Der Patron
Es muss schon ein sehr, sehr gutes Gefühl gewesen sein, damals, vor bald 50 Jahren, eine Form von Erhabenheit. Vielleicht, wahrscheinlich entstand genau damals und mit genau diesem Fahrzeug das Bedürfnis nach dem eingebauten Vorfahrtsrecht, dem manch ein Lenker eines deutschen Automobils auch heute noch anhängt. 200 km/h, vielleicht auch 220 gingen sich auf den damals noch leeren deutschen Autobahnen gut aus, viele Gegner brauchte man nicht zu erwarten, auch mit einem damals ebenfalls neuen Porsche 930 Turbo war kaum jemand flotter unterwegs. Niemand allerdings fuhr in den späten 70ern so souverän so schnell, so komfortabel, fast schon schwerelos. Was nun natürlich auch wieder relativ ist, der im März 1973 vorgestellte, aber erst ab Herbst 1975 erhältliche Mercedes 450 SEL 6.9 kratzte an der 2-Tonnen-Marke, er war mit seinen 5,06 Metern Länge, 1,87 Metern Breite, 1,41 Metern Höhe und seinem Radstand von 2,96 Meter schon auch ein Trumm. Doch das passte sicher zur Klientel, wir stellen uns den Wirtschaftswunderunternehmer vor, er trägt wohl Weste, sicher Krawatte, einen gediegenen Wohlstandsranzen, er ist sauber rasiert und duftet nach Old Spice, im Mund vielleicht eine Zigarre, mit nur einer Hand am Lenkrad dirigiert er den Verkehr, lässt ihn bald weit hinter sich, stellt seinen Stern dann auf dem für ihn reservierten Parkplatz vor dem nur leicht protzigen Neubau seiner Firma ab; im obersten Stock wartet schon seine Sekretärin mit einem dünnen Kaffee, schwarz, weil es damals so Mode war für den Herrn von Welt. Gut 70’000 D-Mark, genau 84’000 Franken kostete das Top-Modell der Baureihe 116 Anfang 1976, mehr als 40’000 D-Mark mehr als das Einstiegsmodell, der 280 S, da hatte man schon ein paar Batzen gespart vorher und wohnte auch nicht mehr in der Reihenhaussiedlung.



Als «bestes Auto der Welt» bezeichnete «auto, motor und sport» den Mercedes 450 SEL 6.9 auf der Titelseite der Ausgabe 21/1975. Und auch wenn wir der deutschen Fachpresse nicht nur vertrauen und zu den aktuellen Daimler-Produkten ein etwas gespaltenes Verhältnis haben, so wollen wir das trotzdem unterschreiben. Wohl nie vorher (und danach sowieso nicht mehr) stand ein Automobil derart konkurrenzlos an der Spitze der Nahrungskette wie dieser Benz. Aber eigentlich sind es ja nur 6,8 Liter Hubraum (Bohrung x Hub 107 x 95 mm, 6834 cm3), doch noch selten hat ein Motor so gut in eine grosse Limousine gepasst wie dieser Achtzylinder. Fast 500 Nm standen im ganzen Bereich zwischen 1000 und 4500/min zu Verfügung, 550 Nm waren es im Maximum bei 3000/min, da reichte auch eine Dreigang-Automatik (die Sechszylinder waren mit einer 4-Gang-Automatik ausgerüstet). Das tönt auch gut, nach Kraft. Gut, 8,2 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h mögen heute nicht mehr so beeindruckend sein, doch damals fuhren ansonsten Käfer und Kadetten über die deutschen Strassen, da war nie ganz sicher, ob sie es überhaupt auf 100 km/h brachten. Man kann zudem davon ausgehen, dass die meisten SechsNeuner in der Leistung (286 PS bei 4250/min) etwas nach oben streuten, das Werk gab als Höchstgeschwindigkeit 225 km/h an, die einst so wertvolle «Automobil Revue» schaffte beim Test aber 237 km/h. Ach ja, «ams» kam auf einen Durchschnittsverbrauch von 23,2 Liter/100 km. Der Tank fasst 96 Liter, der Kofferraum fast 600 Liter.







