Zurück zum Content

pure//: Skurrile Pilz-Bezeichnungen

Phallus impudicus – und so

To be honest: Ich habe so ziemlich gar keine Ahnung von Pilzen. Klar, die Morchel, der Champignon, Shiitake und sonst noch ein paar Japaner, das kenn ich schon, auch einen Fliegen- kann ich von meinem Fusspilz unterscheiden. Aber da draussen im Wald wäre ich verloren, giftig, essbar, halluzinogen – keinen Schimmer. Was ich aber liebe: Wie herrlich skurril die Bezeichnungen für Pilze doch sein können! Es sollen hier deshalb dann und wann ein paar besonders fröhliche Beispiele genannt werden.

Du Stinkmorchel!
Die Morchel nun, morchella, ist ein Schlauchpilz, als morchella esculenta einer der begehrtesten Speisepilze überhaupt, in Skandinavien sogar gern als «Trüffel des Nordens» bezeichnet. Wie die Stinkmorchel (phallus) zur Ehre kam, in der deutschen Sprache mit dem gleichen Namen geehrt zu werden, das kann wohl nur mit der Kurzsichtigkeit mancher Sammlerinnen erklärt werden. Oder dann so: Die Gattin des Naturforschers Carl von Linné, der mit seiner binären Nomenklatur die Grundlagen der modernen botanischen und zoologischen Taxonomie schuf, meinte zu dem Pilz, er sehe aus wie ein «schamloses, männliches Glied». Linné, braver Ehemann, der er war, taufte ihn in seiner Systematik «Phallus impudicus» (also: unzüchtig, unkeusch). Die Stinkmorchel-Verwandten gehören keinen obskuren Parteien an, sondern werden zur Familie der Phallaceae gezählt, die zumeist auch Hexeneier hervorbringen. Jetzt wird es, Entschuldigung, sogar auf Wikipedia leicht frivol: «Während der Reifung der Fruchtkörper reisst die Peridie auf, das unverzweigte, hohle und gekammerte Receptaculum, das an seinem Ende die feucht bleibende Gleba trägt, streckt sich. Die schleimige dunkelgrüne oder olivfarbene Gleba sitzt dem stielförmigen Receptaculum glockenförmig auf.» Aha. Kein Wunder, dass Henrietta Emma Litchfield, die Tochter von Charles Darwin, eine tiefe Abneigung gegen ebendiese Gemeine Stinkmorchel (also gemäss Linné: Phallus impudicus) hegte, wegen der Form und wohl vor allem des aasartigen Geruchs empfand auch sie den Pilz als obszön. Sie ging so weit, die Pilze in ihrem Garten heimlich zu entfernen und zu verbrennen, um die (oder ihre) Sittlichkeit zu schützen. Selbst ist die Frau. Der extreme Gestank der Stinkmorchel dient übrigens dazu, Fliegen anzulocken, die dann die Sporen weiterverbreiten – es ist wie im richtigen Leben. (Photo oben: Olli Wittman)

Das Judasohr
Nun kenn ich mich mit und in der Bibel noch weniger aus als Pilzen. Judas aber ist mir irgendwie bekannt, er könnte ein Verräter gewesen sein. Und er soll sich aus Scham für sein Tun an einem Holunderbaum erhängt haben. Dort nun, an diesen Holunderbäumen, wachsen eigenartige, ohrenmuschelförmige Pilze – und schon haben wir wieder eine Bezeichnung erklärt, Auricularia auricula-judae, eben, das Judasohr. Doch eigentlich geht das noch viel tiefer, denn die diversen Ohren des Judas sind – wie heute viele Jünger der Moderne auch – Schwächeparasiten, sie können sich allerdings, Achtung, saprobiontisch von bereits abgestorbenem Holz ernähren – und werden dann in der Küche gerne als so genannte Füllpilze verwendet, weil sie quasi geschmacksfrei sind. Man könnte sich dann fragen, warum man diese Verräter überhaupt isst, wenn sie doch gar keinen Gusto haben. Aus der gleichen Familie, nicht der Verräter, sondern der Auricularia, stammt dafür noch der Mu-Err, der im asiatischen Raum sehr geschätzt wird. Auf den Versuch der Erklärung des Namens dieses Ohrlappens kann ich gut verzichten, denn mit dem Chinesischen habe ich es ähnlich wie dem Biblischen. Noch dies: Auricularia auricula-judae kann durchaus mit dem Blattartigen Zitterling und dem Stoppeligen Drüsling verwechselt werden. Ach ja, den Warzigen Drüsling gibt es auch noch, den wollen Sie aber nicht sehen.

