- und Porsche-geschwängerten Ländern wie der Schweiz sind Oldtimer-Nutzfahrzeuge: nicht gefragt. Ein Lieferwagen auf Basis der Ford Anglia ist meist nicht das, was Oldtimerfreunden feuchte Träume beschert. Dabei sind es gerade diese Fahrzeuge, welche als echte Zeitzeugen dienen – und nicht irgendwelche Ferrari 250 GTO, die für fast 50 Millionen Dollar versteigert werden. Denn sie zeigen, wie das wahre Leben damals war (und heute noch ist). In welcher Umgebung ein Fahrer seinen Tag verbrachte, wenn er Backwaren auslieferte oder als Klempner unterwegs war.

«Unser» Thames Van stammt aus dem Jahre 1961, wird von einem Vierzylinder-Benziner mit einem Liter Hubraum angetrieben und verfügt über ein manuelles Getriebe mit vier Vorwärtsgängen. Der Arbeitsplatz des Fahrers ist, hmm, eher karg. Genau wie der Platz für den Beifahrer. Dafür gibt es innen für ein Fahrzeug dieser Grösse extrem viel Platz fürs Ladegut, grosse Türen am Heck und so etwas wie Komfort – nämlich eine Heizung. Der Thames Van basiert auf dem Ford Anglia, einem Personenwagen, den Ford ab 1948 unter diesem Namen anbot. Es gibt auch noch einen «echten» Thames mit den Modellbezeichnungen Trader sowie E400. Dieser war ein Kleinlaster, der ebenfalls von Ford of England entwickelt und produziert wurde. Technisch ist der Thames Van also ein Personenwagen. Die technische Basis «klaute» man beim Anglia (Typ 105E), unser Exemplar verfügte zudem über eine erhöhte Nutzlast (7cwt, also 350 statt 250 kg). Einher mit der grösseren Nutzlast gingen Chromzierrat an den Scheinwerfern und an der Windschutzscheibe. Gekostet hat das Teil damals 447 britische Pfund, was wohl ein akzeptabler Preis war.

Fahren ist mit dem Thames Van eine einfache Sache. Wenn man den ersten Gang pfleglich behandelt, lässt sich der kompakte Lieferwagen sogar vom Fleck bewegen; ist er einmal in Fahrt, dann ist er fast schon wieselflink. Jeder Befehl des Fahrers wird spür- und hörbar umgesetzt, die Lenkung ist einigermassen direkt, nur die kleinen Räder sind heute sicher nicht mehr zeitgemäss. Und natürlich die Leistung. Gemäss Ford soll der Nutz-Anglia bis zu 76 Meilen pro Stunde schnell sein. Das getraut man sich aber höchstens nach dem Genuss von ein paar Pints of Lager. Immerhin, wir sind im Verkehr in der Grafschaft Chisester locker im Verkehr mitgeschwommen. Die Übersicht ist trotz fehlenden Seitenscheiben hinten okay, die Bedienung gibt keinerlei Rätsel auf. Kein Wunder, die Funktion der paar Hebelchen kann man sich sehr schnell merken. Das Fahrwerk ist auch in unbeladenem Zustand sehr bequem ausgelegt, die Sitze allerdings dürfte wohl heute nicht einmal mehr in einem Biergarten verwenden. Die Innenausstattung erinnert zuweilen an einen Citroën 2CV.

Gebaut wurden die Thames Van bis 1967, unser Exemplar ist im Besitz der «Ford Heritage Collection». Die mussten das Auto nicht kaufen, sondern bekamen den Van von einer trauernden Witwe geschenkt. Ihr Ehemann, E. W. Henderson, hatte fast sein ganzes Leben im Ford-Werk in Dagenham gearbeitet. Nach seinem Tod sollte durch den Thames Van die Erinnerung an ihn wach gehalten werden, deshalb trägt das Auto auch seinen Namen auf den Seitenteilen. Dieses Auto wird nie als Edel-Oldtimer an irgendwelchen Auktionen Höchstbeträge erzielen. Aber, der Anglia für Handwerker ist ein wunderbarer Zeitzeuge und irgendwie erzählt er seinem Fahrer on the road wunderbare Geschichten von früher. Man muss nur genau hinhören.

Mehr Ford haben wir in unserem Archiv.

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