Selbstverständlich war die serienmässige Ausstattung für damalige Verhältnisse grossartig, Klimaanlage, wärmedämmendes Glas, heizbare Heckscheibe, Zentralverriegelung, Tempomat, elektrische Fensterheber, Scheinwerfer-Reinigungsanlage; gegen Aufpreis gab es zum Beispiel ein elektrisches Schiebedach (968,90 DM) oder ein erstes Auto-Telefon, das Becker AT160S für exorbitante 13’542 DM. Doch das war es alles nicht, was das Fahren eines Mercedes 450 SEL 6.9 so besonders machte, sondern die Hydropneumatik. Und das spürt man auch heute noch: Noch selten sind wir ein komfortableres Automobil gefahren. Das so wunderbar weich und trotzdem stabil auf der Strasse liegt. Selbstverständlich haben wir den älteren Herren aus der Sammlung von Mercedes Classic nicht bös um die Kurven geprügelt, doch man kann sich gut vorstellen, das da einiges am Potenzial vorhanden ist, obwohl vielleicht etwas gar viel Gewicht auf der Vorderachse lastet. Aber auf der Landstrasse, da braucht man auch heute den Passat Diesel nicht zu fürchten, obwohl gefühlt ein Drittel der Leistung irgendwo in der 3-Gang-Automatik versandet. Diese ist überhaupt ziemlich unwillig, eigentlich will sie nur im höchsten Gang bewegt werden, das grenzt dann schon etwas an Arbeitsverweigerung. Doch es ist mehr als genügend Drehmoment vorhanden, da passt das schon.












Die Sitze sind viel zu weich, Leder (gegen Aufpreis, Serie war noch weicheres Velours), Seitenhalt war damals noch ein Fremdwort; bei etwas flotterer Fahrt ist es gut, wenn man sich am riesigen Lenkrad festhalten kann. Die Lenkung ist irgendwie typisch für einen Benz jener Jahre, man dreht mal ein bisschen, es passiert zuerst gar nichts; als ob man das Fahrzeug davon überzeugen müsse, dass der Richtungswechsel durchaus gewollt ist. Dafür ist die Bedienung eine wahre Freude, echte, grosse Schalter und Knöpfe, da weiss man, was man hat und was man tut. Es ist kein schwülstiger Luxus wie in einem Cadillac oder Rolls-Royce (Silver Shadow damals für 119’000 Franken, Camargue gar 213’400 Franken) jener Jahre, der Schwabe blieb auch im Reichtum vernünftig. Wobei: Entfall Typenbezeichnung wurde dann doch selten bestellt, die «6.9» am Heck zeigte dann schon schön auf, dass man es zu etwas gebracht hatte. 7380 Exemplare des SechsNeuner wurden bis 1980 im Werk Sindelfingen gebaut, es gibt noch so einige auf dem Markt, ihre Schwachstelle ist die eigentlich so grossartige Hydropneumatik.










Wir fuhren diesen feinen Mercedes im Rahmen einer Veranstaltung von CarDesignEvent im Nationalen Automuseum, «The Loh Collection». Andere Klassiker haben wir im Archiv.


Da kommen Kindheitserinnerungen hoch, Herr K., der engste Freund meines Vaters, tauschte 1975 seinen weißen Jaguar XJ 6 S.I gegen einen Mercedes 6,9 ein, für mich als zwölfjährigen, autobesessenen Oberschüler ein zwiespältiges Ereignis,
Ich fand schon damals das Design dieser Baureihe wenig ansprechend im Vergleich zum sauber gezeichneten Vorgänger 300 SEL 6,3 und den Mercedes im Vergleich zum überirdisch eleganten Jaguar eher plump.
Herr K. hatte wiederum Weiß gewählt, mit schwarzen Lederpolstern und er hatte auf die Alufelgen zugunsten von Stahlfelgen mit Radkappen verzichtet und auf dem Kofferraumdeckel stand „350 SEL“, so war das früher in Hamburg.
Herr K. Trug in der Tat einen dreiteiligen Anzug aus London und Krawatten aus Paris und blieb fortan nicht mehr am Rande der Autobahn liegen, der Wagen, in dem ich häufiger mitfahren durfte, hatte einen unglaublichen Klang und war für mein Empfinden extrem schnell, in meinen kurzen Hosen rutschte ich auf der Rückbank haltlos hin- und her, Leder gab es nur auf den Sitzflächen, der Rest des Interieurs war aus Plastik bzw.. aus Holz, was aber nicht den Eindruck machte, echt zu sein und das Auto verströmte die unzerstörbare Aura Deutscher Qualitätsarbeit ohne jegliche Sinnlichkeit.
Wieviel schöner war doch der weiße Jaguar gewesen, auch wenn er keine elektrischen Fensterheber hatte und tatsächlich häufiger liegen blieb…
Herr K. behielt den 6,9 bis weit in die frühen neunziger Jahre, ab und zu fehlte mal eine Radkappe und mit den Jahren sah man ihm sein Alter an, beim Kilometerstand von 890.000 sollte er vom TÜV wegen Durchrostung des Unterbodens stillgelegt werden, der jugendliche Verkäufer bei Mercedes stellte sich so dämlich an, daß Herr K. beschloß, fortan BMW 750 iL zu fahren, natürlich wieder in Weiß mit schwarzen Lederpolstern, seine Witwe fuhr das Auto bis Mitte der zehner Jahre des neuen Jahrhunderts.