Der Graue Scheidenstreifling
Als ob man es als Grauer Scheidenstreifling nicht schon schwer genug hätte, doch dieser Pilz, Amanita vaginata, wird im Volksmund zudem gerne als Vorhautzieher bezeichnet. Dazu gehört er auch noch die Gattung der Wulstlinge, obwohl er selber gar keinen solchen hat. Aber sein – im Alter hohler – Stiel wird von einer lappigen Volva – kein Schreibfehler – umschlossen, deshalb der Name. Es gibt dann auch noch den Rotbraunen Scheidenstreifling, Amanita fulva, und wer nun schon wieder an einen Schreibfehler denkt, dem sei geholfen: fulva bedeutet auf Lateinisch irgendetwas zwischen dunkelrot und braungelb. Scheidlinge kann man (gekocht) geniessen, muss man aber nicht, es bringt einem im Leben nicht weiter.

Ach ja, es gibt da dieses wunderbare Buch: Mushrooms, The Gourmand’s Mushroom. A Collection of Stories & Recipes, Hardcover, 20 x 27.9 cm, 1.40 kg, 292 Seiten, 40 Euro, erschienen bei taschen.com. Wir werden dann noch etwas erzählen dazu, aber es ist dies eine absolute Empfehlung, grossartig.

Mehr solche Geschichten finden Sie jetzt auf: pure.

1 kommentar

  1. Hömal Hömal

    Lieber Herr Ruch,

    sie sollten sich wirklich mehr mit Pilzen selbst beschäftigen und nicht nur mit ihren kuriosen Namen. Tatsächlich ist das Sammeln von Wildpilzen weit weniger gefährlich als viele glauben. Den extrem giftigen Knollenblätterpilz (weiß wie grün) erkennt man sehr leicht an der Knolle am Stielfuß sowie den weißen Lamellen. Alle ihm ähnlichen Speisepilze haben entweder keine Knolle am Stiel (Täublinge) oder braune Lamellen (Champignons, Parasol).

    Es gäbe so viele wohlschmeckende Schätze zu entdecken unter den heimischen Pilzen:

    Steinpilze und Eierschwammerln (Pfifferlinge) kennt jeder. Unter den Röhrlingen schmeckt der weit weniger bekannte Maronenröhrling ebenfalls sehr fein. Den Gallröhrling, der auch sehr große Mengen im Kochtopf ungenießbar macht, erkennt man am Geschmack. Einfach ein keines Stück vom rohen Pilz abschneiden. Den giftigen Hexenpilz erkennt man an den rötlichen Röhren und daran, dass sich das Fleisch beim Aufschneiden blau verfärbt.

    Weniger bekannte aber ebenfalls wohlschmeckende Pilze sind Täublinge (Hut grün oder blauviolett, der Speitäubling mit seinem kräftig roten Hut ist ungenießbar), die kugeligen Boviste aller Art, aber auch Pilze wie die Herbst-/Totentrompete (Craterellus cornucopioides), die mit ihren braunschwarzen, ledrigen Fruchtkörpern nach gar nix aussieht aber durchaus schmeckt – entweder frisch als Alternative zum chinesischen Mu Err oder getrocknet (da gewinnen sie an Aroma) als Zugabe zu Saucen oder Suppen. Findet man massenhaft und werden nur wenig gesammelt.

    Der Parasol ist ebenfalls ein großartiger Speisepilz und zweifelsfrei am verschiebbaren Ring erkennbar.

    Zusammenfassung: Es lohnt sich, sich ein wenig mit den heimischen Speisepilzen zu beschäftigen. Und wie gesagt: Der einzige leider tatsächlich tödlich giftige Pilz, den man keinesfalls essen darf (selbst kleine Stücke können zum Tod führen), nämlich der Knollenblätterpilz, ist in Wirklichkeit recht einfach zu bestimmen. Und auch sonst ist die Pilzbestimmung kein Hexenwerk, das Laien nicht lernen können. Mit einem guten Bestimmungsbuch ist man auf der sicheren Seite und kann den einen oder anderen weniger bekannten und wohlschmeckenden Schatz entdecken.

    Einzige Einschränkung: Wenn man nicht gern querfeldein durch den Wald gehen mag, ist Pilze sammeln eindeutig das falsche Hobby.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert