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Gedanken

Porsche 911 Carrera S Cabriolet

Dann sitzt Du da in diesen ergonomisch so fein geformten Sportsitz, hast gerade links neben dem Lenkrad mit einem leichten Dreh das brodelnde Ungetüm von Triebwerk hinter Deinem Rücken zum schweigen gebracht und während die Hitze tickend das Auto verlässt, legst Du kraftlos Deine Handgelenke oben auf das Lenkrad, beugst dich erschöpft nach vorne und atmest aus. Du weißt, Du hast alles gegeben, Du solltest jetzt eigentlich selig sein. Du hast gerade die neueste Stufe Zuffenhausener Ingenieurskunst bewegen dürfen, doch Du bist einfach nur enttäuscht. Natürlich nicht von diesem gelb flammenden 911 Carrera S Cabrio, nein, von Dir selbst. Denn Du weißt, Du hast Deinen Spielkamerad über die ganze Wegstrecke einfach nur gelangweilt. Warum? Hier der Bericht.

Das steht sie also vor Dir, die achte Generation 911. 992 nennen ihn die Kenner und die erkennen auch: volle Hütte! Mehr geht fast nicht. Alle Häkchen im Konfigurator wurden von der Presseabteilung gesetzt, um den Testern das Leben so schnell und angenehm, wie möglich zu machen. Oder anders formuliert: Zu den knapp 135.000 Euro Grundpreis gesellen sich noch einmal rund 50.000 Euro Sonderausstattungen. Und unter uns: ist das nicht ein Fest für die Sinne in Schwarz und Racinggelb?

Doch das neue Cabrio ist eigentlich nicht nur zum Showlaufen gemacht. Es liefert auch. Trocken und ansatzlos. Mit über 300 km/h über die Autobahn brennen? Kein Problem. Unfassbar stoisch zieht der 11er seine Bahn, dagegen war der 997 ein regelrechter Zappelphilipp. Und der Weg dahin ist beeindruckend, denn in einer Sportwagenwelt, in der 450 PS eigentlich schon eher als schwachbrüstig eingestuft werden, schüttelt das Cabrio die Tempoeskapaden so locker aus dem doppelt aufgeladenen Boxermotor, dass Du Dir verwundert die Augen reibst. Das achtstufige Doppelkupplungsgetriebe findet dabei auch immer die richtige Antwort auf die anstürmenden 530 Newtonmeter. Und das Stoffverdeck? Will selbst bei dieser Speed kein Lied dazu pfeifen.

Bekanntlich liegt die Stärke der Heckmotor Porsche aber in der flotten Kurvenfahrt. Also runter von der Bahn, rein in das Kurvengeschlängel des Albaufstiegs. Du spannst den 992 jetzt zusätzlich vor: am Lenkrad das Fahrdynamik Rändelrad auf Sport Plus gedreht und in diesem herrlich reduziertem Cockpit den Schalter für den aktiven Wankausgleich gedrückt. Am Touchscreen prüfst Du noch in den Fahrzeugeinstellungen, ob die Sportabgasanlage auf Krawall gebürstet ist, optimierst schnell noch Deine Sitzposition von Cruising auf Racing und denkst: „Feuer“. Noch bevor dieser Gedanke verflogen ist, katapultiert sich der Elfer vehement zur nächsten Spitzkehre. Hart bremst Du bis in den ABS Regelbereich tief in die Spitzkehre rein. Doch das bringt die Keramikbremse nicht einmal zum Erröten und der derbe Tritt auf das Gaspedal am Kurvenausgang lässt den 11er nicht einmal ansatzweise die Haftung verlieren. Im Gegenteil! Die aktive Hinterachslenkung gibt Dir das Gefühl, dass das Cabrio unter Last eigentlich am liebsten rechtwinkelig abbiegen würde. Dabei ist dieser 911 kein Leichtgewicht. Gut 1,6 Tonnen bringt das Zuffenhausener Gelb auf die Waage. Trotzdem glaubst Du den offenen Sportwagen ständig rufen zu hören: „Langweilig“. Besonders, wenn Du wieder einmal nicht den voll aufgebauten Ladedruck nutzt und das Wastgate diesen leicht erbost und fauchend abbläst.

Und genau das ist es, was die Enttäuschung in Dir hervorruft. Der neue 11er ist auch als Cabrio so unfassbar perfekt, dass es Dir manchmal fast zu viel ist. Es führt Dir so dramatisch das eigene fahrerische Unvermögen vor Augen, dass es schmerzt. Selbst mit zusammengekniffenen Arschbacken bist Du in liebgewonnen Mutkurven im öffentlichen Straßenverkehr einfach viel zu schnell und trotzdem noch Meilen vom physikalischen Limit des 911 entfernt. Da wünscht Du Dir manchmal einen guten alten 964, der Dich genau spüren lässt, wo der Großteil seines Gewichts sitzt, nämlich im Heck. Und das ist lebendig.

Porsche ist mit dem 992 wieder einmal ein großer Wurf gelungen, auch wenn das das nur behutsam weiterentwickelte Design gar nicht vermuten lässt. Die zahlungskräftige Kundschaft wird das freuen und die beschriebene Enttäuschung wird der Großteil nie erleben, da er nie die Grenzen von sich oder seinem 11er suchen wird. Eher werden die Besitzer sich über die hervorragenden Langstreckenqualitäten, den ruhigen Innenraum und einen Verbrauch unter 10 Litern freuen, wenn sie entspannt im Verkehr mitschwimmen. Wen aber solche Errungenschaften im 911er nicht interessieren, der muss dann eben noch auf die weiteren Eskalationsstufen – speziell aus Weissach – warten.

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Ein Kommentar

  1. Max Max

    Ohne auch nur im Geringsten an den Qualitäten des Fahrzeugs kratzen zu wollen, genau das ist das Problem: macht schnell, aber nicht glücklich. Fürs Glücklichmachen muss ein mehr oder minder grosser Überlappungsbereich zwischen meinem fahrerischen Können und dem Grenzbereich eines Autos bestehen. Aber moderne Sportwagen sind so gut, dass ich immer, in jeder Situation, viel zu schlecht bin und sich die beiden Bereiche nie und nimmer treffen. Drum fahre ich – ausser wenn ich wichtige Geschäftstermine habe – mit einem 50 Jahre alten 911 durch die Gegend. Laut, heiss, und unbequem. Macht aber glücklich. Mein objektiv in jeder Hinsicht viel viel viel viel viel besserer S5 macht nur schnell.

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