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Aufrüsten

Tesla Model S P100D+

++UPDATE++

Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Und gestern ist der rote – und bisher schnellster – Plaid-Tesla schon im Hatzenbach (also in der ersten Kurve nach der Streckenzufahrt beim Industrie-Pool) liegengeblieben. Nicht nur, dass Porsche zur gleichen Zeit ein ganzes Rudel Taycan auf der Strecke hatte und so für wunderbare Fotos sorgte, nein, der Defekt bewegte das ganze Team zur Abreise.

Aber auch wenn sie den Rekordversuch erstmal abgeblasen haben, sie wollen zurückkommen und um die sieben Minuten-Marke kämpfen. Hochoffiziell:

Interessant auch die Leistungsauswertung, die sie veröffentlicht haben zu den schnellen Runden:

 

Bisherige Story:

Man kann von diesem Wettstreit halten was man will. Ob Egotrip, Unsinn oder Marketing-Scherz – jede Meinung ist erlaubt. Doch was sich Elon Musk mit seinem Tesla Model S P100D+ und Porsche mit der Serienversion des Taycan turbo S aktuell auf der Nordschleife bieten ist vor allem eines: großer Ingenieurs-Sport.

Und das ist prinzipiell gut. Sehr gut sogar.

Wir durften den Taycan schon seit langer Zeit begleiten. Dieser erste große vollelektrische Wurf aus Weissach, ein tolles Auto, nicht nur in der Formgebung und in der Verarbeitung, sondern generell: es ist ein sehr sehr gutes Fahrzeug. Er wird die Welt nicht retten, wahrscheinlich noch nicht einmal das Klima. Aber er wird sich gut verkaufen – der Taycan kommt auf mehr Vorbesteller als der ID.3 der Konzernmutter! – und sie werden entsprechend Geld mit ihm verdienen.

Dies allein macht den Taycan zum wahrscheinlich bemerkenswertesten Elektroauto am Markt. Klar, Tesla war früh dran, hat allen gezeigt wie man ein it-piece schafft und auch mit teils unterirdischen Qualitäten seine Position an der Spitze des Marktes festigt. Das werden die Stuttgarter jetzt locker unterlaufen. Dabei wollen sie gar keine Konkurrenz zum Tesla sein im Sinne der religiösen Führerschaftsübernahme. Nein, auch wollten (oder: mussten?) sie kein Produkt schaffen, dass in allen Bereichen besser ist als der US-Konkurrent. Denn: wie auch? Alle kochen nur mit Wasser und die Elektronen laufen auch in Weissach in die immergleiche Richtung, eine Revolution fällt deshalb aus, es bleibt einzig ein richtiges Päckchen zu schnüren.

Und das haben sie. Sie haben lange entworfen, gestestet, geprüft, verworfen, gestresst und appliziert. Bis nach zig Jahren der Entwicklung endlich der Rekord stand: 7:42 min auf der Nordschleife für den Porsche Taycan turbo – das S fehlt, wohlgemerkt, ein Schelm wer Böses dabei denkt!

Eine Zeit, die nichts aussagt. Sagen die Einen. Eine Zeit, die alles aussagt. Sagen die Anderen.

Warum? Weil der Tesla die volle Runde auf dem Ring gar nicht schaffen würde, schon am Anstieg nach dem Bergwerk in den Hitzschutz-Modus wechseln würde und überhaupt, ein Porsche muss auf der Rennstrecke liefern. Ein Porsche muss immer und immer wieder seine Performance bringen. Ein Porsche muss laufen. Nicht nur für die Show.

Sie haben dafür ein paar Kunstgriffe nehmen müssen, denn auch in Weissach wachsen keine Jahrhundert-Lithium-Zellen auf den schwäbischen Bäumen. Der Zulieferer gab in enger Abstimmung mit der Entwicklung erst ein größeres Temperaturfenster für die Zellen frei und mischte nach erfolgreichen Belastungstest eine eigene Zellchemie für Porsche an. Hochleistungs- und vor allem: Dauerleistungsfähig.

Dass jetzt plötzlich auf der Nordschleife zwei Tesla Model S fröhlich ihre Runden drehen ist Zeugnis dafür, wie schnell es heute in der Entwicklung gehen kann. Denn das, was die beiden Prototypen dort oben zeigen überrascht: 7:23 min für die volle Runde. Freilich keine bestätigen Werte, schon gar nicht offiziell, aber die Handstoppungen sind doch meist zuverlässig und überhaupt: der Speed der US-Cars ist pervers. Zum Vergleich: Ferrari Enzo 7:25, Zonda F Clubsport 7:24, SLS Black-Series 7:26, GT3 RS 4.0 (997.2) 7:27…

Elon Musk, im öffentlichen Auftritt gerne eher groß- als schmalspurig, zollt dem Taycan zwar Respekt, ist sich seiner Sache aber sehr sicher. Mit der neuen, effizienteren Raven-Motorengeneration, die in den beiden Erlkönigen im Plaid-Antriebslayout – also dreimotorig, statt wie bisher zwei. Einer vorn, zwei hinten – ist es aber noch nicht getan. Stattdessen sind die Model S-Rekordjäger bis an die Zähne bewaffnet.

