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radical #2: Vanessa Butani

Recycle, Repair, Reduce, Reuse, Repurpose und Rethink

Während früher Leder als hochwertig angesehen wurde, wird die Kritik an diesem Material immer lauter. Gemäss Schätzungen werden für die Lederproduktion jährlich die Häute und Felle von über einer Milliarde Tieren verwendet. Vom CO2-Ausstoss der globalen industriellen Tierzucht, die mit knapp 10 Prozent zu den grössten Verursachern des Klimawandels zählt, ganz zu schweigen. Laut «Welfare Quality Network» geben 83 Prozent der Schwedinnen an, dass ihnen das Wohlergehen von Tieren immer wichtiger wird. Der Trend ist eindeutig und spornt die Materialrevolution an. Auch bei Volvo: Neue experimentelle Stoffe, aber auch ursprüngliche, wiederentdeckte Naturmaterialien werden das neue Designbewusstsein prägen.

Trendreports sprechen von einem neuen Designbewusstsein, das sicherstellt, dass zukünftige Produkte über alle Kategorien hinweg ethisch, nachhaltig und regenerativ sind. Die Zukunft von Premium und Luxus wird sich um die grundlegenden R-Prinzipien drehen: Recycle, Repair, Reduce, Reuse, Repurpose und Rethink. In den nächsten fünf Jahren werden demnach die vier Säulen «Whole System Thinking», «Trust Fatigue», «Nature Renaissance» und «Luxtainability Rising» so wichtig, dass sie zum Standard werden.

Volvo Cars bietet bereits heute lederfreie Interieurs an – und in Zukunft in allen Modellen. Die neuen, nachhaltig produzierten Premiummaterialien wurden ohne Tierleid hergestellt und sind das Ergebnis jahrelanger Forschung. Das von Volvo entwickelte Textil Nordico stammt aus natürlichen, biobasierten, recycelten Quellen. Es setzt sich aus Biomaterialien aus nachhaltigen Wäldern in Schweden und Finnland, recycelten Korken aus der Weinindustrie sowie aus recycelten PET-Flaschen zusammen.

Die alternativen Materialien sind so vielseitig wie deren Einsatzbereich. Volvo Cars forscht an den unterschiedlichsten Werkstoffen; von experimentellen Innovationen über wiederaufbereitete Rohstoffe bis hin zu ursprünglichen Produkten wie Flachs oder Wolle. Gerade die schwedische Wolle stellt als Rohstoff bedeutende Möglichkeiten dar. So werden in Schweden jährlich etwa 1200 Tonnen Wolle produziert, von denen allerdings nur 37 Prozent genutzt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei das ganze Ökosystem hinter der Produktion eines Rohstoffes. Dieser muss sowohl ethisch als auch nachhaltig hergestellt, ressourcenschonend produziert, langlebig und wiederverwendbar sein. Kurz: ein geschlossener, transparenter Produktkreislauf. Eine konsequente Kreislaufwirtschaft könnte die globalen Treibhausgasemissionen um 39 Prozent senken.

Für Vanessa Butani, Head of Global Sustainability bei Volvo, geht es dabei um alles: «In der Zukunft geht es darum, Verantwortung dafür zu übernehmen, das Richtige zu tun. Bei unserem Ansatz zur Sicherheit geht es ja auch nicht nur um das Auto – es ist ein viel grösseres Bild.» So ist die Umweltpolitik einer Marke laut «Vogue Business Index» zu einem der wichtigsten Faktoren für die Kaufentscheidung eines Premiumprodukts geworden. Zwei Drittel der Verbraucher weltweit unterstützen den Wunsch nach mehr CO2-Transparenz.

radical: Früher, da sass der Chauffeur von Luxusautos (draussen) auf Leder – und die Passagiere auf dem Rücksitz auf den feinsten Stoffen, edler Wolle. Irgendwann änderte sich das, und Leder wurde zu einem Luxusprodukt. Kann man diese Denkweise umkehren? 

Vanessa Butani: Absolut, wie Sie schon sagten, kann sich mit der Zeit ändern, was als Luxus gilt. Ich sehe unsere Aufgabe auch darin, innovativ zu sein und Materialien und Lösungen zu finden, die sowohl nachhaltig sind als auch die hohen Erwartungen unserer Kunden erfüllen und sie auch begeistern. 

radical: Wenn man es auf den Herstellungsprozess herunterbricht, sind Materialien wie «Nordico» Polyesterverbindungen, also Kunststoff. Ist das wirklich nachhaltig? Sie dürfen uns gern auch ein paar Zahlen nennen.