Gottseidank kam der Jaguar als Gebrauchtwagen in gute Hände, ich durfte weiter die feinen, verchromten Fensterkurbeln betätigen, um die grüngetönte Seitenscheibe hinten rechts herunterzulassen…
Ein schöner Bericht, den ich gut nachvollziehen kann.
Tatsächlich hatte ich auch einen Herrn K. (wirklich K.).
Es war der Vater eines Schulkollegen, der Opa wohnte auch im großen Haus.
Opa und Vater hatten einen silbernen 280 SEL 3,5 mit schwarzem Leder und einen dunkelblauen 300 SEL mit grauem Velours.
Der Vater holte uns des öfteren im 16 km entfernten Gymnasium ab, mal mit dem einen, mal mit dem anderen Benz.
Highlight des silbernen war die Klimaanlage, damals noch ein echtes Novum, aber auch schon damals sehr angenehm.
Erst mal sei bitte eine kleine Korrektur erlaubt.
Alle 8-Zylinder W116 hatten die 3-Gang-Automatik und die 6-Zylinder die 4-Gang-Wandlerautomatik (neu als Ersatz für die im W108/109 noch verwendete Ruck-o-matic).
Meinem Gefühl nach war eher der 1968 erschienene 300 SEL 6.3 das zu seiner Zeit absolut überlegene Fahrzeug bei den Limousinen.
1972 legte Jaguar mit dem 12-Zylinder nach, der 6.9 war dann eher eine Notwendigkeit, um die Vormachtstellung zu behaupten.
Aber ganz so einsam war er, der 6.9, nicht mehr ……. mal abgesehen von bereits seit vielen Jahren verkauften Opel Diplomat mit 4,6 und 5,4 Liter Chevy-Motoren.
Ich hatte als junger Mann mal das Vergnügen eine ganzen Tag lang, ca. 400 km, einen W116 280 SE Automatik fahren zu dürfen und der war wirklich richtig gut.
Viel besser als der ein wenig schwammig zu fahrende W108.
Ich mag den W116 auch heute noch sehr und er hat einen Stil (eigentlich bereits ein Jahr vorher der R107) bei Mercedes eingeführt, der gut 40 Jahre gehalten hat.
Den W126 konnte ich dann mal als 500 SE fahren, der war nochmal besser, aber ist irgendwie langweilig, auch heute noch.
zuerst einmal: Danke für die Korrektur. Und dann, ja, stimmt, Jaguar gab es damals auch noch )
Das war sehr böse, Herr Ruch!
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, was für ein überirdisches Erlebnis es in den siebziger Jahren war, in einem damals aktuellen XJ durch die Stadt und über die Autobahn zu gleiten, formal und auch technisch war der XJ insbesondere als Zwölfzylinder dem Mercedes bei weitem überlegen, nur die Qualität war eben nicht auf dem Stand wie es hätte sein müssen.
Ich habe unlängst eine ca. 1.200 km lange Reise mit einem 32 Jahre alten XJ12 unternommen, das Auto besticht immer noch mit einem exquisiten Fahrwerk, einem wunderbaren Motor und einer unvergleichlichen Aura.
1973 Rentner Barrock 🙂
ups..da springt ein Fußball über die Straße.. 🙂
As the younger owner of a 1977 Milan Brown 6.9, your wonderfully written article gives a great glimpse into the greatness and enjoyment associated with these cars. Thank you for sharing.
Mein Vater hatte zwei gue Feunde. Der eine fuhr (überzeugt) S-Klasse, als 280er de andere eine Jaguar/Daimler XJ12. Für mich als Kind, mahte der Jaguar/Daimler bezüglich der Farbkombi Weinrotmetallic/schwarzes Leder mehr Eindruck als MB-Tex (oder wie das Kunstlederezugs beim MB hieß) und so kackbraun eingefärbt war. Auch war der MB irgendwie „zu nah“ an unserem /8 280E!