Mächtige Radhausverbreiterungen, aggressive Fahrwerkseinstellungen in Sachen Sturz und Höhenstand (wir tippen auch auf ein voll einstellbares Stahlfeder-Gewindefahrwerk an Stelle der soften Luftfeder), Reifen, die die Welt so noch nicht gesehen hat – einer läuft auf Michelin Cup 2 R (also die ganz ganz böse Mischung) und der andere auf Goodyear Eagle F1 Supersport RS in Rekord-Spezialprofilierung, federleichte HRE-Schmiedefelgen, eine gigantische Keramikbremsanlage (so auch noch nie im Programm bestellbar gewesen) und ein heftiger, angenieteter Plexiglas-Spoiler am Heck.

Dazu kommt: vollgetönte Scheiben und mit Race-Tape angeklebte Türöffnerschlaufen. Will heißen: innen ist sicher alle rausgeflogen, wenn selbst die ausfahrenden Griffe nicht mehr tun. Mit einem Serienauto haben die P100D+ gelabelten Modelle also eher weniger zu tun. Entsprechend darf man den Rekord auch nicht (zu) ernst nehmen.

Warum wir ihn trotzdem so spannend finden?

Das Auto sieht einfach unglaublich gut aus. Wie es sich in der Kompression mächtig in die fetten Radhäuser stützt, so aussieht, als könne es vor Kraft kaum laufen und all die Sinne triggert, die wir autoverrückten seit Jahrzehnten geschärft haben. Die Plaid-Modelle könnten deshalb etwas für echte Petrolheads sein, weil sie genau das haben, was wir an Autos so lieben.

Und es ist dabei ganz egal, ob die P100D+ nun 800, 900 oder 1000PS haben. Ob sie wirklich in 7:23 um den Ring knallen oder in 1.9 Sekunden (ja, so ist es wirklich angesagt!) auf 100km/h bolzen. Denn sie sehen geil aus. Und allein das macht sie plötzlich für einen ganz neuen Kundenkreis begehrenswert. Mögen die anderen Hersteller ihre aufgedunsenen Studien für 203x auf den Messen zeigen, mögen die Schweinsnasen-Kühlergrills bis in die Heckklappe gezogen werden, möge die Autonomie bis ins elfte Level reichen – egal.

Denn wenn wir stattdessen eine fette Spurbreite, feine Felgen, einen knackigen Spoiler und ordentlich Wumms am Abzug zur Auswahl haben – ja, dann stellt sich die Frage gar nicht.

Und ja, Stichwort Lastwagenrennen, in einer Alpine, Elise, Super7, da geht das alles leichter, feiner, näher. Darum geht es aber nicht, weil wir hier von ganz anderen Bedingungen ausgehen müssen. Auch Tesla wird, wie auch Porsche schon, die Welt nicht retten mit ihrem Elektroauto – aber es ist der Schritt in eine neue Richtung. Ein Wettkampf. Neue Ideen, mit hohem Tempo. Dazu: lustig. Denn die Spaceballs-Zitate mit Ludicrous und Plaid sind tatsächlich: gut!

Fortschritt entsteht nur durch die, die vorangehen. Und wenn sich mit Porsche und Tesla zwei Unternehmen duellieren, die in ihren Gebieten sicher zur absoluten Spitze der Brillanz gehören, dann darf uns das freuen. Vor allem auf die Nordschleifenzeit eines Taycan turbo S, oder turbo S Leichtbau, oder MR (für: Manthey Racing), oder Taycan GTE RS, oder oder oder. Denn allein der turbo S mit seinen 81 Mehr-PS (761 e-PS zu 680 e-PS im Overboost für den Obertycoon), die er für jeweils 2.5 Sekunden bereitstellen kann, dürfte der S von der normalen turbo-Zeit noch eine ordentliche Scheibe abschneiden. Dazu kommt: der 7:42er-Rekord entstand auf normalen Straßenreifen, Goodyear Eagle F1 Asymmetric 5 um genau zu sein.

Was das bedeutet? Auf Sportreifen holt der Taycan alleine 10-20 Sekunden, wenn wir dann auf Supersport RS, oder die Michelin Cup 2R gehen, fallen die Zeiten nochmal ein paar Sekunden. Zusammen mit dem Extra-Boost des turbo S – wir dürfen gespannt sein.

Ob Porsche gleich die große Kelle holt und die 7-Minuten-Marke anpeilen wird, wenn Tesla seine Zeit offiziell macht?

Text: FM

Bilder: SB Medien

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