Butani: Nordico hat eine der geringsten Umweltauswirkungen aller Oberflächenmaterialien. Dies liegt daran, dass Nordico teilweise aus biobasierten Materialien hergestellt wird und daher weniger Auswirkungen auf Schlüsselbereiche wie Klima, Landnutzung und Wasserverbrauch hat. So ist beispielsweise der CO2-Fussabdruck von Nordico etwa 27 Prozent geringer als der eines herkömmlichen, auf fossilen Brennstoffen basierenden Vinyls desselben Unternehmens. Die Reduzierung ist auf die Verwendung von recyceltem PET-Trägermaterial anstelle von primärem PET und die Verwendung von Holzabfällen als Rohmaterial zurückzuführen. Bei der Betrachtung von Materialien in unseren Autos nehmen wir eine ganzheitliche Perspektive ein. Neben der Nachhaltigkeit führen wir strenge Haltbarkeits- und Leistungstests für alle unsere Materialien durch.

radical: Genau, Nachhaltigkeit besteht unter anderem auch aus einer langen Lebensdauer. Im Labor können Sie Materialien wie «Nordico» extremen Bedingungen aussetzen. Haben Sie bereits Erfahrungswerte in dieser Hinsicht? 

Butani: Alle Materialien, die wir in unseren Autos verwenden, werden strengen Tests unterzogen, und wir arbeiten mit unseren Lieferanten zusammen, um Materialien zu entwickeln, die unseren Standards entsprechen. Wir messen alle unsere Materialien an unseren Standards für Haltbarkeit, und sie sind so konzipiert, dass sie die gesamte Lebensdauer des Autos überdauern. 

radical: Die Forschung ist der Realität um viele Jahre voraus. Welche interessanten Materialien kommen als Nächstes? 

Butani: Die Zukunft ist aufregend, aber wir brauchen alle Teile des Puzzles, bevor wir Details öffentlich machen. Wir untersuchen zukünftige Materialien für Fahrzeuginnenräume und Polsterungen und konzentrieren uns dabei auf Langlebigkeit, geringe Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit und verbesserte Recyclingquoten. Unsere Forschung erstreckt sich über verschiedene Bereiche ausserhalb der Automobilindustrie, um Innovationen zu entwickeln und unseren Kunden einen echten Mehrwert zu bieten, während wir uns an der Marke Volvo Cars orientieren. Je besser wir die Auswirkungen verstehen, desto mehr Möglichkeiten sehen wir, verschiedene Materialien für unterschiedliche Anwendungen zu erforschen. 

radical: «Patina» ist ein schönes Wort, das vor allem Oldtimerbesitzer zum Lächeln bringt – wird es auch bei diesen modernen Materialien auftreten?

Butani: Ich denke, unsere Autos altern schön, aber wichtig ist auch, dass die Materialien in unseren Autos langlebig sind und ihre Leistung beibehalten. Bei Volvo Cars lieben wir das Konzept des Designs, und die Einzigartigkeit des skandinavischen Designs findet sich in allen Komponenten unserer Autos wieder.

radical: Wie gut lassen sich diese neuen Materialien recyceln? Werden sie von Volvo wiederverwendet? 

Butani: Die Kreislaufwirtschaft ist ein wesentlicher Bestandteil der Art und Weise, wie wir unsere Autos entwerfen und entwickeln. Es gibt Recyclingtechnologien für alle Arten von Innenraummaterialien. Zum Beispiel können wir bei einem Polymer wie Polyester oder PVC thermoplastisches Recycling einsetzen, sodass es als neuer Rohstoff verwendet werden kann, und Leder kann gemahlen und zu verschiedenen Arten von funktionalen Anwendungen geformt werden. Wir arbeiten weiterhin daran, den Anteil an recycelten Materialien zu erhöhen, und die Menge an recycelten Kunststoffen, die in aktuellen und zukünftigen Modellen verwendet werden, nimmt zu. In unserem EX30 verwenden wir durchschnittlich 17 Prozent recycelte Kunststoffe, und bestimmte Polsterungen haben einen deutlich höheren Recyclinganteil.

Es ist dies eine Story aus der Volvo-Beilage in unserer Print-Ausgabe radical #2. Deren Inhaltsverzeichnis gibt es hier.

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