Was den MB auszeichnete, wi auch den /8 und später der W123, war die absolute Zuverlässigkeit bei minimalem Pflegeaufwand. Der /8 rostete halt im Zeitraffer, aber Panne? Fehlaneige! Einsteigen, losfahren, ankommen. Der Freund mit dem Jaguar/Daimler hatte trotz 12 Zylinder eigentlich auch verhälznismäßig wenig Problme aber einen doch höheren Pflegeaufwand und der Wagen brauchte Zuneigung. Vielleicht wechselte der Freund dann zu einem Pajero, da ihm der Aufwand zu viel wurde? Na ja, aus der kindlichen Perspektive war der Jaguar/Daimler wg. 12 Zylinder, Form und Inneraumanmutung der Favorit – MB fazinierte wegen der scheinbaren Unzerstörbarkeit und des scheinbar „ewigen Lebens“.
Das ist in der Tat richtig, ein Jaguar hatte nie diese Aura der Unzerstörbarkeit und absoluten Zuverlässigkeit wie die Deutschen Konkurrenten, er war immer viel filigraner, und verlangte nach Empfindsamkeit im Umgang, auf längeren Fahrten geht man automatisch anders mit dem Wagen um, horcht nach ungewöhnlichen Geräuschen, hat immer die Instrumente im Blick, kontrolliert regelmäßig die Flüssigkeitsstände, man hat nicht dieses Urvertrauen in die Technik wie bei einem Mercedes oder BMW oder Audi.
Eigentlich ist das seit Mitte der achtziger Jahre gar nicht mehr so nötig, aber ich jedenfalls habe es so verinnerlicht.
Wenn ich mit meinem Winter-Langstreckenauto, früher einem Phaeton, jetzt einem Audi A6, unterwegs bin, dann pflege ich einen völlig anderen Umgang mit dem Wagen als im Jaguar, keineswegs behandele ich das Auto schlecht, aber ich mache mir keine großen Gedanken über den Wagen, ich bin einfach weniger sorgsam im Umgang.
Und natürlich war die Verarbeitung der Jaguare bis zum Erscheinen des X300 nicht mit der einer S-Klasse oder eines Siebeners zu vergleichen, das wurde in den neunziger Jahren dann ganz anders und blieb auch bis zum Versterben der Marke so.
Wenn 6.9 dann Claude Lelouches C’etait un Rendezvous
Die Hintergründe stehen in den Kommentaren.
https://m.youtube.com/watch?v=QvzM_eRKubQ&pp=ygUdVW4gcmVuZGV6dm91cyBhIHBhcmlzIGZlcnJhcmk%3D
Eigentlich schon eine Geschichte in der Geschichte: Das schnelle Leben von Cloclo, sein tragischer früher Tod und sein Sechs-Neuner.
https://www.gipimotor.com/en/classic/sale/mercedes-benz-450-sel-6-9-ex-claude-francois-1977.html
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Claude_Fran%C3%A7ois
„Das Auto, das von Räubern nach einem Straßenunfall verfolgt wurde, wurde mehrmals angeschossen, darunter ein paar Kugeln in die Kopfstütze des berühmten Fahrers (das Auto wurde nach dem Ereignis repariert). Claude Francois überlebt das schreckliche Ereignis und wird später seiner deutschen Limousine zuschreiben, dass sie ihr Leben gerettet hat.“
Vielen Dank für die Links zum 6.9 von Cloclo und natürlich zum Film von Lelouch.
Sowohl Niki Lauda – der allerdings auch einen Jaguar XJ12 hatte – als auch James Hunt waren ebenfalls 6.9-Eigner, Hunt hatte sogar zwei Exemplare, sein letzter, dunkelbrauner 6.9 stand wohl in den letzten Jahren vor seinem Tod ohne Räder aufgebockt auf Ziegelsteinen vor seiner Villa bei London weil ihm wohl das Geld für die Reparaturen fehlte, im Netz gibt es diverse Photos davon:
https://www.shutterstock.com/de/editorial/image-editorial/james-hunt-1979-1993-1993-hunt%27s-mercedes-on-9030844a
Nach seinem Tod wurde der Wagen verkauft und restauriert, vor einigen Jahren stand er bei Historics Auctioneers zum Verkauf:
https://online.historics.co.uk/lot-details/index/catalog/1/lot/356/Mercedes-Benz-450-SEL-Ex-James-Hunt
Als ich 1979 mein Praktikum bei Daimler-Benz in Sindelfingen absolvierte, traute man mir einen 450 SEL 6,9 an, um diesen ins Hauptwerk nach Stuttgart Untertürkheim zu bringen.
Als junger Student mit 21 Jahren war es ein erhebendes Gefühl, dieses Auto fahren zu dürfen.
Diese Fahrt hat mein Autofahrerleben geprägt, denn dieses mühelose Gleiten war einfach aus einer anderen Welt. Mit der gebotenen Ehrfurcht bewegt habe ich nie wieder ein solches Fahrerlebnis geniessen dürfen.